Und die Ideologie, Herr Richter?

Daniel Richter
Daniel Richter(c) APA/SALZBURGER FESTSPIELE/WOLFGA (SALZBURGER FESTSPIELE/WOLFGANG L)
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Einst Hamburger Hausbesetzer, logierte der deutsche Malerstar und Labelchef Daniel Richter gerade im Wiener Hotel Imperial. Wo die »Presse am Sonntag« sein Gewissen testete.

Oft ist er nicht in Wien, aber wenn, kümmert er sich intensiv – um die „Frechdachse“ (seine Malereiklasse an der Akademie der bildenden Künste), den Wiener Dialekt, den er leidenschaftlich schlecht spricht, und Käsekrainer. Und wenn Wien nicht gerade Ärztekongress feiert, wohnt er auch in ganz normalen Hotels, sonst darf es, wie jetzt, schon mal das Imperial sein, ein paar Gin Tonic, ein Clubsandwich. Schließlich ist Daniel Richter einer der erfolgreichsten jüngeren Maler Deutschlands, nährt sich von Punk, Streetart, deutscher Romantik und Historienmalerei. Seinen paranoiden Röntgenstil erkennt man wieder, hat man ihn einmal gesehen. Bei den Salzburger Festspielen, wo er 2008 das Bühnenbild für König Blaubart schuf. Oder ab nächsten Donnerstag in der Sammlung Essl.


Akademieprofessur, Salzburger Festspiele, Hotel Imperial – Sie waren einmal Punk und Hausbesetzer, muss man sich ideologisch um Sie Sorgen machen?

Daniel Richter: Das ist doch nur ein Haus, in Wien, der Museumskurtisane, kann man doch alles mieten. Da muss man sich keine Sorgen machen. Es gäbe jetzt auch keinen interessanten Bruch, wenn ich in Unterhosen hier sitzen würde, das gehört zum ästhetischen Einpassen, zum Benehmen. Die Leute machen aus sekundären Elementen, aus Stilfragen ideologische Fragen, das ist Blödsinn.


Aber Stilfragen waren im Punk wesentlich!

Punk ist tot, wenn ich Sie darauf hinweisen darf. Früher hat es gereicht, sich eine Hose um zwei Pfennig zu kaufen, die einer dicken Frau gehörte und zu kurz war, und dazu eine Lederjacke, auf die man draufgeschrieben hat „Pinkelt euch doch selber an, ihr Idioten“. Das hat vollkommen gereicht, um nicht lächerlich zu sein, sondern heroisch. Die Zeiten sind vorbei.


Und was muss man heute tun?

Keine Ahnung. Der Kalte Krieg ist zu Ende, auch in der Mode. Der Westen hat gewonnen, und eine große Ödheit, Lahmheit und Dummheit breitet sich auf der Welt aus wie Rosenöl auf einem Seidenkissen. Nichtsdestotrotz wird sich niemand die Sowjetunion und die DDR zurückwünschen. Punk hat übrigens auch geheißen, dauernd verprügelt zu werden, Paria zu sein. Und man kann mit 18 Paria sein. Mit 45 aber kann man nur Intellektueller sein, der dagegen ist. Und selbst die sind, wenn ich mich nicht täusche, rar gesät. Mir ist das dummerweise nicht gegeben, weil ich Maler geworden bin. Der Maler arbeitet warenförmig und nicht kontextuell, auf einmal wird er hineingesogen in dieses wunderbare System der Käuflichkeit – und zack, sitzt er im Imperial und redet schlau daher.


Oder in Salzburg. Sie haben den Festspielen als Andenken ja ein ziemliches Ei gelegt, haben ein Bild fürs Festspielhaus gemalt, auf dem Taliban mit geschulterten Instrumenten auf mohnrotem Feld zu sehen sind.

Das könnten auch ganz normale Leute aus den pakistanisch-afghanischen Nomadenvölkern sein. Mir geht es um die Verzahnung eines Feindbilds mit einem romantischen Bild von dem, was Kultur, Kunst auch sein könnte. Das zieht sich wie ein Faden durch mein Werk – die romantische Aufladung einer Heldengestalt, des Einsamen, des Idealisten. Und natürlich sind diese Leute, auch wenn sie unseren Wertekanon nicht erfüllen, genau das: selbstlos, idealistisch, kinderlieb, sie opfern ihr Leben.


