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Gert Voss: „In Wirklichkeit sind sie doch alle Egoisten“

Gert Voss
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Gert Voss, der zu Saisonbeginn am Burgtheater als Mephisto in „Faust I“ triumphierte, fällt wegen eines gebrochenen Beins für längere Zeit aus. Im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ spricht er über Verletzungen, Verluste und die Befreiung durch das Spiel.

Wenn Sie nach Ihrem Bühnen-Unfall hoffentlich bald wieder als Mephisto im Burgtheater spielen, wird man wohl sehr genau hinschauen, ob Sie hinken.

Gert Voss: Schon vor den Proben habe ich mich gefragt: Hinkt der Teufel, oder hinkt er nicht? Ich habe mir viele „Faust"-Filme angeschaut, mit Gründgens, Minetti, den Film von Murnau, die Inszenierungen von Dieter Dorn und Claus Peymann. Alle humpelten, nur Gründgens nicht. Warum? Im Text bleibt das offen, da ist von „falschen Waden" die Rede, der Teufel kaschiert sein Gebrechen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil das an meinen „Richard III." erinnert hätte. Derzeit könnte ich das Humpeln allerdings kaum verbergen.

Wie geht es Ihnen nach der komplizierten Operation an Ihrem Bein?

Eigentlich gut, gemessen an der Odyssee, die hinter mir liegt. Im Krankenhaus waren sie zwar furchtbar nett zu mir, haben mich aber wohl medizinisch nicht so sorgfältig betreut, mit meinem gebrochenen Waden- und Sprungbein. Ich hatte Glück; André Heller besuchte mich und fragte, ob ich denn einen Physiotherapeuten hätte. Ich sei noch nicht einmal operiert, sagte ich. Da war eine Schürfwunde, die nicht heilen wollte und immer gewaltiger wurde. Daraufhin hat Heller seinen Physiotherapeuten und auch einen Chirurgen angerufen. Die beiden sind sofort ins Spital gekommen, haben mein Bein geöffnet und sind zurückgeprallt. Es war doppelt so dick angeschwollen, knallrot - ein deutlicher Hinweis auf eine Blutvergiftung.

Das blieb unbemerkt?

An diesem Samstag hat sich keiner der mich behandelnden Ärzte blicken lassen. Man darf am Wochenende nicht krank werden, da ist ja nur Notbesetzung da. Ich habe dann unterschrieben, dass ich auf eigene Verantwortung das Krankenhaus verlasse und wurde von André und diesem Arzt in ein anderes gebracht. Da haben sie sofort mit der Behandlung begonnen, die Entzündung ging schnell zurück. Am Abend war die Operation, die länger dauerte, weil so viele Splitter im Wadenbein waren. Währenddessen habe ich die Pastorale gehört, dann Beethovens 3. Klavierkonzert. Noch bei Sibelius wurde operiert. Es war interessant, die Operation bei vollem Bewusstsein zu erleben. Das Team war ganz entspannt, hat gescherzt. So locker muss es auch auf der Bühne zugehen, wenn man gut sein will. Ich fühlte mich bestens aufgehoben. Jetzt habe ich eine Platte, zehn Schrauben und all so was drin.

Dann ist es wohl noch zu früh, zu fragen, wann wir Sie zurück erwarten dürfen?

Man hat mir gesagt, sie machen es schneller als in der Hausmedizin. Bereits am Tag nach meiner Entlassung habe ich mit der Behandlung begonnen. Aber es wäre fahrlässig von mir, mich auf etwas Genaues einzulassen.

In den Medien hat man von allerhand Zwist lesen können - etwa, dass Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann Sie nicht sofort besucht, über die Umbesetzung des Mephisto erst nachhinein informiert habe.

Es ist natürlich überall ein Gramm Wahrheit dran, aber wenn man so einen Tunnel hinter sich hat, wie der, in dem ich mich befunden habe, merkt man plötzlich, dass es wichtigere Dinge gibt. Inzwischen war Hartmann auch irrsinnig aufmerksam. Als ich operiert wurde, hat er mir diese schönen Rosen geschickt und einen sehr netten Brief geschrieben. Damit ist diese Sache aus der Welt, Schluss, aus!

So ist es eben beim Theater...

Genau! Da behaupten die Leute, dass sie die größte Sensibilität für einander haben, in Wirklichkeit sind sie doch alle Egoisten, ich mit eingeschlossen.

