In den Inhalten von Latrinen schürft die Forschung schon lang und mit Gewinn. Aber die Orte selbst blieben bisher eher vernachlässigt.
Auf seiner dritten Reise, der nach Laputa, gerät Gulliver an eine Akademie, in der die wunderlichsten Pläne ausgeheckt werden, die anrüchigsten auch: Ein Gelehrter arbeitet daran, „menschliche Exkremente in die ursprüngliche Nahrung zurückzuverwandeln“, ein zweiter will aus dem gleichen Material die Gesinnung potenzieller Aufrührer lesen bzw. „sich ein Urteil über ihre Gedanken und Absichten bilden. Denn nie seien die Menschen so ernsthaft, gedankenvoll und angespannt, wie wenn sie zu Stuhle kommen.“ So gallig spitzte Swift, der ja kein Kinderbuchautor war, Zeitgenössisches zu: In einem Verschwörerprozess war ein Bischof angeklagt, auf dessen Abtritt man verräterische Briefe gefunden hatte.
Diese lagen daneben, im echten Inhalt konnte man zu Swifts Zeiten nicht lesen, heute geht es mit Umweltanalytik, über deren Feinheit man nur staunen kann. Über die Befunde weniger: Da hat sich etwa Daniel Burgard, University of Pudget Sound, über die Abwässer seiner Uni hergemacht: Studenten nehmen „Smart Drugs“ – Medikamente für irgendetwas, die ganz nebenher die Leistungsfähigkeit steigern sollen – vor allem dann, wenn Prüfungen anstehen (Science of the Total Environment, 450, S. 242). Und Olivier Delémont (Uni Lausanne) hat aus der Kläranlage seiner Stadt den Kokainkonsum erhoben. Dieser steigt an Wochenenden, das überrascht wieder wenig, die Menge schon eher: In der 130.000-Einwohner-Stadt werden jeden Tag 13 Gramm reines Kokain verbraucht (Forensic Sciences International 266, S. 215).
Die Polizei wird weniger verwundert gewesen sein, sie hat andere Quellen genug, Delémont fragte sich deshalb schon, ob Umweltanalytik an solchen Örtchen einen Erkenntnisgewinn bringt. Unstrittig ist der, wo es nichts außer Latrinen gibt. Deren Inhalte sind schon lang wissenschaftswürdig – aus fossilem Kot konnte man etwa lesen, dass Neandertaler nicht nur Fleisch in sich hineinstopften, sondern auch Grünzeug genug (PLoS One 9, 101045) –, Erstere hinkten nach: In Rom stieß Giacomo Boni 1913 im Keller eines Palasts auf einen Raum, an dessen Wänden sich in 43 Zentimetern Höhe eine Marmorbank entlangzog, in die im Abstand von einem halben Meter 50 esstellergroße Löcher eingelassen waren.
Boni vermutete, es sei ein Pumpwerk. „Er konnte sich nicht vorstellen, dass es eine Toilette war“, erklärt der holländische Archäologe Gemma Jansen, er hat 2014 alles vermessen, zusammen mit Ann Koloski-Ostrow (Brandeis University), der „queen of latrines“. So heißt sie in ihrer kleinen Zunft, weil ihr vor keinem der Orte graut, an denen die Römer Unheil fürchteten, von Dämonen. Graffiti an den Klowänden beschworen sie, bisweilen sollten Wandbilder der Göttin Fortuna schützen. (Nature, 533, S. 456)
Wurmgeplagte Römer. Hinter den Ängsten standen Getier und Gerüche, bisweilen entzündeten Klärgase sich auch. Aber das wirkliche Unheil steckte in dem, was hinabplumpste: Nur öffentliche Toiletten waren an die Kanalisation angeschlossen, nicht die in Privathäusern, sie waren zudem oft in den Küchen, entsorgten deren Abfälle mit. Von Zeit zu Zeit wurden die Gruben geleert, den Inhalt nutzte man als Dünger. Mit ihm kehrte über das Essen zurück, was man heute noch im Schlamm der Latrinen findet und in der Erde der Friedhöfe: Eier vom Heer der Würmer, die den Darm plagen. Pierce Mitchell (Cambridge) hat sie durchgemustert: Die Römer hatten nicht weniger Parasiten als unhygienischere Gesellschaften, im Gegenteil, sie hatten noch einen besonders ekligen, den bis zu 20 Meter langen Fischbandwurm, den sie sich aus Garum, ihrer fermentierten Fischsauce, holten (Parasitology 8. 1. 2016).
Dass sie oft in Bäder gingen, machte alles nur schlimmer, dort wurden Parasiten und Krankheitserreger ausgetauscht. Das wurden sie auch, in noch tödlicherem Maß, im altisraelischen Qumran. Das ist der Ort, in dem die Schriftrollen vom Roten Meer gefunden wurden, in ihnen stehen auch Verhaltensvorschriften für die Bewohner, Mitglieder der Sekte der Essener: Sie mussten ihre Notdurft außerhalb der Siedlung verrichten – an einem Ort, der von dort aus nicht zu sehen war –, dann musste alles verscharrt werden, danach erfolgten Waschungen in einem Teich.
Den Spuren gingen der israelische Archäologe Joe Zias und der US-Bioarchäologe James Tabor nach, sie fanden den Ort, sie fanden Spuren des Verscharrten, und sie fanden einen Teich, er hat stehendes Wasser, nur Regen frischt es auf. Dort wurde ihr Waschzwang den Essenern zum Verhängnis: Sie rekrutierten ausnahmslos gesunde junge Männer, aber sie starben extrem früh. (Revue de Qumran 22, S. 631)
Wie hoch die Lebenserwartung an der Seidenstraße war, weiß man weniger, aber auch dort gab es Latrinen, in denen putzte man sich mit Stöcken, um die Tücher gewickelt waren. In einer Raststation am Rand einer Wüste blieben manche 2000 Jahre erhalten, Mitchell hat sie ausgewertet: Die Plagen begleiteten die Händler weit, unter den Eiern sind die von Würmern aus Sümpfen, der nächste war 1500 Kilometer entfernt (J. Arch. Sci.: Rep. 2016.05.010).
Aber nicht nur Menschen haben Latrinen, auch Tiere suchen gemeinsam(e) Orte auf, Klammeraffen etwa, so verbreiten und konzentrieren sie Pflanzensamen (PLoS One 7 e46852). Ähnliches taten schon nilpferdähnliche Reptilien zu Saurierzeiten, an ihren Latrinen gedieh der Bewuchs gut. Dass es auf Feldern der Menschen später auch so war, dafür sorgten andere Tiere mit ihrem vereinten Kot: Seevögel. Sie versammeln sich nicht, sie brüten so dicht gedrängt, dass sie Berge unter sich wachsen lassen, aus Guano – um ihn wurden Kriege geführt.
Das ist lang her, die Haber-Bosch-Stickstoff-Synthese ersetzte den Naturdünger. Aber aus Vögeln rieselt immer noch Segen von oben: Der Ammoniak im Kot trägt zur Bildung von Wolken bei, die Grönland und der Arktis regional 0,5 bis ein Watt pro Quadratmeter weniger Sonnenstrahlung bringen (Nature Communications, 15. 11.). Andernorts hat man gern viel, Winzer sind Gewinner der Erwärmung. Und die Vögel im Weingarten? Sie tun nichts Arges, im Gegenteil (The Auk, 23. 11.): Sie dezimieren Schadinsekten, Julia Jedlicka hat es gezeigt, mit „molecular scatology“, Genanalysen von Vogelkot.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)