Warum die Kursrally noch länger dauern kann, und warum Aktionäre vermeiden sollten, sich an der Sonne die Finger zu verbrennen.
Die Berichtssaison für das dritte Quartal ist in den USA angelaufen. Das schlägt sich naturgemäß auch an den Börsen nieder, die ihren nun schon seit März anhaltenden Dauerlauf teilweise fortsetzen konnten. Trotz aller immer wieder aufflackernden Warnungen, dass der Markt schon „überkauft“ sei und die hohen Bewertungen – die jedenfalls nicht vermuten lassen, dass die Welt nach wie vor in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise steckt – Rückschlagspotenzial böten.
Wie kann das weitergehen? Wenn während der laufenden Berichtssaison nicht noch wirkliche „Grauslichkeiten“ auftauchen, durchaus nach oben. Denn auf volks- und betriebswirtschaftliche Daten, die darauf hinweisen könnten, dass doch nicht alles so paletti und vieles nur bilanziell schöngerechnet ist, schaut derzeit niemand. Die Rally ist „liquiditätsgetrieben“. Soll heißen, es liegt zu viel anlagesuchendes Kapital schlecht verzinst herum. Was den Druck auf die Verwalter dieses Geldes erhöht, endlich etwas Renditeträchtiges damit anzufangen. Dafür bietet sich nun einmal eine laufende Börsenrally an, was diese wiederum mit zusätzlichem Momentum versieht und damit zum Selbstläufer macht.
Das kann durchaus noch einige Zeit so dahingehen. Denn jetzt ist offenbar gerade die zweite Liquiditätswelle dabei, über die Börsen zu rollen: Jene Privatanleger und vor allem Fondsmanager, die die Lage im Frühjahr und Sommer falsch eingeschätzt und zu vorsichtig investiert haben, schütten massig Geld in den Markt.
Eine derart getriebene Rally kann aber sehr schnell „kippen“ und ins Gegenteil umschlagen, wenn einige große Marktteilnehmer zu dem Schluss kommen, dass es Zeit wird, zu ernten und Gewinne mitzunehmen. Man kann also durchaus auch jetzt noch hineinspringen und die „Welle“ ausreiten. Aber keinesfalls ohne ein genau abgestecktes Ausstiegsszenario. Also wie gehabt Stop-Loss-Limits setzen, strikt nach oben nachziehen – und im Bedarfsfall auch beherzt exekutieren.
Eine der Aktien, bei denen man spät, aber doch den Schwung noch mitnehmen könnte, ist die des deutschen Spezialmaschinenbauers Aixtron(ISIN DE000A0WMPJ6). Der Kurs kennt seit Monaten nur eine Richtung und ist heuer schon beeindruckend von unter vier auf über 20 Euro hochgeschossen. Bei einer derartigen Entwicklung denken Börsenprofis normalerweise zwar eher an Gewinnmitnahmen als an einen Einstieg. Aber das Momentum der Aktie hat sich zuletzt noch einmal deutlich verstärkt – und eine Reihe von Hochstufungen durch Analysten (zuletzt von Equinet, Deutsche Bank und Credit Suisse) samt Kaufempfehlung der Deutschbanker haben dem Papier zusätzlich Schwung verliehen.
Allerdings ist der Kurs schon verdammt nahe an die erhöhten Kursziele (das höchste stammt mit 26 Euro von der Deutschen Bank) herangekommen. Andererseits trauen Analysten dem Maschinenbauer eine Geschäftsentwicklung zu, die recht deutlich über den derzeit gültigen Prognosen liegt. Freilich inklusive eines zwischenzeitlichen „zyklischen Rückschlags“, wie Credit Suisse meint.
Wer sich in dem immer noch stark steigenden Wert engagiert, sollte seine Verlusttoleranz in Form eines Stop-Loss-Limits jedenfalls eng setzen. Und auch am österreichischen Nationalfeiertag den einen oder anderen Blick auf die TecDAX-Kurse riskieren. Am 26. Oktober legt nämlich Aixtron-Mitbewerber Veeco seine Quartalszahlen vor. Die könnten durchaus Aufschluss über die drei Tage später erfolgende Aixtron-Veröffentlichung geben. Und damit darüber, ob der Aixtron-Kurs seinen Höhenflug fortsetzt – oder erst einmal kräftig in Richtung Süden abtaucht.
Höchste Vorsicht ist in nächster Zeit jedenfalls bei den (auch an dieser Stelle schon empfohlenen)Solaraktienangebracht. Öko ist zwar eine Zukunftsbranche, aber kurzfristig schlittert die Solarbranche in ernste Probleme, die Solarworld, First Solar und Co. dramatisch in den Kurskeller treiben könnten. Die chinesische Konkurrenz bringt die deutschen und amerikanischen Unternehmen unter starken Ertragsdruck – hat aber auch selbst mit Problemen zu kämpfen.
US-Analysten prophezeien Solartiteln deshalb Kursstürze bis zu neunzig Prozent. Also nichts wie weg: Man kann sich als Aktionär schließlich auch an der Sonne die Finger verbrennen.
josef.urschitz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2009)