Im „Spiegel" stand, dass Sie Hartmann zu verstehen gaben, dass Sie mit großen Regisseuren wie Bondy und Tabori zusammengearbeitet haben, was ihn kleiner macht. Das ist auch ganz schön stark.

Wissen Sie, ich habe über eine sehr lange Zeit meines Lebens das Glück gehabt, dass ich so viel mit Peter Zadek gemacht habe, den ich nach wie vor in meinem Lebensbereich für den größten Regisseur halte, mit dem ich arbeiten durfte. Er hat sich wie ein Menschenfresser seine Schauspieler angeguckt und sich entzünden lassen. Sein Gesicht war eigentlich nur Neugier. Es war ungeheuerlich schön. Er war auch derjenige, der mich am meisten überprüfte, damit ich nicht auf der Bühne lüge. Dafür hatte er ein unbestechliches Ohr. Er hörte immer genau wenn ein Schauspieler anfing zu blenden oder abzulenken, durch Virtuosität. Da verkrampft sich der Körper.

Wie ist es mit dem Bauchgefühl?

Ich akzeptiere erstmal nicht, dass ein anderer Mensch über mich besser Bescheid wissen soll, als ich selbst. Aber Zadek hatte eine ungeheure Menschenkenntnis. Als ich zum Beispiel „Iwanov" spielte, eine komplizierte Figur, die sich selbst nicht mehr kennt und immer alle anderen fragt, wer er sei, meinte Zadek nur: „Vermutlich ist der Mann depressiv." Dann habe ich versucht, aus meinen Beobachtungen einen depressiven Menschen zu spielen. Da sagte er: „Ich kenne sehr viele depressive Menschen, die sehr lustig sind." Also habe ich das Traurigsein weggelassen. Dann sagte er: „Die sind natürlich nicht immer nur lustig, manchmal sind sie auch ernst, aber es ist vor allem in ihnen etwas, was man nicht erklären kann, was ihre Umrisse unscharf macht." Das half mir am meisten, einen Menschen zu spielen, der keine festen Umrisse hat. Zadek war einer der intelligentesten Menschen, die ich am Theater erlebte.

Regisseure haben etwas Lauerndes.

Viele Dinge entstehen am Theater durch den Zusammenprall von verschiedenen Schauspiel-Temperamenten. Da entsteht plötzlich etwas ganz Neues. Der Text, den der Autor vorgeschrieben hat, bleibt natürlich, aber es ergibt sich eine Binnenspannung, die man gar nicht genau beschreiben kann. Dadurch ist keine Vorstellung genau wie die vorherige. Diesem Abenteuer auf der Spur zu bleiben, ist wesentlich. Gute Regisseure sind dann am traurigsten, wenn sie den Schauspielern helfen müssen, weil sie das eigentlich gar nicht wollen. Sie wollen, dass es zum Schluss so ist, als wäre es in diesen Schauspielern entstanden.

Kann das ohne Schrammen abgehen?

Wirklich gute Theaterarbeit geht nicht ohne Verletzungen ab. Es beginnt bereits mit dem Vorgang der Überwindung der Scham. Ich schäme mich am Anfang zu Tode. Da denke ich, ich kann gar nichts. Von dem, was ich erreichen möchte, kann ich in dieser Phase nur träumen. Dazu kommt, dass ich ein sehr langsamer Arbeiter bin und auf Störungen äußerst empfindlich reagiere. Am stärksten war das für mich bei Tabori, dem humanen, und Zadek, dem unerbittlichen. Der hat jede Lüge gnadenlos angesprochen. Auch ich kann sehr verletzend sein und finde das in dem Moment trotzdem notwendig.

Wann war es besonders schlimm?

Einmal hat der an sich tolerante Tabori bei der Generalprobe von „Othello" zu Ignaz Kirchner und mir gesagt: „Ihr habt euch ja jetzt gegen mich durchgesetzt. Drei Monate lang habt ihr alles, was ich vorgeschlagen habe, nicht gemacht. Es ist also euer Baby und nicht meines. Deshalb werde ich dann nicht raus gehen und mich verbeugen." Ich war so sauer auf ihn, weil wir alles riskiert haben und fürchteten, abzustürzen. Dann ist er weggegangen. Ich habe seiner Frau gesagt, sie solle ihm mitteilen, dass er mich am Arsch lecken könne. Das würde ich ihm nie verzeihen. Er hat sich über seine Frau entschuldigt und ausrichten lassen, wir möchten aber bitte verstehen, schließlich sei es auch sein Baby. Wir haben uns alle verbeugt, und es war ein großer Erfolg.

