Daniela Musiol: "Einzelne Personen zu tauschen reicht nicht"

(c) Akos Burg
  • Drucken

Daniela Musiol beendete als Mediatorin den Flügelkampf der Grünen und hat Tipps für die SPÖ.

Ist die SPÖ Wien überhaupt noch zu retten?

Daniela Musiol: Ich bin ja im Frühjahr aus der Politik ausgeschieden und bin wie alle eine Betrachterin von außen. Ich war aber sehr überrascht über die mediale Berichterstattung, weil es für die SPÖ sehr unüblich ist und war, dass man so etwas öffentlich austrägt. Es hat in mir das Gefühl geweckt, es müsse schon eine hohe Eskalation da sein, wenn Einzelne diesen Schritt gehen, weil sie vielleicht das Gefühl haben, es sei ihr letztes Mittel, um sich Gehör zu verschaffen. Die Frage wird sein: Wie groß ist die Bereitschaft der beiden Parteien, sich anders einander zu widmen, als sich zu bekämpfen?

Kann man verhindern, dass Einzelne immer wieder an die Medien gehen?

Man braucht sich keiner Illusion hinzugeben – sie tun das, weil sie glauben, sie haben davon einen Nutzen. Sie werden erst damit aufhören, wenn sie sehen, dass sie der gesamten Organisation und somit sich selbst schaden. Oder es gibt eine Gruppe, die sagt, wenn du das weiter machst, dann unterstützen wir dich nicht mehr.

Wenn eine Partei so epidemisch von Streit durchdrungen ist, wo fängt man an?

Am besten im Kleinen mit der Suche nach Akteuren. Dafür muss man herausfinden: Wo ist der Konflikt denn? Geht es um zwei gefestigte Gruppen oder Einzelakteure? Und dann muss man schauen, auf welcher Eskalationsstufe die Akteure stehen. In der Theorie gibt es neun – die letzte heißt „Gemeinsam in den Abgrund“. Manchmal ist es so, dass Menschen, die dort stehen, die Notbremse ziehen und sich auf einen Klärungsprozess einlassen – manchmal sehen sie das nicht mehr, weil sie schon so drin sind.

Bei Konflikten in politischen Parteien geht es offiziell immer nur um inhaltliche Differenzen – nie um persönliche. Was ist dran?

Meine Erfahrung ist, dass jeder Konflikt in einer stärkeren Ausprägung immer auch persönlich wird, weil Beleidigungen stattfinden, weil sich Menschen übergangen fühlen, weil Grenzüberschreitungen stattfinden, und da kann man noch so professionell und hartgesotten sein, irgendwann dringt das in die Persönlichkeit ein, und man ärgert sich. Manchmal ist es umgekehrt, dass persönliche Animositäten eine Meinungsverschiedenheit, die von Inhalt und Ideologie her gar nicht so groß wäre, erst riesig machen. Auch das müsste man in einem ersten Schritt klären: Was war denn die Geschichte des Wickels? Denn oft ist diese lang und eine persönliche Frustrationsgeschichte der einzelnen Personen.

Es wurden jetzt immer einzelne Köpfe gefordert – und Wehsely ist dann tatsächlich zurückgetreten. Kann der Tausch Einzelner diesen Konflikt wirklich lösen?

Nein. Einzelne Personen zu tauschen reicht nicht – zumindest nicht, wenn der Konflikt nachhaltig gelöst werden soll. Wenn ich hernehme, was ich von den Medien über die SPÖ-Krise weiß, dann zieht der Konflikt schon Kreise auf allen Ebenen, inhaltlich wie persönlich. Der Tausch Einzelner kann also vielleicht eine kurzfristige Erleichterung bringen, aber mehr nicht.

Inwieweit sehen Sie den Ursprung des Konflikts in der Frage der Thronfolge?

Ich habe vor Kurzem darüber nachgedacht, und mir ist auf politischer Ebene eigentlich kein geglückter Nachfolgeprozess eingefallen. Bis zu einem gewissen Grad ist der Konflikt logisch: Jede Veränderung löst Unsicherheit aus, aber auch Ideen, wie eine neue Positionierung aussehen könnte. Politische Karrieren haben sehr viel mit Investment in unterschiedliche Gruppen und Personen zu tun, denen man sich anschließt. Je nachdem, wie diese positioniert sind, stark oder schwach, ist dann auch die eigene Karriere. Man darf nicht vergessen, gerade in diesem Fall gibt es Personen, die ja beinahe das Prince-Charles-Syndrom haben – also jahrzehntelang warten, dass sie nachfolgen, und dann sind sie eigentlich zu alt. Sie sehen, da gibt es viele Zutaten für Streit. Man kann Übergaben gut oder schlecht regeln – hier scheint das eher nicht gut geregelt worden zu sein.

Was man aus der SPÖ von beiden Seiten hört, ist, dass sie eigentlich nicht mehr miteinander reden. Wie weicht man diese verhärteten Fronten wieder auf?

Da ist der Mensch ja total spannend: Sobald die Leute in einem Raum sitzen, weil man sich einen Prozess ausgemacht hat, fangen sie dann meistens doch an, miteinander zu reden – weil es eben unangenehm ist, lange nebeneinander zu sitzen und nix zu sagen.

Wenn sich Kinder in Schulklassen streiten, wird oft die Sitzordnung verändert. Wäre das eine Idee für den Gemeinderat?

Ja, eine neue Sitzordnung im Gemeinderat wäre gut, weil das Setting immer eine wichtige Rolle spielt – und auch hier: Wenn zwei Kontrahenten in einer zwölfstündigen Gemeinderatssitzung sind, würden sie dann vielleicht doch nach vier Stunden miteinander reden. Weil oft ist es in diesen Konflikten auch so, dass man den anderen entmenschlicht und dämonisiert – man muss wieder zu einem persönlichen Kontakt kommen, weil dieser oft zeigt: Der andere ist gar nicht so schlimm.

Was würden Sie Häupl nun als Erste-Hilfe-Maßnahmen raten?

Es sind nicht immer die Chefs, die Erste Hilfe leisten können, weil sie in einer speziellen Position sind. Ich würde ihm raten, hinzuschauen und Klärungsprozesse zu ermöglichen – das heißt aber nicht, dass er der Hauptakteur sein muss. Ich glaube auch nicht, dass es jetzt vorrangig ist, einzelne Posten zu klären, sondern man muss schauen, was denn die eigentlichen Bedürfnisse jener sind, die hier aufbegehren. ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2017)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.