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In stillen Bildern lauern Krokodile

Fotoausschnitt aus Collage "Heimat 3"
(c) Odenbach & Bildrecht, 2017
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Kunsthalle Wien. Marcel Odenbach ist ein Pionier der deutschen Videokunst. Seine Themen sind die schweren, Genozid, Kolonialismus, Flucht, seine Bilder trotzdem behutsam.

Auf den ersten Blick versteht man die Welt nicht: Wie kommt dieses biedere Aquarell einer „Guten Stube“ in die Wiener Beton-Kunsthalle? Mitten in die Ausstellung eines der Pioniere der deutschen Videokunst, Marcel Odenbach (1953, Köln), der hier seine erste große Ausstellung in Österreich hat – der sich doch um die schweren Themen kümmert, NS-Vergangenheitsbewältigung, Kolonialismus, afrikanische Genozide. Und dann diese Idylle?

Man muss schon zwei, drei Schritte nähertreten, seine Perspektive aufgeben, um zu sehen, was Odenbach zeigen will. Dass es sich hier erstens nicht um ein Aquarell handelt, sondern die verschwommene, malerische Wirkung einer extrem diffizilen Collagetechnik geschuldet ist. Deren winzige Einzelteile einen auf die Spur bringen, welche „Böse Stube“ hier in all ihrer Unverfänglichkeit lauert: Hitlers Wohnzimmer mit Ausblick auf den Obersalzberg. Polstermöbel, Lampenschirm, Blumenvasen, Vorhang, Bergpanorama – alles ist zusammengesetzt aus lauter kleinen Fotos aus der Nazi-Zeit, von Aufmärschen bis KZ-Leichen, das Grauen liegt dem Schein zugrunde.

Nach diesem Prinzip funktionieren einige von Odenbachs großformatigen Collagen, die seine Videoarbeiten fast immer schon begleiteten. Der täuschende Effekt ist so genial wie die Ausführung, die dann mit Aquarellfarbe und Tinte noch abgerundet wird. Höhepunkt ist ein über 14 Meter langer Papierstreifen, der wie eine Palmenfototapete wirkt. In der Nahsicht aber entfaltet sich hier vor einem in Tausenden Bildchen die Kolonialgeschichte Afrikas. Wobei kein ideologischer „Faden“ aus der Auswahl der Ausschnitte herauszulesen ist. Odenbach ist ein Verfechter des Vagen, er will einem das Selbstdenken nicht völlig abnehmen.

 

Starren auf starrende Flüchtlinge

Was durchaus ambivalent sein kann, bestes Beispiel dafür ist das Video „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“, für das er 2011, also lang vor der Flüchtlingswelle, drei illegal per Boot von Afrika nach Europa Eingewanderte überreden konnte, mit ihm in den Louvre zu fahren. Um sich dort dabei filmen zu lassen, wie sie Géricaults berühmtes Gemälde „Das Floß der Medusa“ von 1819 betrachten, das einen historischen Vorfall aufgreift, bei dem im Zuge des Kolonialmachtwechsels im Senegal ein englisches Schiff gekentert ist. Die Besatzung rettete sich u. a. auf ein Floß, auf dem bald Kannibalismus ausbrach; nur 15 von 149 Menschen konnten gerettet werden.

Relativ unbewegt starren die drei Afrikaner auf das Gemälde. Relativ unbewegt starren wir dabei sie an. Woran denken sie? Dass der Kolonialismus schuld an allem ist? An ihre eigene Überfahrt? Dass dieser Regisseur spinnt? Nur spärliche Sätze aus den Gesprächen, die er mit den Flüchtlingen im Vorfeld geführt hat, blendet Odenbach uns ein. Man bleibt bei dieser wenig angenehmen Begegnung mit den gemischten Vorurteilen verschiedener Zeiten und Kulturen weitgehend sich selbst überlassen.

Es ist eine gute, nachdenkliche, gesellschaftspolitisch relevante Ausstellung, die Kuratorin Joan Vanessa Müller in einem sanften Rhythmus aus Collagen und Videoprojektionen fast hermetisch in sich ruhen lässt. Trotzdem findet man schnell Zugang, sei es über Odenbachs Hang zu Ingeborg-Bachmann-Zitaten, sei es durch die Sensibilität oder durch seinen tastenden Kamerablick, den er gern auf Oberflächen richtet, etwa von Mahnmalen wie jenen der Gedenkstätten in Buchenwald oder im polnischen Majdanek. Immer fragend, forschend, die zugrunde liegenden Gräuel zwar spürbar machend, sie aber nicht ausschlachtend. Das macht diese Konfrontationen erträglich. Etwa mit dem Genozid in Ruanda von 1994, dessen Geist er in extrem langsamen, vorsichtigen Alltagsaufnahmen nachspürt: „In stillen Teichen lauern Krokodile“ heißt die Arbeit. Nach einem afrikanischen Sprichwort. Bei Odenbach trifft es auch auf die Kunst zu.

„Marcel Odenbach. Beweis zu nichts“, Kunsthalle Wien im MQ, bis 30.4., täglich: 11–19h, Do: 11–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2017)