Ist dieses Bild also als eine Solidarisierung mit diesen „Helden“ zu verstehen?

(Lacht.) Also, wenn Sie das jetzt verkürzen – „Daniel Richter, der Taliban-Maler aus Hamburg“ –, fühle ich mich ehrlich missverstanden. Da würde ich sagen, da hat die Ideologie wieder die Linse verklebt. Ich glaube nicht, dass das die einzige Interpretationsmöglichkeit meiner Malerei ist. Aber wer weiß – vielleicht gewinnen die ja doch, dann stehe ich gut da in 20, 30 Jahren, als vorwegeilender Opportunist.


Gut. Vor allem aber ist das Bild eine Provokation. Wie haben Sie Salzburg erlebt?

Ich war vier Wochen hier für das Bühnenbild. Und ich hoffe, dass ich das das nächste Jahr wieder machen kann. Man hat mich gefragt, weil Harnoncourt „Lulu“ machen soll – aber das ist noch in wackeligen Gewässern. Prinzipiell muss ich sagen, dass Salzburg von außen mit Abscheu und Ekel betrachtet wird, selbst von Leuten, die Salzburger sind, wie dem Besitzer der Berliner Paris-Bar, den ich gut kenne. Wenn der das Wort Salzburg nur hört, führt er sich auf wie Thomas Bernhard persönlich. Für den sind das alles noch NSDAP-Mitglieder. Auch die gepflegten Damen mit den Söhnen mit öligem Haar, die man im Cafe Bazar beobachten kann, wie sie sich seit 300 Jahren hassen und zusammenbleiben aus Liebe zum Geld und zum Gehöft – hmmmm. Aber ich möchte nicht missverstanden werden, ich habe mich sehr wohl gefühlt in Salzburg, es ist durchzogen von Kennerschaft und Liebe zu Literatur und Musik. Man kann hier etwas in Reinkultur studieren, was überall auf der Welt am Verschwinden ist, gerade noch ein wenig in Paris, in London ...


... in Bayreuth?

Bayreuth ist doch nur so ein Pisskaff, eine eklige Stadt, die ohne Wagner-Festspiele ein brauner Alptraum ist.


Sie verderben sich gerade Ihre Zukunft als Ring-Regisseur!

Nein, ich will gar nicht, ich kann Wagner nicht ausstehen! Ich habe es systematisch versucht, zwei-, dreimal – aber er berührt mich nicht. Strauss dagegen liebe ich fast, auch Berg, Bartok.

Sie sind nebenbei ja auch noch Labelchef von Jan Delay zum Beispiel. Woher nehmen Sie als erfolgreicher Maler nur die Zeit für Musik? Meine Aufnahmefähigkeit ist mit der bildenden Kunst schon völlig ausgelastet.

Für mich ist das einfach, ich bin ja schon Kunst! (Lacht.) Wenn ich male, ist das ja ein ganz einsamer Vorgang, da höre ich dann systematisch Musik, besonders klassische.


Zehn Jahre haben Sie nur abstrakt gemalt, ab 2000 kamen dann plötzlich unheimliche Figuren ins Spiel – jetzt steht wieder ein Dekadensprung ins Haus, was kommt jetzt?

Noch sind zehn Jahre ja nicht um! Die Gefahr der Manier ist natürlich groß. Diese Selbstgeißelung aber, dauernd etwas verändern zu müssen, allen zu beweisen, dass man nicht stagniert, dass man vom Markt nicht satt gemacht wird, ist sehr deutsch, sehr protestantisch. Diese Vorstellung, dass ein Künstler, wenn er Erfolg hat, korrupt ist, wenn er korrupt ist, faul ist, und wenn er faul ist, schlecht ist. Ich finde das Argument moralisch zwar sofort einleuchtend. Bei näherer Betrachtung aber ist es völlig falsch. Es ist ein Pop-Argument, es geht um Tempo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)

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