Das erdnächste Sonnensystem ist 4,22 Lichtjahre entfernt. Dort sollen lichtgetriebene „Starchips“ hin.
Das erdnächste Sonnensystem hat man naheliegend Proxima Centauri getauft, aber so nahe liegt es nun auch wieder nicht, es ist 4,22 Lichtjahre entfernt, 2000 Mal weiter, als je eine Mission ins All vorgedrungen ist. Trotzdem soll die erste Reise zu den Sternen dorthin und im Projekt „Breakthrough Starshot“ den Nachbarn erkunden, dazu gab vergangenen April Stephen Hawking seinen Segen und der russische Milliardär Juri Milner 100 Mio. Dollar, der Dritte im Board ist Mark Zuckerberg.
Im August sichteten Astronomen bei Proxima Centauri einen erdähnlichen Exoplaneten, das gab Rückenwind. Aber mit dem kann man nicht hin, mit herkömmlichen Raketenantrieben auch nicht, sie bräuchten 30.000 Jahre. Also soll die Mission vom Schnellsten, was es gibt, getrieben werden: Licht. Dass das grundsätzlich geht, hat die japanische Weltraumagentur demonstriert, sie hat große Segel im All vom Sonnenlicht treiben lassen.
Das würde allerdings die erforderliche Geschwindigkeit nicht bringen: Man will die Sonden in 20 Jahren zum Ziel bringen, das braucht ein Fünftel der Lichtgeschwindigkeit, das soll von erdbasierten 100-Gigawatt-Lasern gewährleistet werden, sie sollen die in Erdnähe ausgesetzte Sonde auf 60.000 Kilometer pro Sekunde beschleunigen. Heutige Laser haben ein paar Hundert Kilowatt. Das Problem will man lösen, indem man Millionen von ihnen kombiniert.
Deren Strahl müssen die Segel zu fast 100 Prozent reflektieren, es gibt Materialien, die dem nahekommen, aber die Segel müssen auch den Lichtdruck aushalten, vergleichbare Beschleunigungen – mehrere 10.000 g – haben in Tests von Militärs nur Granatenhülsen überstanden, für Sekunden. Die Segel bräuchten Minuten, um auf Touren zu bringen, was an ihnen hängt: ein Computerchip – „Starchip“ –, der Messgeräte und vor allem eine Kamera tragen und mit Energie versorgen und die Daten zur Erde schicken soll.
Ertrag: Foto in rasendem Vorbeiflug
Der Zwerg darf nur nicht mit kosmischem Staub kollidieren, steuernd korrigieren kann man nicht, deshalb will man ganze Scharen zugleich losschicken. Dann muss man 20 Jahre warten, dann kommt der große Moment: Die Sonden rasen in zwei Stunden durch das benachbarte Sonnensystem und kommen dem Exoplaneten Proxima B auf eine Astronomische Einheit nahe. Das ist die Entfernung der Erde zur Sonne, trotzdem soll das Foto klappen, ein Spektrometer soll zudem die Atmosphäre von Proxima B analysieren (Nature 542, S. 20).
Wie das alles im rasenden Vorbeiflug gelingen soll, ist unklar. Und wenn es gelingt, kommt das größte Problem: Wie sollen die Daten zur Erde? Wieder mit Laser? Dessen Signale wären nach 4,22 Jahren da, man weiß nur nicht, wo die Energie herkommen soll. Darauf weist vor allem die Konkurrenz hin, „Icarus Interstellar“, die will selbst eine größere kernfusionsgetriebene Sonde zum Nachbarn schicken. Aber das wird länger dauern, und ob Proxima B wirklich der Erde ähnelt, wird man schon früher wissen, sofern es mit dem weniger utopischen Start des Weltraumteleskops James Webb klappt, der für 2018 geplant ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2017)