Donald Trump agiert als der Chefunternehmer einer Erregungsindustrie, die zum Komplizen des Populismus geworden ist.
Es ist leicht, sich über Donald Trump zu erregen. Dazu genügen schon ein paar Tweets, diese ungefiltert zirkulierenden Signale seiner Seele. Trump, der den Klimawandel als bloßes Hirngespinst abtut; Trump, der glaubt, dass Impfungen Autismus erzeugen; Trump, der bezweifelt, dass Barack Obama US-Amerikaner ist und sich selbst attestiert, einer der klügsten Menschen, der größte Arbeitsplatzbeschaffer und – natürlich – der beste Twitter-Literat zu sein, den Gott je geschaffen hat.
Es sind die bizarr schillernden Botschaften eines Ichlings, die die Medienwelt so verlässlich und reflexartig in Aufregung versetzen. Und wer sich ekeln will, der muss nur einmal all die 140-Zeichen-Ausbrüche über China und den Nachbarn Mexiko, die Autoindustrie, Meryl Streep, den Islamischen Staat, Putin oder Arnold Schwarzenegger lesen.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien der Welt nicht die neuesten Tweets über mögliche Strafzölle oder Sexismusvorwürfe analysieren – ganz so, als ließe sich im Akt der Interpretation all der Ad-hoc-Nachrichten doch noch so etwas wie Gewissheit gewinnen, die Klärung des präsidialen Programms durch die Deutung von Twitter-Inhalten.
Entrüstete als Spielfiguren
Was aber, wenn es dem künftigen Präsidenten gar nicht um Inhalte geht, wie die altehrwürdige „New York Times“ dieser Tage einigermaßen aufgebracht mutmaßte? Und was, wenn wir selbst – wir, die Entrüsteten und Erschreckten, wir, die Medienmacher und Medienanalytiker – zu Spielfiguren geworden wären in einem Spiel, das Donald Trump nicht erfunden hat, aber doch vortrefflich beherrscht?
Fakt ist: Donald Trump, dieses Mischwesen aus Internet-Troll und Reality-TV-Star, ist dabei, eine hypernervöse, hoch reaktionsbereite Medienwelt in sein Megafon zu verwandeln, in einen gigantischen Lautsprecher des eigenen Selbst. Dies kann ihm nur gelingen, weil er mit jedem einzelnen Tweet vorführt, dass er in einem seltsam elektrischen Wirkungsnetz aus Reiz und Reaktion, Reflex und Gegenreflex stets der Aufmerksamkeitsgewinner bleibt, der große Sieger im Beachtungsbusiness.
Der Deal, von dem Trump tatsächlich etwas versteht und der es ihm erlaubt, das Mediensystem mit seinen Tweets zu instrumentalisieren, lautet: Aggressivität gegen Publizität, Pöbelei gegen Plattform, Schmutz gegen Sendezeit.
Er ist der Chefunternehmer einer postmodernen Erregungsindustrie, in der Effekte zählen, nicht jedoch Inhalte oder gar Wahrheit. Hier kommt es nicht auf Konzepte an, nicht auf Kontexte oder Konsistenz, sondern auf die möglichst dramatische Varianz, die erregende Bricolage aus Bluff und Bosheit.
Schon vor dreißig Jahren hat der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt den Typus Trump vorausgeahnt. Sein 1986 ein erstes Mal publizierter Essay – eine Begriffsanalyse des Wortes Bullshit – wirkt heute wie eine realistische Prophezeiung. Denn Frankfurt analysiert in diesem zum Bestseller gewordenen Büchlein die um sich greifende Neigung zur haltlosen Spekulation, zum bloßen Gerede um der Wirkung willen – ohne Erdung in einem Denk- und Wissenssystem, in dem noch von richtig oder falsch die Rede sein könnte.
