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Herbert Boeckl: Ein subversiv progressiver Staatskünstler

(c) Essl Museum
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Eine Retrospektive auf Herbert Boeckls Ölbilder, Fresken und Gobelins im Unteren Belvedere entpuppt sich als Wechselbad der Gefühle, stilistisch und ideologisch. Betrachtung einer österreichischen Künstlerkarriere.

Unglaublich: die grauen Wände, an denen vergilbte Zeitungsausschnitte kleben, der Kanonenofen, die vertrockneten Blumen, die Ikonenpostkarte, die Cognacflasche – eine Zeitkapsel im Dachgeschoß der Argentinierstraße42. Das Atelier, das Herbert Boeckl (1894–1966) fast 40 Jahre lang nutzte, wurde seit seinem Tod nicht verändert. Seine damalige Lebensgefährtin, eine Wotruba-Schülerin, die heute in der Schweiz lebt, sparte sich die Miete vom Mund ab, um diesen „Schrein“ erhalten zu können. Man kann es Agnes Husslein, Enkelin Boeckls und Direktorin des nahegelegenen Belvedere, schwer verdenken, dass sie dieses zeithistorische Kuriosum jetzt in den Museumsverband eingliedern will, wie sie am Dienstag, am Rande des Pressegesprächs zur Eröffnung der Boeckl-Retrospektive im Unteren Belvedere andeutete.

Gemeinsam mit Matthias Boeckl, einem weiteren Enkel des österreichischen Malerheiligen, hat sie diese erste große Boeckl-Ausstellung, 15 Jahre nach der im Kunstforum, zusammengestellt und mit einem massiven Katalog samt neuem Werkverzeichnis der Ölgemälde, Skulpturen, Fresken und Gobelins ergänzt. Worauf auch die Ausstellung konzentriert ist, Arbeiten auf Papier sind die Ausnahme. Dafür wurden Ölbilder aufgetrieben, die zum Teil noch nie ausgestellt waren oder wiederentdeckt wurden, etwa das „Porträt von Dr. Brill und seinem Sohn“, 1932 gemalt und wenig später mit seinem jüdischen Besitzer aus dem Land vertrieben.

 

Opportunist? Sorgsamer Familienvater?

Herbert Boeckl und die Regime, vom Austrofaschismus, in dem seine Karriere begann, bis zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft, die ihn den Rektorenposten der Akademie kosten würde – Opportunist? Karrierist? Subversiv für die Moderne arbeitender Staatskünstler? Oder sorgsamer Vater von neun Kindern? Diese Überlegungen begleiten einen beim Rundgang, während man auch künstlerisch ein Wechselbad erlebt – hin und hergerissen zwischen fantastischen Bildern wie dem „Steinbruch mit rotem Schatten“ von 1920, den unangenehm gedrungenen „Badenden vor Stift Eberndorf“ oder der schwer verdaulichen Regenbogen-Farbattacke des Altars der Pfarrkirche Salvator am Wienerfeld.

Boeckl war ein Maler der extremen Höhen und Tiefen, der sich an einer radikalen Moderne abarbeitete, an Kokoschka, Schiele, Cézanne, Corinth, den Kubisten und Kandinsky, und sie im isolierten Österreich der Zwischen- und Nachkriegszeit in höchst eigenwillige, teils fromme Salonkunst umwandelte.

Aber bleiben wir bei den besten Bildern: Gleich am Beginn hängt eines, das ganz in Traumblau gehaltene Porträt eines jungen Mannes, der in einer Baumkrone sitzt. Es ist Bruno Grimschitz 1915, Kärntner wie Boeckl, und weit entfernt noch von seinen Schicksalsjahren, als er von 1939 bis 1945 das Belvedere leitete. Eine Freundschaft, die sich bezahlt machte – Grimschitz stellte in der NS-Zeit „nicht alle“ Bilder Boeckls aus der Sammlung aus, so Kurator Boeckl. Trotzdem fällt einmal mehr die Unberechenbarkeit der NS-Kunstpolitik auf, gab es doch weit weniger expressionistische Maler, die als „entartet“ galten.

 

Katholisch und perfekt vernetzt

Boeckls Leben und Werk scheint jedenfalls zutiefst österreichisch – katholisch, vordergründig unpolitisch und perfekt vernetzt. Er fand sich in allen Regimen in mächtigen Positionen zurecht, zugunsten nicht immer der stärksten Moderne, aber zumindest immer zugunsten der Moderne. Seine Karriere begann im Ständestaat, er bekam den ersten Staatspreis. Als Kommissär für die Brüsseler Weltausstellung 1935 nutzte er die Chance, forcierte ein modernes Bild von Österreich. Die Präsentation seiner „Donna Gravita“ (s.Abb.) war ein Skandal. Die NS-Zeit überdauerte Boeckl zurückgezogen bei regelmäßigem Einkommen als Leiter des Abendakts, Boeckl hatte neun Kinder, musste ausstellen, war also Mitglied der Reichskunstkammer. Und NSDAP-Mitglied. In seinem „Gauakt“ wurde zu seinen heutigen Gunsten vermerkt, dass seine „nationalsozialistische Weltanschauung (...) nicht so zum Ausdruck kommt, wie man es von einem Parteigenossen erwartet“. Im April 1945 wurde er zum Rektor der Akademie ernannt, im Büro des kommunistischen Kulturstaatssekretärs Ernst Fischer hing sein „Stillleben mit Ofenrohr“. Boeckl berief Wotruba und Gütersloh zurück an die Akademie, die Berufungen von Oppenheimer und Kokoschka aber wusste er zu verhindern, obwohl er ein Jahr später schon, 1946, über seine verschwiegene NSDAP-Mitgliedschaft stolperte und als Rektor von Robin Christian Andersen abgelöst wurde.

Boeckl begann sich vermehrt mit religiösen Bildern zu beschäftigen, war mit „Künstlerpriester“ Monsignore Otto Mauer eng befreundet. Was in den tatsächlich beeindruckenden apokalyptischen Fresken für die Seckauer Engelskapelle kulminierte. Die Farbpalette ist mittlerweile stark gedämpft, von Pastelltönen geprägt. Und diese Farbigkeit ist es heute, nicht etwa Boeckls wandelbarer Stil oder seine Werke für die Kirche, die den größten Einfluss aufzuweisen scheint – sie zieht sich bis heute durch die österreichische Kunst, von Maria Lassnig bis Franz West.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2009)