Skirennen: Ohne Rücksicht auf Verluste

(c) GEPA (Andreas Reichart)
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Bis zu den Olympischen Spielen in Vancouver bleiben den ÖSV-Athleten 27 Rennen, davon sechs Abfahrten, um sich zu qualifizieren. Für einige wird die Jagd nach Gold womöglich auf dem Operationstisch enden.

Normalerweise“, sagte Hermann Maier dieser Tage, „denke ich um diese Zeit schon an das Rennen in Kitzbühel.“ Normalerweise geht er jetzt all die Fehler durch, die er vor einem Jahr gemacht hat. Beginnt nach den Sekunden zu suchen in Sölden, Beaver Creek, Val d'Isère, Bormio, Wengen, Kitzbühel. Im Kopf merzt er all die kleinen Ungenauigkeiten der vorigen Saison aus, lange bevor er diese Strecken wieder befährt. Normalerweise: Denn Hermann Maier hat die Suche nach der verlorenen Zeit beendet.

Für seine ehemaligen Kollegen beginnt sie am kommenden Wochenende in Sölden. Und die Zeit ist unerbittlich in einer Olympiasaison. 27 Weltcuprennen absolvieren die Herren bis zu den Olympischen Spielen in Vancouver. Es werden 27 Ausscheidungsrennen sein. 27-mal geht es um die Frage: Wer sind die wenigen Auserwählten, die um Goldmedaillen kämpfen dürfen. Und für diesen Traum vom olympischen Ruhm werden junge Männer und Frauen in den kommenden vier Monaten bis an ihre Grenzen gehen, werden Kopf und Kragen riskieren und schwere Verletzungen im wahrsten Sinne des Wortes „in Kauf“ nehmen. Denn seit Jahren zählt der alpine Skilauf zu den gefährlichsten Sportarten der Welt. Lebensgefahr, schwerste Verletzungen und bleibende Schäden sind zum Alltag geworden. Das gibt es weder in der Formel 1 noch in der Motor GP, in keinem Boxring der Welt: Die Gladiatoren der Gegenwart rasen in einem mit Werbeemblemen verzierten Pyjama auf zwei Skiern mit 140 Stundenkilometern vereiste Steilhänge hinunter.

Wenn dieser Tage Maiers Exkollegen an Kitzbühel denken, erinnern sie sich womöglich an Daniel Albrecht, der am 22. Jänner im zweiten Streiftraining beim Zielsprung schwer gestürzt ist. Mit Gehirnblutungen und Lungenquetschung ist der Schweizer damals mit dem Hubschrauber in die Innsbrucker Klinik eingeliefert worden. Es folgten drei Wochen Koma – und am Ende ein kleines Wunder. Der 27-Jährige ist wieder völlig genesen.

Albrecht verunglückte an jener Stelle, an der ein Jahr zuvor der Amerikaner Scott Macartney schwer zu Sturz gekommen, bewusstlos in den Zieleinlauf geschleudert und vor der Loge der Superpromis verarztet worden war.

Am 23. Jänner 2010 wird die Hahnenkammabfahrt für einige ÖSV-Läufer die letzte Chance sein, sich für die Königsdisziplin bei Olympia zu qualifizieren. An diesem Tag wird von dem Dutzend ÖSV-Athleten am Start keiner an Namen wie Matthias Lanzinger, Silvano Beltrametti oder gar Gernot Reinstadler denken. Beltrametti sitzt seit seinem Sturz in Val d'Isère 2001 im Rollstuhl, Lanzinger verlor im März 2008 in Kvitfjell sein linkes Bein, Reinstadler in Wengen 1991 sein Leben.
„Man darf es nicht übertreiben.“ Doppelolympiasieger Hermann Maier hat sich in den vergangenen Jahren als Athletenvertreter immer wieder zum Thema Sicherheit geäußert und für Verbesserungen starkgemacht. „Die Rennen müssen interessant bleiben“, meint er zur „Presse am Sonntag“. „Aber einige Passagen sind im Weltcup nicht fahrbar“, sagt jener Mann, der in den vergangenen elf Jahren im Skizirkus kaum ein Risiko scheute.

Doch trotz der stetig verbesserten Sicherheitsstandards könnten Sturzräume und Sicherheitszäune und Matten noch besser ausgebaut werden, ist der Flachauer überzeugt. „Jeder Fahrer geht ein Risiko ein, das ist klar. Aber man darf es nicht übertreiben“, betont der zurückgetretene Skisuperstar.

Maier selbst hat sich bei Skirennen nie schwer verletzt. „Weil ich auch das nötige Glück hatte“, räumt er heute ein. Andere Spitzenathleten hatten dieses Glück nicht. Stephan Eberharters Laufbahn ist von schweren Verletzungen durchzogen. Der Norweger Aksel Lund Svindal stürzte im November 2007 in Beaver Creek so schwer, dass seine Karriere auf dem Spiel stand und er fast ein ganzes Jahr ausfiel. Insofern ist Maiers Ansage, er trete „gesund“ zurück, keine Selbstverständlichkeit. Größen wie Marc Girardelli beendeten ihre Karrieren de facto als Invalide.

Trotzdem kann man es mit Glück allein nicht erklären, dass sich Maier – mit Ausnahme eines Armbruchs zu Beginn seiner Karriere – auf der Piste nie schwer verletzt hat. „Wenn du in Form bist, kannst du alles riskieren. Auch das letzte Hemd. Sonst aber nicht“, sagt er. Der kommende Winter wird wohl wieder seinen Tribut fordern. Wie der Winter 2005/2006 für einige ÖSV-Athleten auf dem Operationstisch statt bei den Olympischen Spielen in Turin geendet hat. Wie brutal der Ausscheidungskampf unter österreichischen Skifahrern sein kann, zeigten damals die Damen. Vor dem Slalom von Zagreb wenige Wochen vor Olympia waren nur noch drei ÖSV-Läuferinnen fit. Neben Marlies Schild, Kathrin Zettel und Nicole Hosp wurden eiligst die rekonvaleszente Michaela Kirchgasser und die Nachwuchsläuferin Karin Truppe nominiert, damit zumindest fünf Österreicherinnen am Start waren. Am Ende siegte Schild vor Zettel, Hosp wurde vierte. Die drei Österreicherinnen fuhren ohne Rücksicht auf Verluste, schließlich ging es ums Ticket für Olympia.


„Selber schuld.“ „Wenn etwas passiert, dann bist du selber schuld“, sagt Maier. Dass die Österreicher stets mit dem Qualifikationsdruck leben, sei Pech und Glück zugleich. „Du weißt immer, wo du stehst. Wenn du für den ÖSV fährst, bist du das von klein auf gewohnt. Dafür kannst du dich mit den Besten messen.“ Die erfolgreichen Fahrer, so Maier, sind jene, „die mit Hirn fahren. Und zwar mit viel Hirn!“ Dort, wo der Verstand aussetzt, beginne die Gefahr.

Bleibt zu hoffen, dass in der Olympiasaison bei ÖSV-Läufern und Betreuern der Verstand nie aussetzt. Denn keine Medaille der Welt ist es wert, sein Leben zu riskieren. Normalerweise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)

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