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Die große Ratlosigkeit im Umgang mit der Zukunft

Wir erweisen uns zunehmend als unfähig, auf den mit elementarer Wucht auftretenden gesellschaftlichen Wandel zu reagieren.

Alle großen Umbrüche in den vergangenen Jahrtausenden hatten ihren Ursprung in Denkprozessen und fanden zunächst in den Köpfen von Menschen statt.

Prominente Vordenker und Ideenbringer im Guten oder Bösen waren unter anderen als Staatstheoretiker des klassischen Altertums: Plato, Sokrates, Aristoteles; als Religionsgründer: Jesus, Buddha, Mohammed; als Aufklärer: Francis Bacon, Montesquieu, Rousseau, Kant; als Vorkämpfer der Menschenrechte: Lafayette; als Sozialreformer: Marx, Engels; als Wegbereiter des Faschismus: Hitler, als geistige Drahtzieher der 68er-Bewegung: Adorno, Horkheimer.

Wo sind die Vorausdenker heute? Sie sind unsichtbar und anonym geworden. Dennoch steckt in der Gegenwart explosive Intellektualität. Es sind allerdings nicht mehr die Philosophen, die die Richtung bestimmen. Diese Zunft hat angesichts von Problemen wie Klimaveränderung, Massenmigration, Digitalisierung oder Überalterung der Europäer ihre gestaltende Kraft verloren.

Was in der Moderne den Gang der Dinge bestimmt, sind nicht mehr vorausgedachte gesellschaftliche Konzepte, sondern simple Reflexe auf neue Technologien und Forschungsleistungen, die dann eine Eigendynamik entfalten.

 

Ist Gesellschaft noch steuerbar?

Die Entwicklungsschübe entstehen neuerdings orkanhaft, ohne Vorwarnung und sind meistens das Ergebnis von Teamarbeit und Big Data. Am Beginn neuer zivilisatorischer Phasen stehen nunmehr Physiker, Informatiker, Demografen, Klimaforscher oder Evolutionsbiologen. Im Grunde ist es freilich unerheblich, welche Disziplin brauchbare Antworten für die soziale Gestaltung der Zukunft liefert. Die Frage ist, ob die Gesellschaft ideenmäßig überhaupt noch steuerbar ist, oder ob die Entwicklung nur noch „at random“ in Form von nicht planbaren Reaktionen auf die sich überschlagenden wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse erfolgt. Zu einem immer größeren Problem wird unsere Reaktionsunfähigkeit auf den mit elementarer Wucht auftretenden Wandel. Vor diesem Hintergrund hat der renommierte Gesellschaftsforscher Meinhard Miegel im Herbst einen illustren Kreis von Experten in sein Berliner Denkwerk Zukunft geladen, um darüber zu grübeln, „warum wir nicht tun, was wir für richtig halten“.

Was die Hochkaräter aus deutschen und amerikanischen Universitäten besonders bewegte, war u. a. die von den meisten Experten skeptisch eingeschätzte Frage, ob das Zwei-Grad-Klimaziel erreichbar ist; und außerdem, ob der auf Massenverbrauch basierende Kapitalismus durch eine „leise Revolution“ der konsumkritischen Bevölkerung entschärft werden könnte. Man müsse groß denken, wurde argumentiert, indem man an konkreten Utopien eines nicht auf Wachstum und Konsum beruhenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems arbeite.

In diesem Zusammenhang ging es auch um die Bedeutung eines Wir-Bewusstseins für die Lösung der Zukunftsprobleme und um die Frage, welche Voraussetzungen für ein nachhaltiges Handeln gegeben sein müssen.

Am Ende der zweitägigen Diskussion resümierte Prof. Miegel etwas bedrückt, die Menschen müssten gewissermaßen gegen ihre Natur handeln, um ihre eigenen Existenzgrundlagen zu sichern. Das sei extrem schwer, gleichwohl nicht unmöglich.

