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Lesefest: "Männer sehen die Socken einfach nicht"

Margaret Atwood
(c) APA/Erhard Hois (Erhard Hois)
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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood war zwei Tage lang zu Gast bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein, und so ergab sich ein fantastisches Lesefest im winterlichen Waldviertel.

Ich habe von Gott geträumt“, sagte Margaret Atwood am Sonntag in Heidenreichstein auf die Frage, ob sie traurig darüber sei, wieder nicht den Nobelpreis für Literatur gewonnen zu haben. „Gott hat mich gefragt, ob ich lieber den Nobelpreis gewinnen oder noch einen Roman schreiben wolle. Ich habe mich für den Roman entschieden. Er hat gesagt: ,Abgemacht!‘“ An diesem Wochenende ist die in jedem Fall preiswürdige angelsächsische Autorin, die bereits mehr als 50Bücher veröffentlicht hat, für zwei Tage ins mit Schnee angezuckerte Waldviertel gekommen, zum Lesefest „Literatur im Nebel“. Es ist so nasskalt, dass man sich einigeln möchte, also Flucht in den aufgeheizten Festsaal: lesen, reden, hören. So voller Esprit ist es heute im frostigen Stockholm wohl kaum.

Atwoods Werk wird gefeiert. Schauspieler wie Corinna Harfouch, Markus Hering und Birgit Minichmayr tragen in der ausverkauften Margithalle Texte der Kanadierin vor, aber auch Autoren wie Thomas Stangl oder Verena Roßbacher und sogar Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann tasten sich durch dichte Satzgefüge. Beim Vorlesen stellte sich oft folgender Effekt ein: Die Worte sind draußen, schwingen noch, aber so raffiniert und schnell ist diese Autorin, dass Vortragende und Zuhörer eine Schrecksekunde brauchen, bis sie das Hintersinnige begreifen.

 

„Sie wissen, ich bin Schriftstellerin“

Listenreich sei Atwood, wie Margit Schreiner in einem von Sympathie und Bewunderung getragenen Essay anmerkt. In diesen Romanen spielen so oft unterdrückte Mägde eine Rolle, dass man die Autorin für eine erbitterte Feministin halten könnte, sie beschreibt eine derart negative Zukunft, dass man sie für eine rachsüchtige Prophetin halten könnte, aber so leicht lässt sich Atwood nicht festlegen: „Sie wissen, ich bin Schriftstellerin“, ist eine ihrer entwaffnenden Antworten, wenn sie im Gespräch auf der Bühne zur Retterin der Umwelt, der globalen Zukunft und der Frau an sich stilisiert wird.

Dann sagt Atwood bei zu abgehobenen Fragen: „Sie wissen, ich bin eine kanadische Frau.“ Und sie schreibe Fiktion. „Im Verfassen von Selbsthilfebüchern bin ich nicht sehr gut.“ Aber wenigstens hat sie Verständnis für Männer. In einer Diskussion mit der Autorin Fay Weldon habe diese kritisiert, dass Männer immer ihre Socken liegen lassen. „Ich habe eingewandt, das sei ein Relikt aus der Zeit der Jäger und Sammler. Männer sehen die Socken einfach nicht, weil sich diese nicht bewegen. Die Frauen sollen sich also vorstellen, sie pflücken Pilze, wenn sie die Socken aufheben.“

Atwood antwortete langmütig, aber immer so pointiert, dass sie alle Lacher auf ihrer Seite hat und signiert schließlich eine Dreiviertelstunde lang geduldig Bücher. Hunderte. Erst nach fünf Stunden verlegt sich die Debatte ins Burgstüberl. Am Sonntag wiederholt sich bei vollem Haus das Dichterfest, das von Exminister Rudolf Scholten, dem Dichter Robert Schindel, der Dramaturgin Bettina Hering und Bürgermeister Johann Pichler organisiert wurde. Fadesse kommt niemals auf. Es herrscht Konzentration.

Wie schreibt diese Schriftstellerin, die schon mit sieben Jahren Bücher angefertigt hat, für die mit 16 die Literatur zum Lebensziel wurde? Rennt sie wie Dostojewski durch die Stadt und entwickelt im lauten Selbstgespräch Szenen und Charaktere? Hört sie Stimmen wie Rilke? Oder setzt sie sich jeden Tag von sechs bis neun an den Schreibtisch wie Trollope? „Erst kommt die Idee, dann die Umsetzung. Bei einem Gedicht kann das sehr rasch gehen, bei einem Roman braucht es oft Jahre.“

 

„Ich schmeiße sogar ganze Romane weg“

Sie sei eine Sammlerin, lese auch viele Zeitungen, sagt sie zur „Presse“. „Es gibt für mich verschiedene Arten des Schreibens, aber ich schaue mir die Dinge vor allem genau an. Wenn eine Waffe im Text vorkommt, möchte ich wissen, welcher Typ von Waffe das ist. Ich recherchiere, aber zuvor kommt das Schreiben, dann erst die Nachforschung.“ Bei „Alias Grace“ habe sie sogar geprüft, welche Kleidung damals Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Gefängnis in Kanada getragen wurde. „Man muss präzise sein.“ Wenn etwas nicht gelingt, wenn der Plot nicht passt, wird es weggeworfen. „Ich schmeiße viel weg, sogar ganze Romane.“

Und wie wird sie fertig? Atwood versucht, ihre Verschmitztheit zu verstecken: „Nun, der Beginn und das Ende müssen gut sein.“ Pause. „Und dann gibt es auch noch die Sachen dazwischen.“ Ihr Lieblingsanfang? „Der von Herman Melvilles ,Moby Dick‘. Es sind nur drei Wörter: ,Call me Ishmael‘! Ist er Ishmael, oder will er nur so genannt werden? In diesem Satz steckt bereits so viel drin. Und der beste Schluss ist für mich der von Scott F. Fitzgeralds ,The Great Gatsby‘“.

 

„Ich will keine Kassandra sein“

Ihr eben erschienenes Buch, „Das Jahr der Flut“, spielt so wie der damit verwobene Roman „Oryx und Crake“ in einer katastrophalen, vielleicht sehr nahen Zukunft. Dem Stoff fehle noch ein dritter Teil, verrät die Autorin, über radikale Ökokämpfer. Diese Trilogie handle von einer Zeit des Flaschenhalses. Die Welt gehe durch eine Krise, die nur wenige überleben. „Das Artensterben hat voll eingesetzt. Das ist für einen Schriftsteller faszinierend zu beobachten, aber man sollte diese Entwicklung doch vermeiden.“ Eine „Queen of Apocalypse“ will Atwood auf keinen Fall genannt werden. „Die Apokalypse der Bibel ist eine Offenbarung. Und bei Insekten gibt es nur eine Königin, die wird von den potenziellen Nachfolgerinnen getötet. Ich will keine Kassandra oder Prophetin sein. Ich möchte zur Republik der Schreibenden und Lesenden gehören.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2009)