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Reportage

"Kauft Amerikanisch und beschäftigt Amerikanisch“

Donald Trumps erster Abend als US-Präsident.
Donald Trumps erster Abend als US-Präsident.APA/AFP (MOLLY RILEY)
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Vor schütterem Publikum zeichnete der neue US-Präsident das Bild einer von korrupten Politikern in ein Gemetzel gestürzten Nation und rief zu Nationalismus auf.

Washington. Nur 16 Minuten dauerte Donald Trumps erste Ansprache als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, doch diese Viertelstunde stellte einen klaren Bruch mit der Weltsicht dar, kraft derer seine Amtsgänger beider Parteien seit dem Zweiten Weltkrieg zu Schutzherren der westlichen Welt wurden. „Ab dem heutigen Tag wird eine neue Vision unser Land regieren. Von diesem Tag an heißt es: ,Amerika zuerst‘ – ,Amerika zuerst‘“, rief der 70-jährige frühere Bauunternehmer und Reality-Fernsehstar in seiner Amtsantrittsrede vor dem Washingtoner Kapitol. „Wir müssen unserer Grenzen vor den Verwüstungen anderer Länder schützen, die unsere Produkte herstellen, unserer Unternehmen stehlen und unsere Arbeitsplätze zerstören.

Protektion wird zu großem Wohlstand und Stärke führen. Wir werden zwei einfachen Regeln folgen: Kauft Amerikanisch und beschäftigt Amerikanisch.“ Trump verknüpfte diese wirtschaftsprotektionistische Botschaft mit einer Pauschalvernichtung der politischen Klasse: „Zu lange hat eine kleine Gruppe in der Hauptstadt unserer Nation die Vorteile des Regierens eingestreift, während das Volk die Kosten zu tragen hatte. Das Establishment hat sich selbst geschützt, aber nicht die Bürger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht Eure Siege. Ihre Triumphe waren nicht Eure Triumphe. All das ändert sich jetzt, ab hier und ab sofort, denn dieser Moment gehört Euch.“ Und er hielt das Credo seines Regierungsstils fest: „Eine Nation besteht, um ihren Bürgern zu dienen.“

„Amerika braucht echte Führer“

„Ich denke, sie war perfekt“, lautete das Urteil eines 54-Jährigen Trump-Anhängers aus Ohio, der gegenüber der „Presse“ weder seinen Namen noch seinen Beruf angeben wollte, über Trumps Antrittsrede. „Sie hat alles erfasst, wofür Amerika steht.“ Und wofür steht Amerika? „Für Freiheit und Gleichheit.“ „Egal, was diese Krawallmacher sagen“, fiel ihm, mit Hinweis auf eine vorbeiziehende Gruppe von lautstark demonstrierenden Trump-Gegnern, seine Gattin ins Wort, die zwar ebenso wenig namentlich in einer europäischen Zeitung erwähnt werden wollte, aber dennoch aus ihrem Herzen keine Mördergrube machte: „Die Stimmung war noch nie hasserfüllter. Das ist allein Schuld der Demokratischen Partei. Die will alles verbieten. Die Polizei der politischen Korrektheit ist durchgedreht!“

Ihr Mann, die knallrote Schirmkappe mit Trumps Parole „Make Amerika Great Again“ auf dem Haupt, pflichtete bei: „Barack Obama hat nichts getan, um dieses Land zu vereinen. Dieses Land braucht echte Führer. Die lebenslangen Politiker wissen nichts von der echten Welt. Wir brauchen wieder Führer, die von ihren Feldern und Unternehmen kommen, dienen und dann wieder nach Hause gehen. Donald Trump ist so ein Führer.“

Alex Clarke und Jackie Dyson waren zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder zu Hause. Bereits vor Beginn von Trumps Rede hatten die beiden 19-jährigen Anhängerinnen von Hillary Clinton und Studentinnen der Internationalen Beziehungen an der George Washington University die ziemlich schütter besetzte National Mall verlassen. „Es ist kaum jemand hier“, war Dyson erstaunt. Sie sei jedoch froh darüber, dass es zu keinen Auseinandersetzungen zwischen Trumps Anhängern und seinen Gegnern kam. „Wir standen neben ein paar Trump-Fans, die haben uns böse Blicke zugeworfen und blöde Meldungen geschoben, aber das war es schon. Die genießen jetzt halt ihren Moment des Triumphs.“

„Tag des Patriotismus“

„Die können fürs erste in ihrer Fantasiewelt leben“, unkte Clarke, die ein Sweatshirt mit der Aufschrift „Clinton Kaine 2016“ aus dem Wahlkampf trug. Nach Clintons Niederlage sei sie ziemlich niedergeschmettert gewesen, doch „die Reden von Obama haben mich wieder aufgebaut. Er denkt so langfristig.“ „Ich wünschte, ich hätte mit 19 Jahren nach meiner ersten Wahl mehr Optimismus. Die nächsten vier Jahre werden ein entsetzliches soziales Experiment, das scheitern wird“, sagte Clarke.

