Australien: Jede Krise hat ihre Gewinner

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Kangaroo(c) EPA (Simone Neumann)
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Als erste der 20 wichtigsten Industrienationen setzt Australien ein eindeutiges Zeichen: Bei uns geht es wieder aufwärts. Es sieht also so aus, als hätte Australien eine Sonderstellung inne.

WIEN. Der fünfte Kontinent steht selten oben in den Wirtschaftsnachrichten – Australien glänzt eher als Ziel für Fernreisen denn als wichtiger Spieler auf der ökonomischen Weltbühne. Trotzdem war vor wenigen Tagen das Echo auf eine kurze Nachricht aus Sydney weltweit zu hören: Die Notenbank RBA hat den Leitzins, also den wichtigsten Zinssatz einer Volkswirtschaft, von drei auf 3,25 Prozent erhöht – und zugleich weitere Anhebungen angedeutet.

Ein Schritt mit großer Symbolwirkung. Als erste der 20 wichtigsten Industrienationen setzt Australien ein eindeutiges Zeichen: Bei uns geht es wieder aufwärts. Und das, während alle anderen wichtigen Notenbanken ihre Leitzinsen auf historischen Tiefstständen belassen, um der Wirtschaft mit billigem Geld wieder auf die Beine zu helfen. So bleibt der zentrale Zins in den USA weiterhin praktisch bei null und im Euroraum bei einem Prozent.

Es sieht also so aus, als hätte Australien eine Sonderstellung unter den entwickelten Industriestaaten inne. Aber was ist hier anders als in den USA oder im Euroraum – von den zahllosen Sandstränden einmal abgesehen?

Ökonomie und Rohstoffe

Es ist zum einen die Volkswirtschaft selbst. Im September gab es wieder mehr Jobs, die Arbeitslosenrate ist auf 5,7Prozent gesunken. Während andere Volkswirtschaften schrumpfen, legte das australische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr 2009 um einen Prozentpunkt zu. Für 2010 prognostiziert der Internationale Währungsfonds den USA ein Plus von 1,5Prozent, Deutschland 0,3 – undAustralien zwei Prozent.

Dahinter steht eine Ökonomie, die vor der Krise eine 17 Jahre währende Wachstumsphase erlebt hat und dank hoher Haushaltsüberschüsse für eine Flaute besser gewappnet ist als andere. Die Banken sind solide kapitalisiert. Weil sie sich kaum am US-Handel mit Risikopapieren beteiligt haben, waren hier die Ausfälle überschaubar.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Nach wie vor fehlen Fachkräfte, die Leistungsbilanz ist chronisch defizitär, die Auslandsverschuldung des privaten Sektors hoch, und die Landwirte müssen schon heute mit den ersten drastischen Folgen des Klimawandels zurechtkommen. Außerdem ist der Anteil von Industrieprodukten am Export relativ gering. Über drei Viertel der Ausfuhren machen Agrarerzeugnisse und Bodenschätze aus: Steinkohle, Eisenerz, Gold, Aluminium.

Genau darin liegt die zweite Ursache für die Sonderstellung des Landes. „Ohne seinen Rohstoffreichtum würde Australien wohl anders dastehen, als es das jetzt tut“, sagt Thomas Herrmann, Leiter der Forschungsstelle Global Economic Research bei Credit Suisse. Auf dem Weltmarkt treffen australische Ausfuhren nämlich auf den Rohstoffhunger Asiens. Wichtigste Exportpartner des Landes sind Japan, China, Südkorea und Indien. China ist bereits heute der größte Rohstoffkonsument der Welt, und die Nachfrage aus dem Reich der Mitte steigt weiter.

So gehen etwa 80Prozent der australischen Eisenerze nach China. Auch die wirtschaftlichen Verflechtungen werden ständig enger. Die Investitionen Chinas in Australiens Rohstoffsektor belaufen sich heuer auf knapp 50 Mrd. Dollar. Das entspricht etwa der Summe, die Peking 2008 weltweit investiert hat.

„Kein kuscheliges Vakuum“

Gleichzeitig zeigt das Beispiel deutlicher denn je, dass China dabei ist, neben den USA die Rolle einer zweiten Lokomotive der Weltwirtschaft zu übernehmen – und mit seiner Nachfrage den ganzen Wirtschaftsraum Australiens an der Rezession vorbeizieht. Auch China konnte der Krise besser begegnen als westliche Industrieländer.

Vor dem globalen Einbruch verfügte Peking über Devisenreserven von knapp zwei Billionen Dollar, die Staatsverschuldung war sehr viel geringer als in den USA. Das ermöglichte Peking, Staatshilfen von umgerechnet 450 Mrd. Euro zu gewähren – mit elf Prozent des chinesischen BIP das größte Konjunkturpaket der Welt.

„Die Chinesen haben sehr schnell auf die Krise reagiert – auch, weil sie so schnell reagieren konnten“, sagt Thomas Herrmann. Ihre Wirtschaftshilfen investieren sie jetzt nicht etwa in die Rettung heimischer Banken und Autohersteller, sondern in die Infrastruktur. Auch dieser Aufschwung hat seine dunklen Seiten: unwürdige Arbeitsverhältnisse, wachsende soziale Spannungen und die Struktur einer Diktatur, die gerade in Krisenzeiten viel schneller und rücksichtsloser agieren kann als eine Demokratie.

In Australien wird bei allem Optimismus noch etwas ganz anderes kritisiert. Natürlich profitiere man enorm von China, schreibt etwa der „Business Spectator“. „Aber Australien und China leben nicht in einem kuscheligen Vakuum.“ Nach wie vor sei auch der Einfluss der USA enorm, die allerdings weiterhin mit massiven Turbulenzen zu kämpfen hätten. Und es sei fatal, so zu tun, als bliebe die US-Konjunktur für Australien in den kommenden Monaten ohne Folgen.

AUF EINEN BLICK

Australien hat als erstes und bisher einziges der zwanzig wichtigsten Industrieländer den Leitzins auf 3,25Prozent erhöht. Das Land geht damit von einem einsetzenden Aufschwung aus, während Europa und USA noch weit davon entfernt sind. Hinter der Sonderstellung Australiens steht der Rohstoffhunger Asiens – und deutlicher denn je wird damit die neue Rolle Chinas als eine zweite Lokomotive der Weltwirtschaft sichtbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2009)

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