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Wir kapitulieren nicht

Ausländerfrage und Sozialstaatsdebatte zeigen: Die politisch Korrekten sind verrückt. Menschen wie Thilo Sarrazin helfen ihnen dabei, ihre Wirklichkeitswahrnehmung zurechtzurücken.

Thilo Sarrazin, Vorstand der Deutschen Bundesbank, hat die Zuständigkeit für den Bargeldumlauf verloren (das Risikocontrolling „gehört“ ihm noch). Das war die ziemlich austriakisch anmutende „Strafe“ seiner Kollegen dafür, dass er in einem Interview mit dem Kulturmagazin „Lettre International“ böse Sachen gesagt hat. Über Berlin und seine Ausländer, vor allem Türken und Araber.

Seine Maledizien über die Produktion von Kopftuchmädchen und Gemüse sind ja inzwischen allseits beliebt und bekannt. Eine Kurzzusammenfassung der bisherigen Sarrazin-Debatte würde lauten: Er hat ziemlich sicher mit ziemlich allem recht, aber so sagt man das nicht. Das erbost naturgemäß alle, die von der Political Correctness die Nase voll haben. Weil die alles mit dem Verdacht des Rassismus belegt, was auch nur einigermaßen nach Klartext klingt. Zugleich geht es denen zu weit, die wirklich politisch korrekt sein wollen: Die glauben nämlich, dass alle Menschen, vor allem solche mit Migrationshintergrund, gut sind. Und nur darunter leiden, dass sie in Berlin, Wien und London nicht ausreichend als Bereicherung gewürdigt werden. Die sagen: Sarrazin hat nicht recht, und das sieht man daran, wie er es sagt.

Nun, sie irren. Sarrazin hat nicht nur inhaltlich recht. Er hat es auch genau so gesagt, wie man es sagen muss. Sowohl in der Ausländerfrage als auch in der Sozialstaatsdebatte (und die hängen bekanntlich über die Einwanderung ins Sozialsystem eng zusammen) hat ja nicht nur das deutsch-österreichische Sozialingenieurswesen versagt. Totalschaden haben vor allem die sprachlichen Vehikel der Sozialmechaniker erlitten: Mit ihrem Schlingerkurs an den traurigen Tatsachen vorbei haben die Chauffeure der politischen Korrektheit den Diskussionskarren an die Wand fahren lassen. Es glaubt ihnen niemand mehr. Weil es inzwischen kaum noch jemanden gibt, dessen persönliche Erfahrungen der sozialen Situation mit deren politisch korrekter Beschreibung übereinstimmen. Und das kann für jemanden, der sich nicht selbst für verrückt hält, nur bedeuten, dass die politisch Korrekten verrückt sind.

Sie sind es auch, im wahrsten Sinn des Wortes: Der Kampf um ihr Anliegen, das man nicht denunzieren darf, hat ihre Wirklichkeitswahrnehmung verrückt. Menschen wie Thilo Sarrazin, die keine politische Agenda haben, sind dazu da, diese Wahrnehmung zurechtzurücken: Ungefähr so, wie er über Türken und Araber spricht, sprechen türkische Schüler – wenn sie einigermaßen gut erzogen sind – über ihre österreichischen Lehrerinnen. Was Thilo Sarrazin sagt, verstehen sie. Würde man auf diese Klarheit verzichten aus Angst davor, dass die Angesprochenen dann noch zorniger würden, wäre wahr geworden, was Henryk M. Broder uns prophezeit hat:

„Hurra, wir kapitulieren.“

Und das sollten wir nicht. Nicht vor integrationsunwilligen Ausländern, nicht vor der Moralkeule der politisch Korrekten und nicht vor ehemaligen Neonazis.

michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)