Der neue Präsident war in seiner Antrittsrede darum bemüht, sich als Einiger einer gespaltenen Nation zu präsentieren. Doch diese Vorstellung von Einigkeit lässt, zumindest seinen eigenen Worten nach, wenig Raum für Dissidenz. „Wer sein Herz für Patriotismus öffnet, hat keinen Platz für Vorurteile“, sagte er unter anderem. „Durch die Loyalität zu unserem Land werden wir unsere Loyalität zueinander wiederentdecken.“ Diesem Aufruf wohnt der unausgesprochene Vorwurf an die politischen Gegner inne, unpatriotisch und der Nation gegenüber illoyal zu sein. In einer seiner ersten Amtshandlungen verfügte Trump zudem einen neuen „Tag des Patriotismus“.

Und nicht nur seine Angriffe auf Kritiker, sondern auch die konkreten Taten von Trumps Mitstreitern erlauben Zweifel daran, dass er, der mit nur 46 Prozent aller Stimmen gewählt wurde, die große nationale Versöhnung zu bewerkstelligen vermag, an der Obama gescheitert ist.

So stieß Trumps Konfident Newt Gingrich, der frühere Vorsitzende des Abgeordnetenhauses und heutige Washingtoner Lobbyist, bei einem Festakt vor Trumps Angelobung ein gutes Dutzend Vertreter von Indigenen vor den Kopf, indem er Trump positiv mit Präsident Andrew Jackson verglich, der Anfang des 19. Jahrhunderts für die militärisch unterstützte Vertreibung von Indianervölkern verantwortlich war. Peter Thiel wiederum, der Silicon-Valley-Milliardär und in Trumps Übergangsteam für organisatorische Fragen im Pentagon zuständig, besuchte den Deplora Ball, eine Veranstaltung von Vertretern der Alt-Right-Bewegung, die im Internet mit antisemitischen, ausländer- und frauenfeindlichen Atttacken für eine Brutalisierung der Debattenkultur gesorgt hat. Auf dem Deplora Ball war auch der wegen des Verdachts des Wertpapierbetrugs mit strafrechtlichen Ermittlungen konfrontierte Pharmaunternehmer Martin Shkreli, der einem Reporter des Onlinemediums Buzz Feed erklärte, er würde ihm gern die Bierflasche auf dem Kopf zerschlagen.

Ob Trump den Graben im Land zuschütten kann, ist nicht nur angesichts seines Charakters und dem seiner Gefolgsleute fraglich. „Wir sehen Parteizugehörigkeit heute als etwas, das dem Geschlecht oder der Ethnizität ähnelt: Kerneigenschaften, mit denen wir uns anderen gegenüber beschreiben“, sagte Sean Westwood vom Dartmouth College zur „New York Times“. Eine Spaltung, die schon in einer 2009 veröffentlichten Studie der Stanford University offenkundig war: Nur neun Prozent der damals befragten Ehepaare waren politisch gemischt.

AUF EINEN BLICK

Der republikanische Wahlsieger Donald Trump wurde am Freitag als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika angelobt. Die Zeremonie wurde traditionell vor dem Kapitol in der US-Hauptstadt Washington abgehalten. Trump war mit seiner Familie bereits am Donnerstagabend in Washington eingetroffen. Die ersten Feiern mit dem neuen US-Präsidenten fanden am Vorabend der Vereidigung statt – darunter ein Konzert mit Bands wie 3 Doors Down vor dem Lincoln Memorial. Am Freitag trafen der neue Präsident und die künftige First Lady, Melania Trump, zunächst mit dem scheidenden US-Präsidenten, Barack Obama, und seiner Frau Michelle zusammen. Dann begann die Vereidigungszeremonie mit Gebeten verschiedenster Religionsvertreter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.1.2016)