Der teilnehmende Beobachter

Stephan Kloos
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Sozialanthropologe Stephan Kloos erkundet die Rolle der Tibetischen Medizin in Asien. Die aufstrebende Industrie hat Folgen für alle Bereiche der Gesellschaft.

Auf das Thema gekommen bin ich als Rucksacktourist in Indien“, sagt Stephan Kloos. Er erforscht am Institut für Sozialanthropologie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) traditionelle Tibetische Medizin. „Auf meiner Reise durch den indischen Himalaya bemerkte ich, welche wichtige Rolle die Tibetische Medizin dort spielt: nicht nur gesundheitlich, sondern auch sozial, politisch und wirtschaftlich.“ Daraufhin entschloss sich der Wiener Student der Kultur- und Sozialanthropologie, seine Diplomarbeit dem Thema zu widmen, das weite Teile Asiens betrifft.

Er zog für fünf Monate in ein Dorf in der indischen Grenzregion Ladakh, um dort mittels „teilnehmender Beobachtung“ die Tibetische Medizin genauer zu verstehen. „Ich wohnte bei einem traditionellen Arzt und versuchte in Gesprächen mit ihm und anderen Dorfbewohnern sowie durch Teilnahme am täglichen Leben, die soziale Rolle dieses Heilers zu erforschen.“ Was Kloos erst später erkannte, war, dass diese Forschung zeitlich mit dem Beginn großer Veränderungen in der über 1000 Jahre alten Tibetischen Medizin zusammenfiel: Das traditionelle Heilwissen entwickelte sich in eine „transnationale, innovative und lukrative Industrie“. Ähnlich wie Ayurveda oder die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) wurden die Arzneien immer mehr in modernen Fabriken in Massenproduktion hergestellt.

 

150 Milliarden Dollar pro Jahr

„Die Tibetische Medizinindustrie ist relativ klein, aber der Marktwert der gesamten asiatischen Medizin liegt mittlerweile bei 150 Milliarden Dollar pro Jahr“, sagt Kloos. „Das ist ein großer Wirtschaftsfaktor für diese Region, und obwohl diese Arzneimittel auch bei uns konsumiert werden, wissen wir fast nichts über diese Industrie.“

Das will Kloos nun ändern. Seit der Diplomarbeit hat er sich immer tiefer in das Thema eingearbeitet und erhielt 2013 einen ERC Starting Grant des europäischen Forschungsrates. „Das war in dem Jahr der einzige an Österreich vergebene Starting Grant im Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften“, betont Kloos. Mit der Förderung von knapp 1,5 Millionen Euro baute Kloos in Wien eine eigene Forschungsgruppe auf, die nun die wirtschaftliche, soziale und politische Rolle der Tibetischen Medizin erforscht. „Wir nennen diese Medizin beim tibetischen Ausdruck Sowa-Rigpa, das heißt ,Wissenschaft des Heilens‘“, sagt Kloos. Denn Sowa-Rigpa wird auch in China, Indien, der Mongolei, Bhutan und in Teilen Nepals und Sibiriens praktiziert.

Den ERC Grant bekam Kloos zugesprochen, als er wieder in Wien lebte. 2004 war er für sein Doktorat an die University of California (Berkeley und San Francisco) gegangen. In Kalifornien kam auch seine heute neunjährige Tochter auf die Welt. Sie war erst acht Monate alt, als Kloos von Berkeley aus seine Dissertationsforschung im Ausland antrat: Ein Jahr lang wohnte die junge Familie in Indien, in der Region Dharamsala, wo auch der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung angesiedelt sind.

„Dort ist der Sitz der wichtigsten Medizin-Institute, und ich konnte die Rolle der Tibetischen Medizin in der gesamten Gesellschaft erforschen“, sagt Kloos. Es war spannend zu verfolgen, wie die Auswirkung der aufstrebenden Industrie die Gesellschaft der Exiltibeter kulturell und sozial beeinflusste. „Es ist wichtig, diese Industrie als großes Ganzes zu verstehen.“ Die Produkte dieser „traditionellen“ Pharma-Industrie sind hauptsächlich Kräuterpillen mit mindestens drei und bis zu 100 verschiedenen Zutaten. „Die Zutaten, meist pflanzlich oder mineralisch, kommen von verschiedenen Regionen Asiens: Der Handel und das Wissen darüber zirkulieren grenzüberschreitend.“

2010 zog Kloos mit Familie nach Wien – nun reist er jeweils für einige Wochen pro Jahr nach Asien, um seine Forschung voranzutreiben. „2015 konnten wir wieder für sechs Monate nach Indien ziehen. Meine Tochter ging dort in die Schule, lernte schnell Englisch, und auch etwas Hindi. Das war eine wunderbare Erfahrung für uns.“

 

„Habe hier Freiheit für die Forschung“

Dass Wien nun seine Homebase ist, schätzt Kloos sehr. „In den USA sind zwar die Universitäten besser finanziert, aber hier an der ÖAW, die sich ausschließlich der Grundlagenforschung widmet, habe ich eine Freiheit und Möglichkeiten für die Forschung, die ich dort nicht gehabt hätte.“ Auch die Finanzierung durch den Wissenschaftsfonds FWF und EU-Programme sieht er positiv für den Wissenschaftsstandort Österreich. „Wien ist heute ein internationaler Hotspot für kritische Forschung zur Tibetischen Medizin.“

ZUR PERSON

Stephan Kloos wurde 1976 in Graz geboren und studierte Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien. Nach der Masterarbeit ging er nach Berkeley in Kalifornien, um die Tibetische Medizin, ihre Industrie und den Einfluss auf asiatische Gesellschaften genauer zu erforschen. Seit 2010 lebt Kloos in Wien und leitet seit 2014 am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine Forschungsgruppe.

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