Ukraine: Für Gott und eine wunderbare Zukunft

Yulia Tymoshenko
Yulia Tymoshenko(c) EPA (OLIVIER HOSLET)
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Die ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko zieht zum Auftakt des Präsidentenwahlkampfs alle Register.

MOSKAU. Wo die menschlichen Ressourcen weitgehend ausgeschöpft sind, kann eine demonstrative Reverenz vor dem Göttlichen und seinen irdischen Vertretern nicht schaden. Vergangene Woche startete die ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko eine Tour zu den heiligen Zentren des Christentums: Sie traf Papst Benedikt XVI. in Rom und besuchte gleich anschließend Jerusalem, um „vor solch schwierigen Prüfungen wie dem Präsidentenwahlkampf“ Kraft zu tanken. Sie wolle „beichten, die Kommunion erhalten und voranschreiten im Glauben, dass Gott für die Ukraine doch eine wunderbare Zukunft vorbereitet hat“.

Timoschenko zieht alle Register. Drei Monate bleiben ihr seit dem gestrigen Wahlkampfauftakt nur noch bis zur Präsidentenwahl. Gewiss, auch fünf Jahre nach der Orangen Revolution ist die 48-jährige Revolutionsikone einer der beiden Favoriten auf das höchste Amt. Zumindest im ersten Wahlgang aber wird sie sich am 17. Jänner dem Expremier und Gegner der Orangen Revolution Viktor Janukowitsch geschlagen geben müssen. Er ist mit seiner stimmenstärksten und im russischsprachigen Osten des Landes dominanten „Partei der Regionen“ zwar derzeit in Opposition, kann laut Umfragen aber mit gut 30 Prozent der Stimmen rechnen. Timoschenko mit knapp 20 Prozent.

Entideologisierter Machtkampf

Was in Erinnerung an die Orange Revolution wie ein Kampf zwischen einem an Russland orientierten Vertreter eines halbautoritären Systems und einer europaorientierten Demokratin aussieht, ist in Wahrheit ein weitgehend entideologisierter Machtkampf in einem Land, das seit fünf Jahren wegen unklarer Mehrheitsverhältnisse und uneindeutiger Machtkompetenzen zwischen Premier und Präsident handlungsunfähig ist.

Die Hauptkonfliktlinie verläuft schon lange nicht mehr zwischen einstigen Revolutionsgegnern und -befürwortern, sondern zwischen Timoschenko und ihrem einstigen Mitstreiter, Präsident Viktor Juschtschenko. Letzterer hat sich durch notorische Zögerlichkeit ins politische Out manövriert und kann bei der Wahl im Jänner nur noch mit vier Prozent rechnen. Timoschenkos Rating ist durch die Wirtschaftskrise, die der Ukraine heuer eine Rezession von 14 Prozent beschert, seit 2008 um zehn Prozent abgefallen.

Die Überwindung der Wirtschaftskrise wird daher als Thema den Wahlkampf bestimmen, ebenso wie die 20 Prozent unentschlossener Wähler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2009)

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