Erwin Wurm: Die Essiggurke zwischen Traum und Realität

(c) EPA (Andreas Gebert)
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In München zeigt Erwin Wurm, warum man seine Kunst so schnell lieben lernen kann: Autos, Pullover, wir selbst – das Leben wird bei ihm Skulptur.

Der „Kunstbau“ des Münchner Lenbachhauses ist so spannend wie schwierig zu bespielen: Der über 100 Meter lange Schlauch liegt in einem Zwischengeschoß der U-Bahn und ist an beiden Enden optisch offen. Große Glasscheiben öffnen hier das „Hehre“ herinnen dem alltäglichen Stress da draußen, dem Menschenstrom auf den langen Rolltreppen hinauf, hinunter zu den schnellen Zügen.

Kein Ort wäre besser geeignet für eine Ausstellung von Erwin Wurms Skulpturen, die manchmal Fotografien sind, manchmal Filme, manchmal zerdehnte Pullover, manchmal eine winzige Essiggurke, manchmal eine schräge Körperhaltung, die nur eine Minute lang dauert. Nasenbohren, Hand in den Hosenschlitz stecken, Zungerausstrecken sind solche Handlungsanweisungen, die auf einer von drei rosaroten Bühnen zur Selbstkunstdarstellung auffordern. Gesten, die durchaus auf die heutige Politik hinweisen sollen, merkt der Künstler beim Rundgang an.

Wichtiger als der Kalauer, der einen erst einmal kumpelhaft in Wurms Welt geleitet, wichtiger auch als die vom Künstler zur Kunstversicherung gern zitierten Philosophen, ist die magische Verwandlung, die er geschehen lässt: Das „Hehre“ wird vom Podest gefegt, man selbst hinaufgehieft. So schnell kann man gar nicht denken, blitzt schon eine Kamera, ist man schon als „One Minute Sculpture“ in peinlicher Position festgehalten, wem materielles Glück hold ist, ist es die Kamera des Künstlers selbst. So „Pop“ hat Warhol in der Prae-Realityshow-Zeit noch gar nicht denken können.

Das erprobte Wurm-System funktioniert jedenfalls blendend, deutsche Medien jagen ihre Fernsehkameras rudelweise durch die Ausstellung. Star der Show ist diesmal ein Essiggürkchen, das fest in den Boden geschraubt stramm steht. „Ein Selbstporträt“, so Wurm: „Man ist, was man isst, heißt es doch.“ Klingt brachial, kann aber recht subtil werden. Zeigte Wurm Essen schon lang vor der Bulimie-Debatte als definierende Macht, den Mensch als Modelliermasse, ließ sich einmal fett, einmal schmal fotografieren. 2006 verschluckte er (als Puppe) bildlich sogar den Erdball – „Der Künstler, der die Welt verschluckte“. Einmal als vormoderne Scheibe noch, dann schon als aufgeklärte Kugel – Wien kennt das seit der großen Personale im Mumok 2006.

Den Boden der Realität verlieren. Was wir nicht erleben durften, ist ein geniales Arrangement wie im „Kunstbau“: Auf einem flachen breiten Sockel, eher einer Bühne, wurden Objekte und Fotos aus Frühzeit und Jetztzeit wie auf einem Schachbrett aufgestellt, erhielten unabhängig von der Größe genau denselben Platz. Gürkchen wie Riesenkartoffel oder hohler Anzug. Dazwischen bewegen sich die Besucher. Die spiegelnde weiße Oberfläche lässt sie gemeinsam mit den Objekten den Boden verlieren – Realität? Traum? Descartes? Liegt das absurde Foto der Nonne mit Hand in der Semmel wirklich vor uns am Boden? Oder ist unsere Wahrnehmung um 90 Grad verschoben, stehen wir nicht längst schon auf der Wand neben ihm?

Wie das Auto, das im neuen Wurm-Film von der Straße weg einfach die Mauer des Umspannwerks in der Wiener Zedlitzgasse hinauffährt, gegen alle Schwerkraft parkt, die Fahrer entlässt, die unbeeindruckt die Wand hinunterspazieren und über prinzipiell möglichen Sex mit Bananenmilchshakes diskutieren. Am selben, heute vergessenen Ort, wo Wiener Kunstgeschichte geschrieben wurde, wo die Kunsthalle Zedlitzgasse stand, in der die Wiener Avantgarde ausstellte. Spott und Fingerzeig zugleich – auf einen den Alltag einschließenden Kunstbegriff, der in Österreichs Kunstgeschichte zwar verankert ist, sich deshalb aber trotzdem nicht so wahnsinnig wichtig nimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)

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