Digitale Bildung: „Jüngere Lehrer sind nicht automatisch besser“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Gratis-Tablets dürfen keine schlichte Pauschalverteilungsaktion werden, warnt Experte Gerhard Brandhofer. Programmieren könne man schon in die Volksschule integrieren.

Die Presse: Sie haben 7000 Lehrer zum Thema digitale Bildung befragt. Was war das interessanteste Ergebnis?

Gerhard Brandhofer: Dass die Anwendungskompetenzen und die technischen Kompetenzen bei den Lehrern nicht so schlecht sind, wie oft gemeint wird. Das Problem ist erst der Einsatz im Unterricht, der didaktische Transfer. Da genügt eben nicht nur die Anwendung von Programmen wie Excel.

 

Die Lehrer könnten also vermitteln, wie man den Computer beherrscht – das ist aber zu wenig?

Die „Gewöhnung an die Maschine“ wird fast ein bisschen zu viel geschult in Relation zu algorithmischem Denken, Medienpädagogik, Technikethik. Man soll eben nicht nur Word auswendig können.

 

Sind die jüngeren Lehrer besser?

Das Schlagwort von den „digital natives“ stimmt nicht pauschal. Laut unserer Studie sind die Jüngeren nicht automatisch besser. Die Hoffnung, dass, wenn man lange genug wartet, die jungen Lehrer kommen und damit alles von selber gut wird, wird sich nicht erfüllen. Dazusagen muss man außerdem, dass sich ja auch die Technik immer weiterentwickelt.

 

Wie gut wird digitaler Unterricht in Österreich derzeit in den Klassenzimmern umgesetzt?

Es gibt Vergleichsstudien mit anderen Ländern, auch Deutschland und der Schweiz, bei denen wir durchaus im Schnitt sind. Die Streuung ist aber größer. Es gibt wirklich Vorzeigeschulen und tolle Projekte, aber an anderen Schulen passiert wenig bis gar nichts.

Woran fehlt es in Österreich?

An Verbindlichkeit und Breitenwirkung. Und natürlich geht es auch um ganz Praktisches wie die Frage nach einem leistungsstarken WLAN. Es gibt aber positive Ansätze: Dass etwa künftig eine erfahrene Schule Mentor sein soll für andere, ist erfolgversprechend. Das ist glaubwürdiger, als wenn es von oben angeordnet wird.

 

Ab wann sollen digitale Kompetenzen denn im Unterricht behandelt werden?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Es gibt Erfahrungen von Lehrern aus anderen Ländern, die etwa Programmieren ab der ersten Schulstufe einsetzen. Das ist immer eine Frage von Maß und Ziel. Es gibt sehr kindergerechte Programmiersprachen, anhand derer man logisches Denken und Problemlösen sehr gut lernen kann. Da wird auch der kreative Bereich stark betont, man kann über Musik oder bildnerisches Gestalten ganz selbstverständlich etwas über Programmieren lernen. Ich fände das – sinnvoll integriert in den Gesamtunterricht einer Volksschule – sehr gut.

 

Sollen Kinder nicht zuerst lesen, schreiben und rechnen lernen?

Das schließt sich ja nicht aus. Ich kann das auch mit digitalen Medien lernen. Das würde ich aber nicht exklusiv auf digitalen Medien machen, man sollte schon verschiedene Methoden im Unterricht verwenden.

Ab Herbst sollen Lehrer in ihren ersten drei Berufsjahren einen Lehrgang zum Thema Digitales absolvieren müssen. Reicht das?

Als schnelle Reparaturmaßnahme funktioniert es. Langfristig gesehen muss das Thema aber viel massiver in die Lehrerausbildung integriert werden. Inwiefern das jetzt Teil der Ausbildung ist, ist von Hochschule zu Hochschule sehr verschieden. Und was man nicht vergessen darf ist die Weiterbildung jener Lehrer, die jetzt schon im Dienst stehen.

 

Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) will für jeden Schüler mit zehn Jahren ein Tablet, mit 14 einen Laptop. Eine gute Idee?

Ich fände es sehr positiv, wenn es wirklich umgesetzt wird. Wichtig wäre aber, dass das keine Pauschalverteilungsaktion wird, wo die Maßnahmen rundherum fehlen. Es gibt einige Beispiele im Ausland, wo das schiefgegangen ist. Es muss an den Schulen technische Unterstützung genauso wie didaktische geben. Außerdem sollte man die Entscheidung, welches Gerät man wählt, den Schulen überlassen.

 

Auch auf die Gefahr hin, dass die Schulen dann ganz unterschiedlich ausgerüstet sind?

Ja. Wenn die Entscheidung vor Ort passiert, identifizieren sich die Lehrer ganz anders damit. Wenn das von oben kommt, sehe ich die Gefahr, dass manche Schulen die Geräte ablehnen.

 

Soll das Gerät lieber den Schulen gehören oder den Schülern?

Wenn das Gerät in der Schule bleibt, hat das den Vorteil, dass das Gerät am Nachmittag geladen wird und am nächsten Vormittag zur Verfügung steht. Aber den Nachteil, dass Hausübungen mit den Geräten nicht gemacht werden können. Wenn man den Kindern die Geräte nach Hause mitgibt, kann es natürlich sein, dass es Installationen darauf gibt, die man eigentlich nicht haben möchte.

 

Kann man verhindern, dass ein geschickter Schüler pornografische Inhalte auf sein Gerät lädt und in die Klasse mitbringt?

Mit technischen Einschränkungen, ja. Aber man braucht das technische Know-how.

 

Braucht es zusätzliches Personal an jedem Schulstandort?

Es braucht zumindest ein Netzwerk an Betreuern, die für ein Schulcluster zuständig sind.

 

Was halten Sie insgesamt von der digitalen Strategie, die das Bildungsressort vorgestellt hat?

So, wie sie präsentiert wurde, ist sie auf jeden Fall begrüßenswert, damit stehen die Chancen auf mehr Verbindlichkeit sehr hoch.

ZUR PERSON

Gerhard Brandhofer(45) lehrt und forscht mit Schwerpunkt digitale Medien und informatische Bildung an der PH Niederösterreich. Zuvor war er lange Zeit Hauptschullehrer an einer Schwerpunktschule zum Thema Digitale Medien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2017)