Durch unterschiedliche Befunde gerät das Standardmodell der Kosmologie ins Wanken.
Dass am Himmel alles auseinanderstrebt, fiel dem Astronomen Hubble Ende der 1920er-Jahre auf: Er bemerkte, dass sich Galaxien von der Milchstraße entfernen, man benannte den Effekt nach ihm: Hubble-Konstante. Das ist insofern irreführend, als die Konstante keine ist: Seit seiner Geburt drifted das Universum immer rascher auseinander – man erklärt es mit der mysteriösen „dunklen Energie“ –, deshalb verwendet man statt „Konstante“ häufig „Hubble-Parameter“.
Aber „Konstante“ hat sich gehalten, sie gibt an, wie hoch die Geschwindigkeit des Auseinanderdriftens derzeit ist. Das ist schwer zu messen, man braucht sehr helle Himmelskörper und muss irgendwie ihre Entfernung und Fluchtgeschwindigkeit abschätzen. Dabei setzt man etwa auf „Standardkerzen“, Supernovas vom Typ 1a. Sie hat man schon lange im Auge, zuletzt in dem nach Hubble benannten Weltraumteleskop: Seine Beobachtungen ließen auf eine Konstante von 74,2 Kilometern pro Sekunde pro Megaparsec schließen (ein Megaparsec sind 3,26 Millionen Lichtjahre: Zwei Punkte, die einen Megaparsec voneinander entfernt sind, rasen mit 73,2 Kilometer auseinander).
Große Differenz der Messungen
Andere Messungen, die sich auch an Himmelslichtern orientieren, kamen zu ähnlichen Werten. Aber eine weicht weit ab, sie erfasst mit dem Planck-Weltraumteleskop die kosmische Hintergrundstrahlung – das „Nachglühen des Urknalls“ – und findet eine Konstante von 67,7. Dem widerspricht wieder der jüngste Befund, er stammt von einer Gruppe um Sherry Suyu (MPI Astrophysik), die die Gravitationslinsenwirkung von Galaxien nutzt, um Entfernung/Fluchtgeschwindigkeit entlegener Himmelskörper zu erheben: 71,9 (erscheint in Monthly Notices of the Royal Astronomical Society).
Die Differenz zwischen den Planck-Daten und den anderen ist groß, es kann an Messfehlern liegen. Aber wenn alle Messungen korrekt sind, kommt das Fundament des Ganzen ins Wanken, das Standardmodell der Kosmologie. Suyu fasst es so: „An der Hubble-Konstante hängt, ob unser Bild des Universums – zusammengesetzt aus dunkler Energie, dunkler Materie und normaler Materie – richtig ist, oder ob wir etwas Grundlegendes übersehen haben.“ (jl)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2017)