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Terror in Wien: Ein Attentat, das nicht stattfand

(c) APA/HANS PUNZ
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Während die Ermittlungen rund um das Netzwerk des 18-jährigen Terrorverdächtigen laufen, werden in Wien die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Und in seinem Wohnhaus in Favoriten fragt man sich, was der Vorfall für das eigene Leben bedeutet.

Es ist eigentlich ein gewöhnliches Haus in Favoriten. Ein mehrstöckiger Neubau, graue Außenmauern mit grünen Balkonen, die auf die Straße zeigen, und 51 Wohnungen, wie die Türklingeln belegen. Eine Wohngegend mit einem Supermarkt und einer Kirche, wenige Gehminuten entfernt, einem Park gleich nebenan, in dem an diesem nebeligen und kalten Samstagmorgen ein kleiner Junge einsam seinen Fußball kickt. Überhaupt sind an diesem Tag wenig Menschen auf der Straße. Hin und wieder fährt eine Polizeistreife an dem Haus vorbei. Denn nichts ist an dem Haus mehr gewöhnlich.

Freitagabend um kurz nach 18 Uhr standen Verfassungsschutz, Cobra und Polizei vor der Haustüre. In einem Großeinsatz durchsuchten sie die Wohnung jenes 18-Jährigen, den sie wenige Minuten davor in der Quellenstraße 142 „zu einem günstigen Zeitpunkt“ nahe einer Schule festgenommen hatten. Sie nahmen Handy und Laptop mit und gingen mit Sprengstoffspürhunden durch das Haus.

Zurück blieben die verdatterten Nachbarn. Denn der Vorwurf wiegt schwer. Ihr Hausmitbewohner, ein 18-jähriger Österreicher mit albanischem Migrationshintergrund, soll zwischen dem 15. und 30. Jänner einen Terroranschlag im Großraum Wien geplant haben. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei weitere Hinweise darauf, dass der junge Mann schon sehr detailliert ausgearbeitete Pläne hatte, wie, wo und wann der Anschlag stattfinden sollte. Als ein mögliches Ziel wurde seitens des Innenministeriums die U-Bahn genannt – auch Sprengstoff soll im Spiel gewesen sein. Es ist das erste Mal, dass die Polizei einen so konkreten Verdacht für die Verübung eines Anschlags hat, heißt es aus dem Innenministerium.

Den entscheidenden Hinweis hatte die Polizei von ausländischen Geheimdiensten bekommen. „Die Person war jederzeit unter Kontrolle“, betonte Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Man hätte den Mann mehrere Tage beobachtet und dann zugegriffen. Der junge Mann, der sich zuletzt in einem radikalen albanisch-islamistischen Milieu bewegte, war als Kleinkrimineller amtsbekannt.

Er dürfte mit seinem Vater und seinem Bruder zuerst in Neunkirchen in Niederösterreich aufgewachsen sein und sei arbeitslos. Die Hinweise deuten momentan darauf hin, dass es sich bei dem 18-Jährigen nicht um jemanden handelte, der sich erst kürzlich radikalisiert hatte, sondern schon Kontakte zu anderen radikalen Szenen im Ausland gepflegt hatte – die Polizei ermittelt derzeit zu diesen Netzwerken.


Suche in Wien und Niederösterreich. Mittlerweile sind laut Grundböck Hausdurchsuchungen an mehreren Adressen in Wien und Niederösterreich durchgeführt worden. Dabei sei Material beschlagnahmt worden. Es gebe auch laufende Vernehmungen von Bezugspersonen. Sowohl für die Auswertung der Aussagen als auch des bei den Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Materials sei umfangreiche Detailarbeit notwendig, die entsprechend Zeit in Anspruch nehme. Auch weil der Verdächtige laufend mit dem Material konfrontiert werde, das man finde.

In der Rotenhofgasse 79 in Favoriten versucht man derweil unter den Nachbarn, Sinn in jene Informationen zu bringen, die sie selbst über Zeitungen und Fernsehen erfahren mussten. Die wenigsten waren beim Cobra-Zugriff am Freitag zu Hause. Weiters dürfte die Polizei ohne großes Aufheben und zügig gearbeitet haben, so dass viele nichts bemerkten – bis die Nachrichten kamen. „Ich hab das gestern in der ZIB gesehen und gedacht, das ist doch mein Haus“, sagt ein Bewohner. Die anwesenden Nachbarn haben, so viel ist schnell klar, den Verdächtigen kaum gekannt. „Nur vom Sehen her, und da hätte ich keinen schlechten Eindruck gehabt“, sagt eine Hausbewohnerin, neben deren Türe ein „Willkommen“-Schild hängt. Wie bei so vielen anderen hier. Auch wenn der Verputz drinnen an den Wänden etwa abblättert, ist es ein ordentliches Haus. Die Gänge sind frei, die Postkästen in Schuss. „Nach Rücksprache mit der Hausverwaltung dürfen Pflanzen am Gang stehen bleiben“, steht auf dem Anschlagbrett geschrieben.

Die unmittelbaren Nachbarn des Verdächtigen – der mit seinem Bruder im Haus wohnen soll – wollen nichts zu dem Vorfall sagen. Man hätte keinen Kontakt gehabt, sagen die beiden Familien, die in seinem Stockwerk wohnen. Nur ein junger Mann im Haus hat den 18-Jährigen, seinem Gesicht nach zu urteilten, gut gekannt. „Ich will nichts dazu sagen, es ist schon genug passiert“, sagt er, bevor er die Türe zuwirft. Und: „Das ist eine Familienangelegenheit. Ich will nicht, dass das in der Zeitung steht. Es ist alles ein großes Missverständnis.“ Aber Zeitungen würden doch sowieso nur das schreiben, was sie wollen, fügt er hinzu.


