Showdown der Henker im Pub

Brillant: Rainer Galke (l.) als abgründiger Desperado Mooney mit Helfer Syd (Sebastian Klein).
Brillant: Rainer Galke (l.) als abgründiger Desperado Mooney mit Helfer Syd (Sebastian Klein).(c) Alexi Pelekanos

Martin McDonagh beschießt die britische Provinz, was im Trend liegt. Sein viel gelobter Reißer „Hangmen“ begeistert auch in Wien – mit blendendem Spiel.

Innerlich bist du launisch und äußerlich motzig. Kein Junge will diese Kombination. Also, überleg dir was anderes“, sagt Alice zu ihrer Tochter Shirley. Der Ton in „Hangmen (Die Henker)“ vom irisch-englischen Autor Martin McDonagh, seit Mittwochabend im Volx/Margareten zu sehen, ist rau, selbst gegen zart besaitete Teenager.

Der 46-jährige McDonagh ist in Wien kein Unbekannter. Im Akademietheater inszenierte der mittlerweile verstorbene Regisseur Dimiter Gotscheff 2002 die rabenschwarze Komödie „Der Leutnant von Inishmore“ (u. a. mit Birgit Minichmayr) über einen jungen irischen Terroristen, 2003 folgte am selben Ort McDonaghs „Kissenmann“ („The Pillowman“) über einen Autor, der sich bevorzugt mit sadistischen Kindermorden beschäftigt.

 

Die Enklave als Hort der Reaktion

„Hangmen“ ist eine ähnliche Knallkiste. Wer dergleichen schätzt, kann hier wahrlich was erleben und sich sogar amüsieren. Bei der Premiere lachte das Publikum, in dem wohl viele Angehörige von Schauspielern saßen, an den krassesten Stellen. Es ist schwer zu sagen, ob hier ein Anzeichen für allgemeine Verrohung vorliegt, denn schon beim „Leutnant von Inishmore“ merkte eine Rezensentin befremdet das fröhliche Gelächter über die grausamsten Pointen an . . .

Sicher ist, dass „Hangmen“, wiewohl das Stück in den 1960er-Jahren spielt, eine Breitseite gegen das heutige Brexit-Britannien abfeuert. In den malerischen Städtchen unseres geliebten old England, wo Inspector Barnaby (John Nettles) das Böse aufspürt, gibt es auch einen kompromisslosen Konservativismus voller Dünkel, Vorurteile und Wut gegen alles, was nicht einer dumpf empfundenen Norm entspricht. Die von Peter Handke viel beschworene Enklave kann eben auch ein Hort der finstersten Reaktion sein, in Europa, aber vermutlich überall.

„Hangmen“ handelt von zwei Henkern zu der Zeit, als in England die Todesstrafe abgeschafft wurde. Beide betreiben im Ruhestand Pubs und lassen sich bei Strömen von Guinness von ihren Fans bewundern. Doch die Vergangenheit ruht nicht. War Hennessy, den Scharfrichter Harry ins Jenseits beförderte, ein Mädchenmörder oder nicht? In Harry's Pub taucht ein undurchsichtiger Kerl auf, der ein Zimmer mieten will und der einsamen, wegen ihrer pubertären Anfälle verspotteten Shirley verspricht, sie zu ihrer Freundin ins Irrenhaus zu bringen. Shirley kehrt nicht wieder. Lukas Holzhausen hat „Hangmen“, bereits in London viel gelobt, inszeniert und spielt den selbstgerechten Henker Harry Wade, den am Schluss des Abends sein grandseigneuraler Rivale Pierrepoint (fulminant: Michael Abendroth) in die Ecke treibt. Rainer Galke ist phänomenal als prächtiges Schlitzohr Mooney, wie ein Blitz fährt der Desperado in die bieder alltagsfaschistische Stammtischrunde, bedient von Harrys dem Gin zusprechender Gattin (Steffi Krautz) und manchmal auch von der unwirschen Shirley im Kilt (Alina Schaller) – die von einem Prinzen träumt, egal, wie er aussieht und wie alt er ist . . .

Im Wirtshaus braucht's kein Social Network, um die Sau rauszulassen, kein Feind hört mit, man ist sich einig, man übt auch Selbst- und Lynchjustiz. Eine beklemmende Aufführung – der man allerdings ihre etwas schematische Typologie vorwerfen kann.