Wie wirkt Weltraumstress sich aufs Genom aus?

Scott (l.) und Mark Kelly.
Scott (l.) und Mark Kelly.(c) imago/ZUMA Press
  • Drucken

Die Nasa hat in ihren Reihen ein Zwillingspaar, von dem der eine Bruder fast ein Jahr auf der Weltraumstation ISS war. Seine Gene und die seines Bruders unten auf der Erde werden nun verglichen.

Selbst eineiige Zwillinge sind nicht gleich. Zwar haben sie identische Gene, aber bei denen spielt das Leben schon auch mit, über epigenetische Mechanismen, durch die die Umwelt bestimmt, wie aktiv ein Gen ist. Und noch etwas trennt Zwillinge: Einer ist älter als der andere. Aber auch das kann sich ändern, Einstein hat es in der Speziellen Relativitätstheorie postuliert, er lag richtig: In großer Höhe läuft die Zeit langsamer als im tiefen Tal, und wenn Raumfahrer von weiten Missionen zurückkehren werden, werden ihre Altersgenossen auf der Erde Greise sein.

Wirklich lange Reisen durch das All gibt es noch nicht, aber Höhenunterschiede können sich schon auftun zwischen Zwillingen, etwa zwischen Mark und Scott Kelly. Sie wurden am 21. Februar 1964 in New Jersey geboren, sie gleichen einander nicht nur in der Physiognomie frappant, sie haben auch gleiche Lebensläufe eingeschlagen, waren Kampfflieger bei der US-Navy und gingen dann als Astronauten zur Nasa. Mark war insgesamt 54 Tage im All, mit Space-Shuttles, Scott brachte es auf 520 Tage, davon zuletzt 340 am Stück auf der Internationalen Weltraumstation ISS, er ist der Rekordhalter.

Blutabzapfen in der Schwerelosigkeit

Deshalb alterte er weniger als sein Bruder, soviel steht fest, es ist Physik. Alles andere ist offen, vieles soll an den Brüdern geklärt werden: Die Nasa hat die einzigartige Gelegenheit genutzt und während Scotts langem Aufenthalt auf der ISS immer wieder Proben von ihm und Mark unten auf der Erde gezogen, Spucke, Blut, Urin und Kot, Scotts Proben gingen mit Versorgungsraketen der ISS zur Erde. Zu nehmen waren manche gar nicht so einfach, Flüssigkeiten wie Blut sind unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit nicht leicht in Gefäße zu bringen.

Und vor allem um die Schwerelosigkeit ging es auch in der Studie: Der Körper streckt sich, das Gesicht schwillt an, Blut steigt aus den Beinen nach oben, auch die Orientierung wird schwer. Aber diese „space motion sickness“ gibt sich mit der Zeit. Immer ärger wird hingegen das „bed rest syndrom“, an dem auch Bettlägrige leiden: Knochen und Muskeln dünnen sich aus.

Das wusste man schon, erkunden wollte man, was molekular vor sich geht. Von der Länge der Chromsomen bis zur Darmflora – „überall sehen wir Unterschiede“, berichtete Christopher Mason, der die Studie koordiniert, bei einem Workshop der Nasa. Auch die Epigenetik ist völlig andere Wege gegangen, man weiß noch nicht, was das bedeutet. Aber man muss es wissen, wenn man bemannte Missionen zum Mars schicken will.

Zum Abschätzen des Hauptrisikos trägt die Studie allerdings nichts bei: Es gibt den Verdacht, dass die kosmische Strahlung im All das Gehirn schädigt, dement macht. Aber die ISS ist der Strahlung nicht ausgesetzt, sie ist innerhalb des abschirmenden Magnetfelds der Erde. Dort ist natürlich der Erdboden auch, auf ihm wird nichts so leicht vergessen. Das bringt noch eine Besonderheit der Studie: Alle Daten über ihre Gene gehen zunächst an die Brüder, die entscheiden, welche publik werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2017)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.