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Das ist ja keine Art!

Kombinierte Methoden der Artbestimmung führen zu besseren Ergebnissen.

Alle reden von Artenschutz, aber oft sind sich nicht einmal Biologen einig, was eine Art ist. Dabei geht es beim Artenschutz doch um den Schutz der Biodiversität, der Vielfalt der Natur, die nur in ihrem komplexen Gefüge eine stabile Umgebung für Pflanzen und Tiere bieten kann. Darum versuchen Biologen stets, bis ins kleinste Detail das „System Natur“ zu erforschen und zu erkennen, welche Tier- und Pflanzenart welche Nische des Ökosystems einnimmt und welche Funktion sie dort erfüllt.

Der Pionier solcher Forschungen war der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die Benennung der Arten mit Gattungs- und Artnamen einführte und Pflanzen- und Tierarten in ein taxonomisches System einordnete („Systema Naturae“, erste Auflage anno 1735). Sein Ansatz war die morphologische Beschreibung der Arten: Was gleich aussieht, gehört zur selben Art. Ob Linné angemerkt hätte, dass es – umgangssprachlich gesagt – „keine Art“ sei, an seinem „Systema Naturae“ herumzunörgeln, ist heute reine Spekulation. Jedenfalls kamen im Lauf der Jahrhunderte neue Methoden zur Artbestimmung hinzu: chemische oder biochemische Analysen und freilich die Molekularbiologie. Seit der Entschlüsselung ganzer Genome hielten manche Forscher die Abfolge der Basensequenzen als einzig gültigen „Fingerabdruck“, um zu unterscheiden, was bei Tieren, Pflanzen und Bakterien eine Art ist und was nicht.


Gefährdete Artenvielfalt.Ein Team rund um Ökologen der Uni Innsbruck hat sich nun erstmals angesehen, welcher Ansatz der Artabgrenzung am geeignetsten ist, um eine korrekte Aussage zu treffen. „Anhand von Publikationen der 1970er-Jahre bis heute haben wir verglichen, welche Methoden die höchsten Erfolgsquoten hatten“, erklärt Birgit Schlick-Steiner, einzige Professorin für molekulare Ökologie in Österreich. Die überraschende Erkenntnis: Egal mit welcher Methode die Artengrenzen gezogen wurden, es gab immer eine hohe Fehlerquote, im Schnitt 30 Prozent. „Auch molekulare Methoden bringen oft Fehler“, so Schlick-Steiner. Da gibt es etwa Pseudogene oder Spuren von veralteten Hybriden, die zu ungenauer Artbeschreibung führen. Der einzige Ansatz, der Erfolg hat, ist eine Kombination verschiedener Disziplinen, sind sich die Forscher nun sicher. „Integrative Taxonomie“ heißt diese Arbeitsweise, bei der man die immer noch sehr wichtige Morphologie mit genetischen und z.B. biochemischen Analysen vereint. „So kann sich die Fehlerquote auf drei Prozent verringern.“

Der Sinn hinter einer exakten Artabgrenzung zeigt sich am Beispiel von Anopheles-Mücken. Da gibt es eine Art, die früher nicht als solche erkannt wurde, die aber ein gefährlicherer Malaria-Überträger als ihre nahen Verwandten ist. „Auch in Österreich half die integrative Taxonomie schon beim Erkennen von gefährdeten Ameisen, die man auf ersten Blick für eine eingewanderte Art gehalten hatte. Dabei sind die von uns entdeckten ,Lasius austriacus‘ sehr selten und gehören geschützt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)