Sprachvarietäten: Kafffffe oder Kaffeeeh

(c) Clemens Fabry

Heimische Germanisten belegen in neuen Studien, welche Aussprache typisch österreichisch ist, und worin die Unterschiede zu anderen deutschen Sprachvarietäten liegen. Das stärkt die Identität Österreichs als Kultur- und Sprachnation.

Ein Österreicher, der in Deutschland einen „Kaffee“ bestellt und dann ein wässriges Gesöff mit viel Milch bekommt, wird sich wundern. Denn ihm wird spätestens dann klar, dass die Deutschen das Wort „Kaffee“ nicht einfach anders betonen – nämlich auf der ersten Silbe und mit kurzen Vokalen –, sondern dass die beiden Wörter eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge bezeichnen. Ein deutscher „Kaffffe“ ist eben ein wässriges Gesöff mit viel Milch, und ein österreichischer „Kaffeeeh“ ist jenes hervorragende Heißgetränk, das man hierzulande gewöhnt ist. An diesem Beispiel sieht man, dass eine einheitliche Schreibweise bei Weitem keine einheitliche Aussprache bedingt. Und dass die Aussprache in den verschiedenen Ländern eng mit einem Identitätsgefühl verbunden ist: „Wir Österreicher sagen ,lustik‘ und nicht ,lustich‘“, wird einem Zuagrasten in diesem Land eindringlich erklärt.
„Es gibt drei heilige Kühe, die als Merkmal der österreichischen Aussprache gelten“, sagt Karoline Ehrlich vom Institut für Germanistik der Uni Wien. Erstes Merkmal der Aussprache des österreichischen Deutsch ist es, dass die Endsilbe „-ig“ als -„ik“ und nicht als -„ich“ ausgesprochen wird: König, beleidigt, gültig. Zweite „heilige Kuh“ ist das „stimmlose S“. Meist lernen Österreicher erst beim Erlernen einer Fremdsprache, in der ein scharfer S-Laut und ein samtig weicher „stimmhafter“ S-Laut wichtig sind, den Unterschied. In Deutschland scheint beispielsweise im Wetterbericht immer die stimmhaft gesprochene „Sonne“ (mit weichem S, bei dem es zwischen Zahn und Zungenspitze vibriert) und in Österreich öfters die stimmlos gesprochene „Sonne“ (mit scharfem S, bei dem es zwischen Zahn und Zunge höchstens zischt). Drittes Hauptmerkmal (es gibt noch viele mehr) ist, dass ein „anlautendes Ch“ als „k“ und nicht als „sch“ oder „ch“-Laut gesprochen wird: China und Chemie sind die bekanntesten Beispiele.
Ehrlich wollte im Rahmen ihrer Dissertation eine Lücke schließen und damit etwas entwickeln, was dem Aussprache-Duden in Deutschland entspricht: Denn wenn die Merkmale der österreichischen Varietät nicht wissenschaftlich erforscht werden (und sich alle am bundesdeutschen Duden orientieren), könnten sie womöglich aussterben.

