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Angst vor den Heimkehrern

(c) REUTERS (ALAA AL-MARJANI)
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Trotz geringer Zahl bleiben albanische IS-Sympathisanten, die zurück in die Heimat wollen, ein Problem für die Region. ?

Stolz vermeldete Kosovos Innenminister, Skënder Hyseni, auf einem Nato-Seminar in Prishtina im vergangenen November den Präventionsvollzug. 2016 hätten nur noch zwei Bürger des Staatenneulings versucht, sich als Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak anzuschließen: „Das ist ein klares Zeichen, dass es uns gelungen ist, erfolgreich den gewaltsamen Extremismus zu bekämpfen.“

Tatsächlich scheint der IS auch auf dem Balkan den Zenit seiner Popularität längst überschritten zu haben. Nach Schätzung der Nachrichtenagentur Balkan Insight schlossen sich zwischen 2012 und 2015 rund 900 junge Islamisten aus der Region dem IS an, davon gut die Hälfte aus dem mehrheitlich muslimischen Bosnien und Herzegowina: 2016 habe die Zahl frisch rekrutierter Kämpfer auf dem Balkan insgesamt „weniger als 20“ betragen.


Brutstätte des Terrors?

Allein die stark steigende Zahl von oft von arabischen Geldgebern finanzierten Moscheen und Koranschulen in der Region lässt sich als Indiz für den steigenden Zuspruch für den radikalen Islamismus werten. Doch obwohl die Staaten Südosteuropas in der westeuropäischen Presse gern als Brutstätte des IS-Terrors dargestellt werden, nehmen sich zumindest die absoluten Zahlen albanischer IS-Freiwilliger gegenüber den Rekruten aus der westeuropäischen Diaspora eher bescheiden aus.

Aus dem Kosovo sollen sich seit 2012 laut Regierungsangaben 316 Kämpfer in den Irak und nach Syrien aufgemacht haben. In Albanien wird die Zahl der seit 2012 rekrutierten IS-Kämpfer auf 100 bis 120, in Mazedonien auf weniger als 200 geschätzt: Ein Großteil von ihnen soll bereits wieder heimgekehrt sein.

Die Facebook-Seite Krenaria Islame (islamischer Stolz), die über albanische IS-Kämpfer in Syrien berichtet, notiert allerdings immerhin 3400 Anhänger – wie viele in der Region und wie viele in der Diaspora sind, ist nicht zu eruieren.

Die stark gesunkene Zahl neuer IS-Rekruten unter jungen Albanern schreibt Shpend Kusani vom Kosovo Zentrum für Sicherheitsstudien (KCSS) denn auch weniger staatlichen und privaten Präventionsanstrengungen als der gesunkenen Nachfrage zu: „Das Phänomen der sinkenden Zahl ausländischer IS-Kämpfer hat mehr mit dem Bedarf als mit dem Angebot zu tun.“ Zudem zeigten sich heimkehrende Veteranen über die in Syrien und Irak erlebte IS-Realität oft enttäuscht: Auch deren Berichte würden dazu beitragen, dass sich weniger IS-Sympathisanten nach Syrien aufmachten.

Doch die hohe Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven in den Balkanstaaten bleiben ein fruchtbarer Boden für die Botschaften extremistischer Heilsbringer. Wie Enri Hide vom Albanischen Institut für Internationale Studien in einer Publikation des österreichischen Verteidigungsministeriums erklärt, bildet das Misstrauen in Rechtsstaat und staatliche Institutionen einen weiteren Hintergrund für Radikalisierung. „Der Islam ist die einzige Wahl“, sei die Botschaft radikaler Islamisten.

Nicht zuletzt die regelmäßigen Verhaftungen von radikalen Predigern, IS-Anwerbern und früheren Kämpfern zeigen, dass zumindest für die Sicherheitsbehörden in Tirana und Prishtina kein Grund zur Entwarnung besteht. Erst im November hob Kosovos Polizei eine von zwei früheren IS-Kämpfern koordinierte Gruppe von 19 Personen aus, die einen Anschlag beim Fußballspiel zwischen Albanien und Israel in Elbasan geplant haben soll. Ob als Einzelgänger, „Schläfer“ oder potenzielle Anschlagsorganisatoren: Es sind besonders die heimgekehrten IS-Veteranen, die in Albanien und Kosovo als Sicherheitsrisiko gesehen werden. ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2017)