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MAK/ Secession.: Ölbilder wie Glaskörper

Alles streng geregelt im Secessions-Hauptraum: Svenja Deininger bringt mit 40 neuen Ölbildern wieder Schwung und materielle Verwirrung in die Angelegenheit.(C) Markus Wörgötter
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Was haben Biedermeierglas und abstrakte junge Ölmalerei von Svenja Deininger miteinander zu tun? Sie sind hypersensible formale Experimente.

Es ist reines Gedankenspiel, aber reizvoll: Zwei Ausstellungen miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick fast gegensätzlich wirken – die große Biedermeierglas-Ausstellung im MAK. Und die erste große Ausstellung einer der spannendsten abstrakten Malerinnen Österreichs, Svenja Deininger, in der Secession. Endgültig absurd wird es, wenn man ein Bindeglied findet, das nicht mehr existiert: das monumentale runde Glasfenster des Jugendstilkünstlers Kolo Moser zwischen Foyer und Hauptraum der Secession; es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, seither ist es zugemauert.

Deininger (geboren 1974 in Wien) bezieht sich in ihrer malerischen Intervention – sie hat die 40 Öl-auf-Leinwand-Bilder speziell für den großen Saal gemalt – u. a. auf das Fehlen dieser runden Form im heute so streng, kühl, vom geometrischen Raster der Glasdecke bestimmten Secessions-Innenraum. Verspricht dieser doch von außen – goldene Kuppel, florale Ornamente – so ganz anderes. In Deiningers gedeckt färbigen Bildern finden die geometrischen und organischen Formen wieder zu einer Harmonie zusammen. Aus der Ferne wirken sie vor allem kraftvoll und dekorativ, hier ein kühner Schwung, da ein ungemein mutiger Zug in die Höhe (bis zu drei Meter, aber schmal), dort eine menschliche Urform in intimem Quadratformat. Aus der Nähe aber wird aus effektvoller Oberfläche brüchiger Hintergrund, der Farbauftrag ist äußerst subtil und differenziert – Deininger ist eine Meisterin ihres Materials. Sie trägt die Ölfarbe in vielen Schichten auf, versieht sie mal mit glänzender Firnis, belässt sie stumpf, schleift sie mal sichtbar mechanisch ab, lässt sie im Terpentinrausch verblassen. Mal lässt sie die Leinwand einfach roh, mal wird sogar die Wand dahinter per Ausschnitt als Farbfläche eingebaut, mal wird die Leinwand auf der Rückseite bemalt, schimmert die Farbe mit unterschiedlichen Effekten nur durch. Als wäre das Ölbild ein durchscheinender Glaskörper wird es geschliffen, geschnitten, bemalt, es wird mit freigelassenen Stellen, mit Durch- und Aufsicht, mit Lichteffekten und achtsam gezogener Kontur gespielt, ein irreales Vakuum, in dem Abstraktion und Gegenstand gleichberechtigt nebeneinander existieren können.

 

Perfektes Spiel von Technik und Form

Im Biedermeierglas wurde dieses Spiel perfektioniert, mit völlig anderem Material, unter völlig anderen Voraussetzungen, aber derart gefinkelt, dass die Künstler des Jugendstils (Secessionisten, Kolo Moser) nach der stilistischen Sackgasse des Historismus begeistert zurückgriffen auf die Formfindungen und technischen Skills dieser Zeit zwischen 1780 und 1840 – im Ornament an sich und der Glaskunst im Speziellen, wie man im MAK jetzt durch die Parallelführung der Sonderausstellungen über Biedermeier- und Jugendstilglas selbst erforschen kann.

Dazu muss man seinen Blick genauso sensibilisieren wie vor den Bildern Deiningers. Im MAK sinkt man dazu am besten auf die Knie, um auf Augenhöhe mit den kostbaren Exponaten zu kommen, die in den niedrigen historischen Vitrinen gezeigt werden. Damit will man an die größte Ausstellung zum Biedermeierglas überhaupt anschließen, die 1922 stattgefunden hat, genau hier im MAK, genau in diesen Vitrinen. Mitunter sogar mit denselben Exponaten, was man allerdings im Katalog nachschlagen muss. Wie auch Details zu Techniken, Glashütten oder den nur in der Glasszene geläufigen Genienamen Joseph Mildner oder Anton Kothgassner. Das ist lästig. Sollte aber der Sensation dessen, was hier versammelt werden konnte, am Ende keinen Abbruch tun.

Fusioniert wurden dazu die MAK-Bestände mit denen des Glassammlers und Wiener Anwalts Christian Kuhn, den man eigentlich hier statt des Katalogs anbinden sollte, damit seine Begeisterung und Fachkenntnis auf die Besucher überspringen kann. Zu den imposanten, so ungemein modern wirkenden Formen der sogenannten Steingläser von Joachim Zich. Oder den ungeheuer feinen, beseelten Porträts des Glasschneiders Dominik Biemann inklusive fast psychedelisch wirkender optischer Effekte mit eingebauten Glaslinsen. Man kann durch sie sogar bis in die Secession sehen.

Secession: Svenja Deininger, „Echo of a Mirror Fragment“, bis 26. 3., Di–So 10–18 Uhr.
MAK:
Gläser der Empire- und Biedermeierzeit, bis 17. 4., Di 10–22 Uhr, Mi–So 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2017)