Wie gehen Sie mit Verrissen um?

Es wäre verlogen, wenn ich sagte, sie wären mir gleichgültig. Ich lerne aber immer mehr, dass es Wichtigeres gibt als Verrisse oder Hymnen. Am Theater geht man seinen Weg durch Begegnungen, mit Leuten, die einem wichtig werden, durch die man Neues entdeckt. Und es gibt noch das Publikum. Aber der Applaus ist doch auch ein Ritual. Vielleicht beklatschen manche nur, dass sie so lange durchgehalten haben. Der Applaus ist keine Vitaminspritze, sondern wie eine flüchtige Streicheleinheit ohne Nebenwirkung.

Beim „Faust" bekamen Sie als Mephisto viel Lob von der Kritik, Regisseur Matthias Hartmann weniger, und Tobias Moretti als Faust wurde meist verrissen. Was fühle Sie da?

Ich habe Moretti vorher fast nur aus dem Film gekannt und war sehr überrascht über seine Einfachheit und Direktheit. Zwischen uns sind inzwischen so etwas wie freundschaftliche Gefühle entstanden. Mich hat die Kritik an ihm fast so getroffen, als hätte sie mir gegolten. Eine Aufführung ist nicht dazu da, dass ein Schauspieler siegt. Man steigert sich mit dem Partner oder geht mit ihm unter. Es muss zu einer Kommunikation kommen. Und überspielen kann man das nicht. Man sollte Fehler zugeben. In Braunschweig habe ich einmal den „Urfaust" gespielt und bin für die Kritik ziemlich auf dem Boden gelandet, während Mephisto und das Gretchen ungeheuer gelobt wurden, die schon verstorbene Beate Tschudi war unbeschreiblich gut. Mephisto ist für einen Schauspieler einfach ein Gottesgeschenk, weil die Figur so zugespitzt ist, deshalb hat es der Faust immer schwer. Früher war Faust der Held, heute bringt man dem Bösen mehr Sympathie entgegen. Gustav Gründgens warnte, dass sich Faust nicht in seinen Sätzen baden solle. Tobias wurde im Laufe der Vorstellungen aber immer freier. Anfangs stand er durch die Medien stark unter Druck.

Warum identifiziert man sich heutzutage eher mit Mephisto als mit Faust?

Der Teufel ist der Feind von allen schwierigen Dingen. Er vereinfacht, bringt die Sachen auf den Punkt, er schafft das Komplizierte mit Tricks aus der Welt. Bei Goethe ist Mephisto gar nicht so ein böser Kerl. Siegfried Melchinger hat einen klugen Text darüber geschrieben. Für ihn ist der eigentliche Dämon Faust. Mephisto ist nur der Schlüssel zu diesem Dämon, er lässt ihn raus und muss ihm dann hinterher hetzen. Mephisto zieht den Kürzeren, das ist fast tragisch.

Welche Schauspieler in Wien schätzen Sie?

Hier gibt es eine Unmenge toller Leute, das ist ein Grund, warum ich so gerne hier bin, es gibt so verschiedenartige Schauspieler. Mich faszinieren zum Beispiel Paulus Manker und Branko Samarovski, das ist einer der tollsten österreichischen Komiker.

Was sind Ihre unerfüllten Wünsche?

Ich habe in meinem Leben so viele tolle Rollen spielen können und hatte dazu noch Erfolg damit. Ich bin wirklich auf meine Kosten gekommen. Als Hermann Maier seinen Rücktritt bekannt gab und beinahe geweint hat, ist mir das sehr nahe gegangen, wenn man eigentlich noch könnte und dennoch Schluss macht. Was würde ich aber machen? Es gibt tatsächlich noch so viel Unerfülltes. Ich bin ja Autodidakt, deshalb ist es für mich ein ungemeiner Reiz, etwas aus mir heraus zu tun. Ich interessiere mich auch für die jungen Regisseure. Mit Hartmann arbeite ich ja zusammen, von dem gibt es tolle Sachen, aber denken Sie auch an die wunderbaren Inszenierungen von Martin Kušej, Jossi Wieler, Frank Castorf, da bin ich fast auf die Knie gefallen vor Begeisterung, oder an Christoph Marthaler. Ich könnte noch mehr aufzählen. Die Wunschliste ist lang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)