Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Islam-Lehrer: „Müssen Imamen Vorurteile nehmen“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Ednan Aslan, Leiter der Islamischen Religionspädagogik der Uni Wien, über seinen neuen Imam-Lehrgang, Adventkalenderersatz für muslimische Kinder und zu viele Sozialleistungen an Migranten.

Deutschland diskutiert, ob es mitten im Land türkische Parallelstädte gibt. Ist ein solches Versagen der Integration auch ein religiöses?

Aslan: Religion kann Integrationsprobleme nicht lösen. Religion kann die Menschen ermutigen.

 

Ist es eine Integrationsmaßnahme, wenn Sie Imamen den postgradualen Universitätslehrgang „Muslime in Europa“ anbieten?

Aslan: Das ist kein theologischer Lehrgang, das stimmt. Es geht darum, dass wir den Imamen Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in Österreich nahebringen. Sie dürfen nicht vergessen, Imame habe eine sehr schlechte Stellung in der österreichischen Gesellschaft. Man redet zwar viel über die Imame, sie werden aber schlecht bezahlt. Sie haben keine richtige Aufenthaltsgenehmigung, sie müssen sie jährlich verlängern. Wenn sie einmal arbeitslos sind, werden sie abgeschoben. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, sie bekommen durchschnittlich 800 bis 900 € Gehalt. Und wenn der Moschee-Verein sagt: Du hast uns kritisiert, du musst das Land verlassen, dann ist das Gesetz für die Imame und Seelsorgerinnen in Österreich. Imame wurden nicht gleichgestellt mit den anderen Geistlichen, die in Österreich arbeiten.

 

Wollen Sie, dass der Staat sie bezahlt?

Aslan: So weit muss man nicht gehen. Integration setzt aber voraus, dass die Menschen gleichgestellt sind. Wenn Sie jemandem sagen, du darfst nur ein Jahr hierbleiben, bedeutet das, dass hier keine Bereitschaft zur Integration besteht. Deshalb habe ich das Innenministerium angeschrieben und gebeten, dass wenn die Menschen einen Schritt in Richtung der Gesellschaft machen, dieser Mut honoriert wird.

 

Aber was genau lernen sie in Ihrem Lehrgang? Mehr als die Sprache?

Aslan: Deutsch ist Voraussetzung für diesen Lehrgang. Wir haben im Moment 60 Bewerbungen für 30 Plätze. Viele haben diese Sprache vor fünf, sechs Jahren irgendwo gelernt, dann aber nichts mehr damit angefangen. Sie bleiben unter ihren Mitmenschen – Türken, Arabern, Persern. Daher werden wir neben diesem Lehrgang Deutschnachhilfe anbieten, damit die Teilnehmer die Veranstaltung verstehen.

 

Eines der Integrationsprobleme in Großstädten betrifft junge Männer, meist mit türkischem Migrationshintergrund, die offenbar von ihren Müttern verhätschelt werden. Können da Imame eingreifen?

Aslan: Wenn man diese Ängste unter den Imamen abbauen könnte, dass man sich in die Mitte der Gesellschaft bewegen kann, wenn man die islamische Theologie aus der Isolation befreit, kann ein Imam auch junge Muslime ermutigen, diesen Schritt zu setzen. Noch haben viele Imame die österreichische Gesellschaft nicht kennengelernt und jede Menge Vorurteile und Ängste aufgebaut. Diese Ängste werden in der Predigt oft vermittelt. Wenn die Imame im Rahmen dieses Programms ein Praktikum machen, in einem Frauenhaus, einer Vollzugsanstalt, in Krankenhäusern, Institutionen dieser Gesellschaft, dann sehen sie die Grundlagen dieser Gesellschaft.

 

Nur ein kleiner Teil junger Männer mit türkischem Hintergrund geht in die Moschee, oder?

Aslan: Man geht davon aus, dass 20 Prozent in die Moschee gehen. Aber die Jungen haben keine theologische Positionierung, sondern eine sozial-kulturell-politische. Das hat mit Religiosität wenig zu tun.

Eine der umstrittenen Thesen des SPD-Politikers Thilo Sarrazin lautet auch, dass Sozialleistungen wie bei uns der Integration eher schaden, in Ländern wie den USA der Druck am freien Markt beim Einleben in der neuen sozialen Gesellschaft hilft.

Aslan: Man darf durch staatliche Maßnahmen die Muslime nicht entmündigen. Sie müssen gesellschaftliche Kompetenzen erwerben. Diese Möglichkeit muss der Staat anbieten. Aber der Staat kann die Leute nicht ständig mit verschiedenen Hilfspaketen begleiten. Wir wissen aus Deutschland, dass das die Integration hemmt. Für mich ist viel wichtiger, dass man Migranten gesellschaftliche Kompetenzen, Sprache, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten bietet. Sonst sind sie immer am Rand der Gesellschaft. Dort entsteht eine Parallelgesellschaft, in der sich die Menschen wegen der Infrastruktur und der sozialen Sicherheit wohlfühlen.

 

Sie wollen einen europäischen Islam? Gibt es den schon in Ansätzen?

Aslan: Ein Beispiel: Wir haben in vielen Familien und Schulen sogenannte Ramadankalender. Für die Kinder ist das nichts anderes, als das, was die katholischen Kollegen vormachen mit ihrem Adventkalender: Während dieses Monats haben wir einen Ramadankalender für die Feiertage. Das gibt es in der Türkei nicht.

 

Reicht das für eine eigene Prägung?

Aslan: Der Islam in der Türkei ist anders als der Islam in Pakistan, in Ägypten. Der Islam in Österreich hat europäische Prägung. Zum Beispiel das Schulgebet: Das haben die Muslime nicht gehabt, jetzt will es die Glaubensgemeinschaft einführen, weil öffentliche Schulen das haben. Eine Religion ist nie fertig.

 

Aber das sind doch nur Äußerlichkeiten?

Aslan: Nein, das ist Kultur. Ich kann an einem Studenten erkennen, ob er in Europa promoviert hat oder in der Türkei. Und zwar nicht nur am Verhalten, sondern an der Religiosität. Hier haben die Muslime eine größere religiöse Autonomie. Es wird unter den Imamen eine neue Religiosität entstehen, die dieser europäischen Prägung entspricht. Sie werden dann verstehen, dass an einer Schule Fasten nicht so einfach ist wie in Ägypten oder der Türkei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2009)