Erhöhte Sicherheit.
Die Polizei nimmt den Vorfall jedenfalls sehr ernst. Da noch im Umfeld des Täters ermittelt wird – auch um etwaige Komplizen zu finden –, wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. „In Hinblick auf die relative Information wurden die Maßnahmen angepasst“, sagte Grundböck zur „Presse am Sonntag“. Heißt: Es werden mehr Beamte im öffentlichen Raum sichtbar, aber auch nicht sichtbar sein. Einerseits werde man sich auf jene Orte konzentrieren, wo es große Menschenansammlungen gibt – andererseits werde die Polizeipräsenz in den öffentlichen Verkehrsmitteln erhöht. Augenmerk wolle man vor allem wie am Flughafen auf unbeaufsichtigte Gepäckstücke legen. Innenminister Wolfgang Sobotka hatte bereits am Freitagabend zu erhöhter Aufmerksamkeit der Bevölkerung aufgerufen – Auffälligkeiten sollten der Polizei gemeldet werden. Umgekehrt hat der Vorfall auf die Sicherheitsmaßnahmen bei den Wiener Linien zunächst keine größeren Auswirkungen. „Seit den Anschlägen in Paris im Jänner 2015 gibt es auch bei uns erhöhte Aufmerksamkeit, was dieses Thema angeht“, sagt Sprecher Michael Unger. Soll heißen, dass die Mitarbeiter auf verdächtige Situationen sensibilisiert werden, etwa stehengelassene Koffer in einer U-Bahn-Station. Sollte Passagieren etwas auffallen, gebe es Notrufeinrichtungen in den U-Bahn-Stationen, mit denen die Leitstelle informiert werden kann.

„Und die kann und soll man verwenden, wenn man etwas bemerkt oder jemand Hilfe braucht“, so Unger. „Aber das gilt tagein, tagaus. Nicht nur in diesem Zusammenhang.“ Man sei sich aber jedenfalls bewusst, dass öffentliche Einrichtungen wie eben die U-Bahn Ziel von Anschlägen werden können – es gebe einen Notfallplan. Den gibt es auch bei den ÖBB. Weiters hatte ÖBB-Vorstandschef Andreas Matthä erst am Donnerstag zusätzliche Mitarbeiter im Security-Dienst angekündigt. Und es gibt ÖBB-Sicherheitstouren, bei denen auf Bahnhöfen der Landeshauptstädte gezeigt wird, was alles für die Sicherheit getan wird und wie man sich in Notsituationen verhält.

Bedrohung vorhanden. Denn dass es auch in Österreich zu einem Anschlag kommen kann, davor haben die Behörden schon längst gewarnt. Die Terrorgefahr in Österreich ist in den letzten Tagen und Wochen laut Experten zwar nicht gestiegen, europaweit sei sie freilich wegen der Schwäche des IS im Nahen Osten seit Längerem größer.

Auch der Verdächtige soll Kontakt zu einschlägigen Moscheen gehabt haben. Als Salafistenzentrum galt in Wien jahrelang die Altun-Alem-Moschee in der Leopoldstadt (Venediger Au), die Anfang 2016 geschlossen wurde. Sie war zuvor vom Verfassungsschutz beobachtet worden. In dieser Moschee hatte Mirsad O. unter dem Namen Ebu Tejma gepredigt. Der mutmaßliche Jihadist wurde im Juli 2016 im Grazer Straflandesgericht (nicht rechtskräftig) zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Nach der Schließung der Altun-Alem-Moschee soll zunehmend die sogenannte Tewhid-Moschee in Wien Meidling zu einem Treffpunkt für radikale Islamisten geworden sein, insbesondere für jüngere Menschen – aber auch in anderen Bezirken tun sich neue Hotspots auf. „Wir müssen zu einer Hinschau-Gesellschaft werden“, sagte Innenminister Wolfgang Sobotka bei der Pressekonferenz am Freitagabend. „Ein 18-Jähriger radikalisiert sich nicht von heute auf morgen.“

Ruf zur Aufmerksamkeit. Doch worauf soll man schauen, wenn alles normal wirkt? „Ich kenn das von meiner früheren Arbeit“, sagt die ältere Bewohnerin in der Rotenhofgasse 79. „Da kommen sie im Anzug, und dann sind es Radikale.“ Sie und ihr Nachbar, mit dem sie auf dem Gang redet, sind sich einig, dass es bisher keine Probleme in dem Haus gegeben habe. „Am liebsten möchte ich jetzt wegziehen. Aber wer kauft mir die Wohnung jetzt noch ab?“ Auch der Mann ist verärgert. „Ehrlich, ich hab mir schon auch gedacht, jetzt ist die Wohnung wieder 20 Prozent weniger wert“, sagt er. Waren früher noch lauter Eigentümer in dem Haus, sind es jetzt viele Mieter. Die Leute sterben weg, und dann vermieten die Nachkommen.

Man wisse ja, wie das sei, erzählt die Frau. Mittlerweile sei die Hälfte der Bewohner Ausländer. So wie überall in Favoriten. „Fahren Sie einmal mit der Straßenbahn 6, dann sehen Sie das.“ Wenig später öffnet ein Mann mit Migrationshintergrund die Tür. „Wissen Sie, was passiert ist?“, fragt er. „Manchmal fragt man sich schon, wer da alles einziehen darf. Man muss die Leute überprüfen. Ich wurde auch überprüft, mit Lohnzettel und so.“ ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2017)