Rodeln zwischen den Fabelwesen

Am Zauberberg kann noch bis März gerodelt werden.
Am Zauberberg kann noch bis März gerodelt werden.(c) Clemens Fabry

Bären, Drachen und der Winter – nicht nur in Form von Schnee, sondern als wachsames Gesicht modelliert – sind auf der drei Kilometer langen Erlebnisrodelbahn Semmering anzutreffen. Eine Fahrt dort dauert etwa eine Viertelstunde und bietet nicht nur Gelegenheit, Mut und Geschicklichkeit zu testen, sondern auch das zwischenmenschliche Vertrauen.

Den richtigen Namen für den richtigen Ort zu finden ist nicht immer einfach. Im Fall des Zauberbergs am Semmering ist das Wagnis jedenfalls geglückt, vor allem, wenn die dort befindliche Erlebnisrodelbahn ausprobiert wird. Denn die drei Kilometer lange Strecke bietet nicht nur die Möglichkeit, während der rund 15-minütigen Abfahrt ein Abenteuer zu erleben – für Erwachsene besteht es darin, in die eigene Kindheit zurückversetzt zu werden, in der man den alten Holzschlitten Meter um Meter so manchen Hang hinaufzog, um sich dann wieder ins Tal zu stürzen, für die Kinder liegt der Reiz im Ausprobieren von Geschwindigkeit, dem Gefühl, über den Schnee zu fliegen und auch einmal darin zu landen –, sondern sie wird auch von der Figur eines Zauberers bewacht.

Um diesen anzutreffen, bedarf es zunächst eines entsprechenden Fahrzeugs: Im Schlittenverleih stehen dafür etwa 250 mit rotem Stoff bespannte, hölzerne Gefährte bereit. „Wer möchte, kann auch seine eigene Rodel, ein Snowbike oder Lenkbobs mitbringen“, sagt Bettina Wülfrath vom Marketing der Semmering-Hirschenkogel-Bergbahnen, aufblasbare Bobs sind hingegen nicht gestattet.

Bevor die Fahrt beginnt, werden letzte Anweisungen gegeben. „Linker Fuß in den Schnee gestemmt heißt Linkskurve, rechter Fuß Rechtskurve“, klärt einer der insgesamt 35 Mitarbeiter der Bergbahnen auf. Und Bremsen? „Funktioniert mit beiden Beinen.“ Jedoch nicht immer, wie sich später herausstellen wird. Helfen kann es, wenn der vordere Teil des Schlittens angehoben wird – im schlimmsten Fall bremst ein Schneehaufen am Wegrand.

Vor den ersten Lenk- und Bremsmanövern aber wartet noch eine ganz andere Herausforderung: das Drehkreuz, der Durchgang zur Gondelbahn. Diesen teilt man sich mit den Skifahrern – und freilich mit der geschulterten Rodel. Hängenbleiben und Herumfuchteln mitunter inklusive. Nach genommener Hürde geht es mit der Gondel gen Gipfel, Piste und Rodelstrecke schlängeln sich unter den Füßen. Aus dem Lift ausgestiegen, teilen sich Rodler und Skifahrer abermals die ersten Meter: Eine Rechtskurve wird gemeinsam genommen – außer, man entscheidet sich spontan, einen Abstecher zur Dr.-Erwin-Pröll-Milleniumswarte (ja, das ist Niederösterreich) zu wagen. Wenn nicht, heißt es, wachsam zu sein: Die Piste teilt sich. Oberhalb, also rechts, geht es für die Snowboarder und Skifahrenden weiter, wie ein blaues Schild anzeigt, links, so heißt es auf der violetten Tafel, für die Rodelfraktion.

Von diesem Zeitpunkt an ist man ungestört – von einer kurzen Passage neben der Enzianhütte im unteren Drittel der Bahn abgesehen. Diese bietet nicht nur Gelegenheit zum Einkehren (auf einer Tafel werden Allergiker davor jedoch gewarnt) oder zum Ausborgen eines Rodelschlosses (auch dafür wurde ein Schild montiert), sondern auch eine Querung für Skifahrer, die von einer zur anderen Piste wollen.

