Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Neues Museum Berlin: Neuer Thron für Nofretete

(c) Reuters (Fabrizio Bensch)
  • Drucken

In Berlin ist das Neue Museum eröffnet worden, das ab Kriegsende eine Ruine war. Architekt David Chipperfield hat das Gebäude behutsam rekonstruiert.

Viele Besucher des Neuen Museums in Berlin werden wohl gleich die Direttissima ins Obergeschoß nehmen und schnurstracks zu Nofretete eilen. Die 3300 Jahre alte Büste, die ebenso eindrucks- wie geheimnisvoll in der Nordkuppel in einer hohen Vitrine thront, stellt das absolute Schmuckstück des am Freitag wiedereröffneten Museums dar. Sie ist aber nur eines von 9000 Objekten auf 8000 Quadratmetern in vier Stockwerken, die mehrere Sammlungen vereinen: Ägyptisches Museum, Papyrussammlung, Vor- und Frühgeschichte, ergänzt durch Objekte der Antikensammlung, die Troja-Sammlung von Heinrich Schliemann.

Zu den herausragenden Objekten zählen der bronzezeitliche „Goldhut“, die Schädel des Neandertalers von Le Moustier und des Menschen von Compe Capelle. Highlights des Ägyptischen Museums sind der „Grüne Kopf“, drei frisch restaurierte Opferkammern aus dem Alten Reich sowie die Amarna-Sammlung, zu der auch die Nofretete gehört. Sie kam 1913 durch den Mäzen James Simon nach Berlin und verbrachte die vergangenen Jahrzehnte in Charlottenburg.

 

„Ende der Nachkriegszeit“

Es ist für viele Exponate aus dem Ägyptischen sowie dem Museum für Vor- und Frühgeschichte eine Rückkehr in die frühere Heimat. „Auf der Museumsinsel geht heute die Nachkriegszeit zu Ende“, freut sich Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Endlich sind wieder alle fünf Häuser in Betrieb, 70 Jahre nach seiner kriegsbedingten Schließung hat auch das Neue Museum, das zwischen Pergamon und Altem Museum liegt, seine Pforten wieder geöffnet. Ab 1843 von Friedrich August Stüler erbaut, war es im Zweiten Weltkrieg in Teilen fast vollständig zerstört und hatte danach ein jahrzehntelanges Ruinendasein in Wind und Wetter gefristet. Ein Wiederaufbau galt bis in die Mitte der 80er-Jahre als höchst unwahrscheinlich.

2003 begann der britische Architekt David Chipperfield mit der Arbeit. Dass die Eröffnung ins 20. Jubiläumsjahr der Wende fällt, „ist ein glücklicher Zufall. Das reiht sich gut in die Feierlichkeiten ein“, so Parzinger. Seit 1999 zählt die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe, sie wird bis 2028 modernisiert; der Plan sieht etwa eine unterirdische archäologische Promenade vor, die mehrere Häuser miteinander verbinden soll. Die ganze Spree-Insel solle zu einer „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ umgewandelt werden, hatte bereits 1841 Friedrich Wilhelm IV. beschlossen.

Der Wiederaufbau des Neuen Museums kostete inklusive Ersteinrichtung 212 Millionen Euro, die vom Bund getragen wurden. Über Chipperfields Pläne, die unter dem Motto „ergänzende Wiederherstellung“ standen, war heftig debattiert worden, vor allem über die massive Betontreppe und die Rohziegelwände in der zentralen Museumshalle. Schon zwei Besichtigungstage im damals noch leeren Museum anlässlich der Schlüsselübergabe im Frühjahr versetzten das Berliner Publikum dann aber in helle Begeisterung. Problemlos gleitet der Besucher zwischen den Zeiten, begibt sich auf eine sinnliche Entdeckungsreise. Von außen fällt kaum auf, dass der Nordwestflügel eine Ziegelabstraktion des alten Putzbaus ist. Im Inneren erhielt Chipperfield, der den Auftrag zur Wiederherstellung bereits 1997 bekommen hatte, wo es ging, das Originalmaterial, ließ zugleich Narben der Verwitterung und des Krieges, wie etwa Einschusslöcher, unverdeckt. Nur unwiederbringlich verlorene Teile des Museums wurden durch moderne Elemente ersetzt.

Der Architekt erscheint hier als Archäologe, der die Reste behutsam zusammengefügt und auf zeitgemäße Weise, zugleich ohne Brüche, ergänzt hat. Das Zusammenspiel des räumlichen Rahmens mit den Exponaten wirkt perfekt, der Besucher wird gleichsam von einem Sog erfasst, der ihn durch die Jahrtausende zieht. Transparente, lichtdurchflutete Höfe, mysteriöse Kellergewölbe, dunkle Gänge. Man muss sich einfach nur treiben lassen. Bei aller Ehrfurcht vor Nofretete: Es wäre schade, das Museum nur ihretwegen zu besuchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2009)