Heimische Sprachvorbilder. Dagegen versucht auch der ORF, dessen Sprecher im ganzen Land als Sprachvorbilder dienen, Zeichen zu setzen, und forciert eine Aussprache nach österreichischen Standards. Chefsprecher Herbert Dobrovolny betont, dass höchster Wert darauf gelegt wird, die österreichischen Merkmale in Betonung, Aussprache und Redewendungen zu pflegen: „Es gibt eine Aussprachedatenbank der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands, in denen die österreichische Variation im Unterschied zur deutschen nachzulesen und anzuhören ist.“ Mit 185.000 Namen, Begriffen und Bezeichnungen wird diese Datenbank ständig erweitert. Dobrovolny selbst versendet regelmäßig Rundmails an die ORF-Kollegen, in denen die richtige Aussprache präzisiert wird – und zwar jene, die landesweit die höchste Akzeptanz hat.
„Was fehlt, ist eine kodifizierte Ausspracheregelung“, meint die Germanistin Ehrlich. Ähnlich dem amtlich abgesegneten Österreichischen Wörterbuch (derzeit in der 41. Auflage vom Österreichischen Bundesverlag) sei ein Österreichisches Aussprachewörterbuch sinnvoll. „Berufssprecher in Österreich werden nach deutschländischen Normen des Duden oder des Sieb'schen Bühnendeutsch unterrichtet: Fernseh- und Radiosprecher, Schauspieler, auch Lehramtskandidaten, die dann in den Bundesländern unterrichten.“ Wenn so viele Vorbild-sprecher nicht die Aussprachenormen der heimischen Varietät anwenden, wie sollen diese Merkmale dann überleben?
An der Uni Graz hat sich ein Team von Germanisten um Rudolf Muhr genau diesem Problem angenommen und in jahrelanger Arbeit das erste Österreichische Aussprachewörterbuch (ÖAWB) mit 42.000 Einträgen erarbeitet. Das ÖAWB ist 2007 im Peter-Lang-Verlag erschienen, gemeinsam mit der österreichischen Aussprachedatenbank (ADABA), in der 80.000 Wörter von 50 Modellsprechern nachzuhören sind. Erstmals wird darin die Aussprache von Österreichern (hauptsächlich Berufssprecher des ORF) jenen von Deutschen und Schweizern Wort für Wort gegenübergestellt: In der Lautschrift kann man dort lesen, dass die Österreicher „Beton“ als „be'to:n“ aussprechen, es bei den Deutschen wie „Betonng“ klingt, und die Schweizer ihr „'betõn“ auf der ersten Silbe betonen.
„Man muss sich klar werden, dass die plurizentrischen Varietäten in ihrer Form und Verwendung spezifische Ausformungen einer Gesamtsprache sind“, erklärt Muhr. „Plurizentrik“ heißt, dass sich die deutsche Sprache zwar über den deutschen Sprachraum erstreckt, aber jede Varietät in ihrem Raum seine Berechtigung und eigenen Merkmale hat.
„Genauso wenig, wie man sagen kann, dass die Amerikaner degenerierte Briten sind, kann man sagen, die Österreicher sind degenerierte Deutsche“, betont Muhr. Das Aussprachewörterbuch kann also den Österreichern als Stärkung ihres sprachlichen Selbstbewusstseins dienen. „Ich orte eine linguistische Schizophrenie“, meint er: Zwar identifiziere man sich stark über die Merkmale der österreichischen Sprache, aber ein zu starker Lokalkolorit wird als minderwertig gegenüber dem Hochdeutschen empfunden. „Doch was ,richtig‘ und ,falsch‘ ist, bestimmt nicht die Linguistik, sondern der soziale Kontext“, so Muhr.
Auch der Wiener Germanist Peter Ernst, der soeben eine Gastprofessur in Leipzig angetreten hat, sagt dazu: „Man lernt nicht, was in Österreich Standardsprache ist. In der Schule wird die Grammatik und Schreibung nach dem Duden gelehrt, aber nicht die Aussprache.“ Doch bei der Sprache muss man stets die „Schichtung“ beachten: „Es gibt erstens die überdeckende Standardsprache über den ganzen Sprachraum“, so Ernst. An diesen Standard hält man sich, wenn man im öffentlichen Bereich auftritt.
Stilistisch findet sich darunter die Umgangssprache oder Alltagssprache, die man im täglichen Gebrauch verwendet, etwa in Geschäften oder am Arbeitsplatz. Und zu unterst, mit dem geringsten Grad der Öffentlichkeit, ist der Dialekt angesiedelt: „Mit dem wächst jeder auf. Man spricht Dialekt im intimen Kreis mit Freunden und Familie.“
Doch die Definitionen sind nicht fix. Für Muhr ist zum Beispiel das Wort „schiach“ österreichische Standardsprache, da weder „hässlich“ noch „gemein“ genau das bedeuten, was es emotionell ausdrückt. „Ich habe anhand von Modellsprechern dokumentiert, was derzeit in Österreich gesprochen wird, so wie ein Botaniker auf die Wiese geht und die Pflanzen dort beschreibt“, erklärt Muhr seine Methode.

Veränderliche Sprache. Der Ansatz von Ehrlichs Dissertation war stattdessen, viele Studenten der Germanistik zu befragen: In ihrer Studie zeigte sich, dass von 400 Probanden nur etwa 50 Prozent das „typisch österreichische“ stimmlose S sprechen. Ob dies bereits der Einfluss des deutschen Fernsehens und der deutschen Normen von Vorbildsprechern ist, kann man schwer beurteilen. Jedenfalls zeigt es, dass sich Sprache immerfort verändert. Ob es gelingt, die Merkmale der hiesigen Varietät in ein Lehrbuch der österreichischen Aussprache zu verwandeln, das heimischen Berufssprechern als Basis dienen soll, bleibt offen – und wird zwischen Germanisten aus allen Teilen Österreichs stark diskutiert.