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Staatsoper: Liebestragik mit Hollywood-Flair

Aida Garifullina und Juan Diego Flórez turteln und leiden und sorgen beim Publikum für Hochstimmung.
Aida Garifullina und Juan Diego Flórez turteln und leiden und sorgen beim Publikum für Hochstimmung.(c) Staatsoper/Michael Pöhn
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Begeisterung für Juan Diego Flórez und Aida Garifullina, die in Gounods „Roméo et Juliette“ schmachten und leiden – sowie für Plácido Domingo am Pult.

Feiertag im Staatsopernkalender: Die Jubelstürme am Ende von Charles Gounods „Roméo et Juliette“ dauerten länger als eine Viertelstunde, immer wieder rief das Blumen werfende Publikum seine Lieblinge vor den Vorhang: Juan Diego Flórez, Aida Garifullina sowie Plácido Domingo, der am Tag nach seinem 76. Geburtstag wieder einmal am Dirigentenpult stand.

Flórez, der führende Belcantotenor unserer Zeit, hat ja gerade in einer Aufführungsserie von Bellinis „Sonnambula“ als Elvino gleichsam eine Jugendrolle seines Repertoires mit neuem, gereiftem Elan erfüllt. Nun glänzte er als Gounods Roméo, eine seiner neuesten Partien, und zeigte mit dieser Kombination zweierlei: zum einen, dass er seine Facherweiterung in dramatischere französische Gefilde des 19. Jahrhunderts keineswegs mit Einbußen bei der Agilität im verzierten Repertoire bezahlen muss. Und zum anderen, dass er nach seinem ersten Wiener Roméo vor etwa einem Jahr nun noch besser weiß, wie er Schmelz und Strahl seines in allen Lagen silbern glänzenden Tenors für Gounods schwelgerische Romantik einsetzt. Ein Geschenk, dieses Reifen eines Rollenporträts auf höchstem Niveau mit anhören zu können: Flórez platziert Spitzentöne mit ebenso viel Effekt und Geschmack, wie er zärtliche Phrasen auskostet, ohne dabei die rhythmische Elastizität zu verlieren, ist gleichermaßen glaubwürdig als Heißsporn und dann natürlich erfüllt von jener alles Maß übersteigenden Liebe, der Jürgen Flimms Inszenierung zuletzt die Anmutung von Unsterblichkeit gewährt.

 

Garifullina: Schlanker, kühler Sopran

So wie Daniela Fally in der „Sonnambula“ darf sich auch hier ein junges Ensemblemitglied von der Zusammenarbeit mit Flórez inspirieren lassen – und reüssiert: Aida Garifullina heißt die neue Wiener Juliette, die ihrem Roméo zuletzt in die Arme fällt, nach Bühnentod und symbolischer Auferstehung unter Sternen. Ihr leichtgängiger Sopran ist so schlank wie ihre Erscheinung, wirkt beinah schwerelos und wie von Elfenbein, zeigt also dort und da auch eine gewisse Härte unter dem kühlen Schimmer. Wenn sie Triller noch brillanter auszuführen lernt und manche Fortehöhen auf Samt bettet, wird sie den Eindruck emotional noch vertiefen können, den sie mit Flórez rein äußerlich schon jetzt hinterlässt: Dass da ein Paar turtelt und kost, schluchzt und leidet, das auch den Casting-Ansprüchen von Hollywood genügen würde, sorgt bei einem Teil des Publikums an sich schon für Hochstimmung.

Plácido Domingo heißt der dritte Star im Bunde – auch wenn er als Dirigent genau genommen nie ein solcher gewesen ist. Im Spätherbst seiner singulären Sängerkarriere, an deren Bariton-Appendix er unermüdlich weiterarbeitet, ist Domingo am Pult vor allem eines: ein erfahrener, umsichtiger, würdevoller Musikliebhaber. Das weiß, das fühlt das Staatsopernorchester und lohnt es ihm mit süffig erblühendem Ton – nicht nur in den sonoren Cello-Quartetten, die Gounod immer wieder anstimmt. Dass im Festtrubel des ersten Akts die Schleppen der Tänzerinnen und das Schleppen des Chors eins zu werden schienen, dass in den rezitativischen Abschnitten manche Akkorde leicht windschief gerieten und überhaupt einige orchestrale Unsicherheiten zutage traten, tat insgesamt weit weniger zur Sache, als man glauben würde – und wird sich in den Folgevorstellungen wohl noch ausbügeln.

Der Rest der Besetzung nützte nicht jede Chance, sich neben den Protagonisten zu profilieren: Rachel Frenkel kurvte als halbstarker Stéphano auf dem Fahrrad herum und sang dessen Liedchen mit hübschem Mezzosopran; Igor Onishchenko war ein fescher, aber chancenloser Paris, Rosie Aldridge stellte sich als humorvolle Gertrude vor. Doch die Mab-Erzählung von Gabriel Bermúdez (Mercutio) blieb ohne Charme, und Dan Paul Dumitrescu gab den Frère Laurent mit recht gemütlich-reduzierten Mitteln. Dem Jubel tat es keinen Abbruch.

„Roméo et Juliette“: Noch am 25., 28. 1. und 1. 2. (mit Livestream); Künstlergespräch Juan Diego Flórez mit Dominique Meyer: 30. 1., Studiobühne Walfischgasse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2017)