Die Berliner Tagung offenbarte letztendlich trotz ihres elitären Zuschnitts und vieler kluger Überlegungen die allgemeintypische Ratlosigkeit im Umgang mit der Zukunft. Wirklich einig sind sich die sozialen Meteorologen nur darüber, dass neben dem Klimawandel vor allem die digitale Revolution epochale Folgen für die Menschheit haben wird.

 

Folgen der Automatisierung

Der deutsche Gelehrte Dirk Helbing glaubt, dass die fortschreitende Automatisierung und die immer stärker werdende Verlagerung der menschlichen Arbeit auf Roboter die heutige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung „auf den Kopf stellen wird“. In einem Interview mit dem „Kurier“ erklärte er, die halbe Volkswirtschaft müsse neu erfunden werden.

Immer mehr taucht im Gefolge der Automatisierung das Schreckgespenst der Überflüssigkeit von Millionen arbeitsfreudiger Menschen und das Problem ihrer Versorgung auf. Als Ausweg aus dem Dilemma wird von bedingungslosem Grundeinkommen oder Maschinensteuer geredet.

Beides erscheint unverträglich mit marktwirtschaftlichem Denken und wird daher von denen tunlichst gemieden, die Innovation und Digitalisierung kompromisslos als Heilsbotschaft für die Sicherung des Wohlstands verkünden. Man kann es aber drehen wie man will – Digitalisierung und Automatisierung haben nicht nur Vorzüge, sondern bergen auch immense Gefahren.

 

Keine brauchbaren Rezepte

Diese Gefahren zu verschweigen, wie es in der politischen Praxis geschieht, ist sträflich. Zur Kenntnis nehmen muss man indes, dass bisher kein brauchbares Rezept für den Umbau des Wirtschaftssystems als Antwort auf die Digitalisierungsfolgen existiert.

Was die Gegenwart ganz allgemein kennzeichnet, ist ein Höchstmaß an Instabilität. Trotz Globalisierung und fantastischer Möglichkeiten der Internet-Kommunikation strebt die Menschheit immer mehr auseinander als zusammen.

Zu beobachten ist eine Entsolidarisierung der westlichen Welt, ein immer deutlicher werdendes Scheitern der Integration, das Entstehen von Parallelgesellschaften mit Mehrfachidentitäten, die einseitige Säkularisierung des Westens mit der Konsequenz leerer Kirchenbänke und überquellender Moscheen, dazu die Tendenz zur Vereinzelung und Vereinsamung als Folge von Geburtenarmut und Überalterung, schrumpfenden Familien sowie lähmenden Ohnmachtsgefühlen, die sich auf das Engagement des Einzelnen für die Gesellschaft auswirken.

Die Politik versucht, der Tristesse mit Beschwörungsformeln (Obama: „Zieht euch nicht in abgeschlossene Welten zurück“), oder Ankündigungen (Christian Kerns Plan A) gegenzusteuern. Aufrufe zum Optimismus oder das feuerwerksartige Entzünden von Absichtserklärungen wie in Wels reichen jedoch nicht aus, um der Bevölkerung die vermisste Zuversicht zu geben und sie zu Verhaltensänderungen zu bewegen.

 

Verkannte Realitäten

Fast komisch wirkte der theatralische Appell des Bundeskanzlers zu Start-ups und unternehmerischem Denken in einer vergreisenden Gesellschaft, die innerlich auf das Festhalten des Erreichten, nicht aber auf Veränderungen ausgerichtet ist. Zur Illustration: Sogar 62 Prozent der unter 30-jährigen Österreicher betrachten laut einer Imas-Umfrage als Lebensziel in erster Linie die soziale Sicherheit und den sicheren Arbeitsplatz, nur 24 Prozent der jungen Generation sehnen sich nach beruflicher Selbstständigkeit.

Die Politik verkennt wortreich die Realitäten. Die Zukunft ist dabei, ihr immer mehr zu entgleiten.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Andreas Kirschhofer-Bozenhardt war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2017)