Wörtlich schreibt da der Philosoph aus Princeton: „Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits.“ Was würde Harry G. Frankfurt wohl heute sagen? Vermutlich würde er die globale Resonanz auf Donald Trumps Botschaften als ein Symptom begreifen, als ein Zeitzeichen.
Abzielen auf den Effekt
Denn hier zeigt sich die verborgene Komplizenschaft von Spektakelmedien und Populismus. Beide Seiten zielen mit großer Unbedingtheit auf den Effekt ab. Beide Seiten forcieren die dramatische Inszenierung, die plakative Zuspitzung. Und beide Seiten leben von dem Rausch aus Meinung und Attacke.
Längst gibt es Hitlisten, die die schlimmsten oder die merkwürdigsten Tweets zusammenstellen. Längst bieten Onlineseiten Ratespiele an, die von der Frage handeln, ob dieser oder jener Stummelsatz tatsächlich von Trump in die Welt gejagt wurde. Überall auf der Welt berichten Radiotalker, Fernsehmacher und Zeitungsjournalisten, wenn er sich an einer ehemaligen Schönheitskönigin, einem Bürgerrechtler oder einem Hollywoodstar vergreift. Auf der Netzseite trumptwitterarchive.com lassen sich die häufigsten Beleidigungen nachlesen, fein säuberlich nach Person und Thema geordnet.
Das endlose Spektakel
Das heißt: Sollte Donald Trump tatsächlich einmal kurzfristig nicht twittern, kann man sich hier rasch und kostengünstig mit Erregungsstoffen aus der Vergangenheit versorgen, um das endlose Spiel des Spektakels durch schlichtes Tweet-Recycling am Laufen zu halten.
Die Gefahr, die an einem solchen Resonanzphänomen deutlich wird, besteht darin, dass sich die digitale Öffentlichkeit allmählich spaltet. Auf der einen Seite: das stille, einsame Netz, ein Riesen-Reservoir aus Daten und Dokumenten, das kaum jemand kennt. Und auf der anderen Seite: das laute, schrille Netz aus Hits und Hypes, dominiert von emotionalisierenden, aufputschenden Narrativen, orientiert an der Frage, was in einem härter werdenden Kampf um Aufmerksamkeit funktioniert und fasziniert.
In dieser Situation gibt es für die, die sich entrüsten und ekeln, keine einfachen Rezepte der Gegenwehr. Denn auch die Entrüstung und der Ekel sind nur Katalysatoren in einem System, das von Klicks, von Quoten- und Auflagenerfolgen lebt.
Und dennoch: Es braucht in den Zeiten des Aufmerksamkeitsterrors die reflektierte Weigerung, das Stakkato der Tabubrüche weiterhin durch ein solches Übermaß an Beachtung zu belohnen. Es braucht – so hilflos oder melancholisch dies auch klingen mag – eine Art Aufmerksamkeitsaskese, die praktizierte Rezeptionsverweigerung.
Die Kunst der Ignoranz
Nur die achtsam eingesetzte, die strategisch dosierte Aufmerksamkeit, nur die positive Verschwörung der Nutzer, die sich verbünden, um aus dem Erregungsspiel auszusteigen und die ihre Stimme im konstanten Plebiszit der Klickzahl- und Quotenmessungen möglichst überlegt einsetzen, könnte ein wirksames Gegenmittel sein.
Wie ließe sich das lernen? Wie trainiert man ein Relevanzgefühl, wie die Aufmerksamkeitsaskese? Womöglich könnte die vom Trumpismus durchgeschüttelte Welt einen neuen Typ von Selbsthilfebüchern gut gebrauchen. Sie müssten von der Kunst der Ignoranz im Zeitalter der populistischen Idiotie handeln.
DER AUTOR
Bernhard Pörksen (*1969 in Freiburg im Breisgau) studierte Germanistik, Journalistik und Biologie. Er ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er sein gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun verfasstes Buch „Kommunikation als Lebenskunst“ im Carl-Auer-Verlag, Heidelberg. [ Privat]
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2017)