Der größte Betrugsfall weitet sich aus: Betrogene Anleger des Milliardenschwindlers Madoff verklagen nun die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sowie die Finanzinstitute GP Morgan Chase und Bank of New York Mellon.
Wien/New York(höll). Geldwäsche, Drogen und Frauenmissbrauch – eine neue Klage im Fall Madoff enthält viel Sprengstoff: Anlegeranwälte wollen nach monatelangen Recherchen herausgefunden haben, dass auch der internationale Wirtschaftsprüfer KPMG sowie die Großbanken JP Morgan Chase und die Bank of New York Mellon in den größten Betrugsskandal an der Wall Street verwickelt sind. Die Betroffenen weisen die Vorwürfe zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Die Causa ist auch für österreichische Madoff-Opfer interessant. Sollte sich der Verdacht gegen KPMG und die US-Banken erhärten, können sich heimische Anleger einer Sammelklage in den USA anschließen. Der ehemalige US-Broker Bernard Madoff hat sich im März schuldig bekannt, ein gigantisches Schneeballsystem betrieben zu haben. Er hat Investoren weltweit um 65 Mrd. Dollar geprellt. Ende Juni wurde er zu einer Haftstrafe von 150 Jahren verurteilt. Nun versucht man, die Mittäter zu fassen.
Kokain in Madoffs Firma?
In einer am Mittwoch in New York eingebrachten Klage von geschädigten Anlegern heißt es, die US-Bank JP Morgan Chase soll dem Betrüger geholfen haben, Investments von fast sechs Mrd. Dollar weißzuwaschen. Dem Wirtschaftsprüfer KPMG wird vorgeworfen, dass er das betrügerische Verhalten in Madoffs britischer Firma nicht auffliegen lassen hat. KPMG hatte die Bilanzen von „Madoff Securities International“ geprüft. Der Klage zufolge seien in einer Madoff-Firma in New York der „Missbrauch von Frauen“ (gemeint ist Prostitution) und Drogen üblich gewesen. Die Räume seien wegen des Kokaingebrauchs bei Partys als „Nordpol“ bezeichnet worden.
Die Behörden haben zwar das Vermögen von Madoff eingefroren. Doch bislang konnten erst einige hundert Millionen Dollar sichergestellt werden. Daher gehen die Opfer jetzt gegen Geschäfts- und Vertriebspartner von Madoff vor. Klagen wurden unter anderem gegen die ehemalige Wiener Bank Medici und die Bank-Austria-UniCredit-Gruppe eingebracht. Diese bestreiten die Vorwürfe. Man sei genauso wie viele andere Anleger Opfer eines in der Finanzgeschichte einzigartigen Betrugsfalls, versichern Medici und Bank Austria.
Österreicher klagen HSBC
Die Wiener Anwälte der Madoff-Opfer sind auch international aktiv. „Wir haben Klagen gegen die HSBC-Bank und den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young eingebracht“, sagt der Wiener Anwalt Christian Hausmaninger zur „Presse“. Er vertritt die Investoren des Fonds „Alpha Prime“, bei dem fast das gesamte Geld bei Madoff gelandet ist.
Der Vorwurf lautet, dass die britische Großbank HSBC und Ernst & Young die Sorgfaltspflichten vernachlässigt haben. Ernst & Young hat den Fonds geprüft, und HSBC war als Depotbank für die Verwahrung der Fondsgelder zuständig. „Die Depotbank ist verpflichtet, jederzeit das Fondsvermögen herauszugeben“, sagt Hausmaninger. Als Nächstes will er die „Bank of Bermuda“ klagen. Auch die Investoren des in Österreich vertriebenen Heraldfonds sind gegen HSBC vorgegangen.
Im Zuge des Madoff-Skandals will die EU-Kommission die Verantwortung von Depotbanken für Fondsvermögen strenger regeln. Ins Visier genommen werden sollen vor allem die Finanzplätze Luxemburg und Irland.
EU-Kommission schaltet sich ein
Einer Untersuchung zufolge haben die EU-Mitgliedsländer die gesetzlichen Pflichten von Depotbanken in „sehr unterschiedlicher Weise“ umgesetzt. Hintergrund: Die meisten europäischen Madoff-Fonds wurden von Depotbanken in Luxemburg verwaltet. Die dortigen Institute werden beschuldigt, nicht ausreichend geprüft zu haben, ob die in den Fonds ausgewiesenen Vermögenswerte tatsächlich existieren.
In den Fondsprospekten ist der Name Madoff nicht erwähnt worden. Stattdessen hat es geheißen, dass mit dem Geld unter anderem Aktien gekauft werden.
Auf einen Blick
■Der größte Betrugsfall an der Wall Street weitet sich aus: Betrogene Anleger des Milliardenschwindlers Bernard Madoff verklagen nun die internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sowie die Finanzinstitute GP Morgan Chase und Bank of New York Mellon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2009)