Schuhwerk und Schneebrille.
Es geht los. Links der Berghang, rechts säumt eine Bretterwand den Weg in die Tiefe, der sich einmal mehr, einmal weniger steil ausformt. Während das Lenken immer leichter fällt, der Kurs des Schlittens nicht mehr zackig, sondern fast grazil anmutet, wachsen auf einer Seite der Rodelbahn zwei Schatten an: Es sind Drachenfiguren, die wirken, als würden sie aus dem Wald heraustreten. Bald darauf das nächste Etwas. Es erhebt sich in der Mitte der Strecke, wächst weiter an: eine Brücke, an deren höchstem Punkt ein großes buntes Auge die Ankommenden fixiert.

Unter der Brücke durchgetaucht – die Schuhe mit dem festen Profil, die dicken Handschuhe und die Schneebrille bewähren sich – herrscht plötzlich Gegenverkehr: Eine ältere Dame kommt entgegen. „Das trau ich mich nur heute, weil wenig los ist“, sagt sie entschuldigend, tatsächlich ist das Hinaufgehen entlang der Bahn verboten. Dass sie in den vergangenen 40 Minuten, die ihr Wagnis schon andauert, nicht erwischt wurde, liegt wohl zum einen an der nicht vorhandenen Videoüberwachung entlang der Strecke, zum anderen daran, dass nur ihr Anfang sowie ihre finalen Meter von der Stationsaufsicht direkt eingesehen werden können. Platz genug ist dennoch, wie ein Pärchen beweist, das gemächlich an der Frau vorbeirutscht: Während er den hinteren Teil ihrer Rodel festhält, umklammert sie die Kufe der seinen. Weniger friedliche Szenen folgen kaum einen halben Kilometer weiter – und sie zeigen, dass Rodeln durchaus mit Vertrauen zu tun hat: „Schrei nicht so“, schimpft er, nachdem sie samt gemeinsamer Rodel in einem Schneehaufen gelandet sind. „Du kannst nicht lenken, darum schrei ich“, gibt sie zurück. „Ja, weil mich das Schreien nervös macht.“ Der Ausweg: Die Rodel wird die letzten Meter per Hand hinterhergezogen, schweigend. Auch der Bärentunnel ändert daran nichts. „Mama, zwei Balus“, weiß ein Mädchen, das sich mit seiner Mutter eine Rodel teilt, die größeren Versionen von Meister Petz (ein grüner und ein blauer stehen am Tunneleingang) indes zu schätzen.

Hinten ist es sicherer. „Wir empfehlen, dass sich Kinder bei der ersten Fahrt mit ihren Eltern eine Rodel teilen“, sagt Wülfrath. „Damit beide die Strecke kennenlernen und einen Eindruck von der Geschwindigkeit bekommen.“ Während kleinere Kinder von den Eltern auf den Schoß genommen werden sollten, nimmt ein größeres im Optimalfall hinter dem Erwachsenen Platz. Andernfalls wird es bei einem Aufprall durch den zusätzlichen Druck von hinten geradewegs in Schnee und Rodel gedrückt.

Alters- oder Größenvorgaben, ab wann eine eigene Rodel benutzt werden darf, gibt es nicht. Gleiches gilt für eine Helmpflicht, obgleich sie, aus der statistischen Perspektive betrachtet, durchaus Sinn ergeben würde: Rodeln birgt ein nicht zu unterschätzendes Verletzungsrisiko. Laut den Zahlen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit verletzen sich dabei jährlich 1200 Österreicher so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Der Grund: Selbstüberschätzung. „Sollte ein Unfall passieren, ist eine Bergrettung 24 Stunden sieben Tage in der Woche vor Ort“, sagt Wülfrath.

Die überwiegende Mehrheit der Fahrer aber kommt heil und lachend im Tal an: Dafür sorgt auch der „Winter“, wie ihn ein Bub nennt – der Zauberer mit den wachsamen Augen.

Auf einen Blick

Drei Kilometer lang ist die Erlebnisrodelbahn Semmering, 250 Rodeln stehen bei den Bergbahnen vor Ort zum Verleih bereit (6,50 Euro pro Stück).

Von 8.30 bis 16 Uhr ist die Bahn von Montag bis Sonntag geöffnet, außerdem von Sonntag bis Mittwoch von 18 bis 21 Uhr und von Donnerstag bis Samstag von 18 bis 22 Uhr. Tickets gibt es für Einzelfahrten sowie für vier, acht oder 20 Fahrten; sie können von mehreren Personen gleichzeitig verwendet werden.

Infos unter: www.semmering.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)