Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Hamdys Welt der bunten Pillen

(c) Karim El-Gawhary
  • Drucken

Der Fahrer Hamdy Oukel aus Kairo leidet an der ägyptischen Volkskrankheit des Bluthochdrucks. Sein Arzt versorgt ihn regelmäßig mit einem unübersichtlichen Medikamentencocktail.

Langsam werden die Kairoer Nächte ein wenig kühler. Der Hochsommer ist vorbei, genauso wie der Fastenmonat Ramadan. Die letzten Wochen liefen nicht gut für Hamdy Oukel und seine Familie im Kairoer Armenviertel Dar El-Salam. Der Stress, der Lärm, die Sorgen ums tägliche Überleben haben die Gesundheit des Fahrers angeschlagen.

Zuerst kam ein kleiner Schlaganfall im Sommer, von dem er sich aber inzwischen erholt hat. Hamdy leidet seit Jahren an Bluthochdruck – eine Art ägyptische Volkskrankheit. Dann folgten ein schmerzhafter Nierenstein und zahllose Medikamente, von denen Hamdy kaum die Wirkung, geschweige denn die Nebenwirkungen kennt. Wenn Hamdy über seine Tabletten spricht, dann nur über Packungsfarben und Tablettenformen. Die Ärzte fühlen sich meist nicht verpflichtet, Menschen wie ihn genau über ihr Krankheitsbild aufzuklären. Sie schreiben nach einer kurzen Sitzung Rezepte auf. Und Hamdy kommt mit einem Sackerl voller bunter Tablettenschachteln und einem ärztlichen „Gott sei mit dir“ nach Hause.

Wie ein altes Auto. Doch diesmal hat sich der Medikamentencocktail dem 52-Jährigen auf den Magen geschlagen. Er hörte fast zu essen auf, bis er schließlich Mitte September im Krankenhaus landete und mit Glukoseinfusionen wieder aufgepäppelt wurde. „Ich fühle mich wie ein altes Auto, für das es keine Ersatzteile mehr gibt“, erzählte er dort mit einer Gesichtsfarbe, die sich kaum von den weißen Kissen unterschied, auf die er gebettet lag.

Inzwischen ist er wieder zu Hause, unter strikter Obhut seiner Frau Naima. Sie sorgt dafür, dass er gesund isst. Jeden Abend darf er erst ins Bett, nachdem er sein Joghurt mit Honig gegessen hat. Naimas Geheimrezept, den Ernährer der Familie am Leben zu erhalten.

In der kleinen Zweizimmerwohnung in Dar El-Salam ist es inzwischen leerer geworden. Hamdys Sohn Sayyed (26) hat seine eigene Wohnung und eigne Familie, dessen Bruder Karim (20) leistet seinen dreijährigen Militärdienst im Sinai ab, und diesen Monat ist nun auch ein weiterer von Hamdys Söhnen, Muhammad (24), ausgezogen. Nach Alexandria – dort soll er helfen, eine Filiale einer ägyptischen Fastfoodkette aufzubauen.

Nur mit seiner Frau Naima und seinen beiden Söhnen Emad (22) und Hatem (14) wurde es Hamdy zu einsam in seiner kleinen Wohnung. Also ist sein Ältester, Sayyed, zusammen mit seiner Frau Samar und den Töchtern Habiba (3) und Nour (6 Monate) seit einer Woche zu Besuch. Und Hamdys Welt ist wieder in Ordnung. Seine beiden Enkel dürfen bei ihm auf der Matratze schlafen. „Nour bewegt sich immer im Schlaf und schlägt aus, sodass Habiba zu schreien anfängt“, beschreibt Hamdy lachend seine Glücksmomente.

Chaos als Lebenselexier. Irgendwie ist das Chaos um ihn herum auch sein Lebenselexier, seien es schreiende Enkelkinder oder die Herausforderungen des Kairoer Verkehrs, durch den er täglich von Berufs wegen sein Fahrzeug lenkt.

Ach ja – die Ärzte haben Hamdy wegen seines hohen Blutdrucks nicht nur bunte Tabletten verschrieben, sondern auch geraten, seinen Lebenswandel zu ändern. Das Rauchen hat er aufgegeben, seine Frau kocht mit weniger Salz. Außerdem solle er sich vom Stress fernhalten. Hamdy verdreht die Augen: Ein ärztlicher Rat, der mit seinem Überlebenskampf in der 18-Millionen-Metropole Kairo wohl kaum vereinbar ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)