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EU-Turbo für Netflix und Amazon

Die Comedyserie „Master of None“ gehört zu den beliebtesten Serien, die es bei Netflix zu sehen gibt.
Die Comedyserie „Master of None“ gehört zu den beliebtesten Serien, die es bei Netflix zu sehen gibt.(c) Netflix
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Die EU-Kommission will den digitalen Binnenmarkt weiter vorantreiben. Nach jahrelangen Verhandlungen werden nun die Grenzen für Online-Plattformen teilweise geöffnet.

Wien. Das Geschäft mit Streamingdiensten boomt. Alleine im vierten Quartal 2016 gewann Netflix weltweit 7,1 Millionen Kunden dazu. Der Anbieter von Online-Filmen, der in mehr als 130 Ländern vertreten ist, dürfte bei der Kundenzahl heuer die 100 Millionen-Grenze überschreiten. Auch der Musikmarkt hat sich durch Streaming verändert. Die Zahl der verkauften CDs geht zurück. Der Verband der österreichischen Musikwirtschaft hat noch keine endgültigen Zahlen für 2016. Doch der Verband geht davon aus, dass die Umsätze mit Musikstreaming-Diensten wie Spotify, Deezer und Apple Music im Vorjahr um mehr als 50 Prozent gestiegen sind. Dabei haben die bezahlten Premium-Abos höhere Steigerungsraten als die kostenlosen Versionen, die über Werbeeinnahmen finanziert werden. Eine neue EU-Regelung dürfte für einen zusätzlichen Wachstumsschub sorgen.

 

Einigung ist ein Kompromiss

Derzeit zahlen Nutzer regelmäßig für ein Abo bei Netflix und Co. Doch die Angebote funktionieren im Ausland nicht. Schuld daran ist das sogenannte „Geoblocking“. Denn Lizenzen für Filme oder Serien werden immer nur für einzelne Länder verkauft.

Die EU wollte das ändern und im Internet die nationalen Grenzen abschaffen. Demnach sollten digitale Inhalte wie Filme, Musik und Spiele für Internet-Nutzer innerhalb der EU grenzüberschreitend zugänglich gemacht werden. Doch die Filmwirtschaft legte sich quer. Nach jahrelangen Gesprächen einigten sich nun die Verhandlungsführer des Europaparlaments, der EU-Staaten und der EU-Kommission auf einen Kompromiss.

Vorgesehen ist, dass Geoblocking zwar nicht abgeschafft, aber zumindest eingeschränkt wird. Die Rede ist von einer „grenzüberschreitenden Portabilität“ von Internetinhalten. Künftig sollen Nutzer auf Reisen im europäischen Ausland auf ihre im Heimatland bestellten Abos zugreifen können. Und das ohne Einschränkungen. Fahren beispielsweise österreichische Netflix-Kunden nach Deutschland, werden sie dort nicht Zugang zum deutschen Netflix-Portal, sondern zum österreichischen Angebot erhalten. Die Regelung gilt neben Urlaubsreisen auch für temporäre Studien- und Geschäftsaufenthalte.

Zur Überprüfung sollen IP-Adressen oder die Bezahldaten herangezogen werden. Die Einigung bezieht sich nur auf kostenpflichtige Dienste. Öffentlich-rechtliche Fernsehsender wie der ORF können ihre Inhalte für Zuseher im Ausland weiterhin blockieren.

Der jetzt gefundene Kompromiss muss noch vom Europäischen Rat und vom Parlament gebilligt werden, was aber als Formsache gilt. Es ist davon auszugehen, dass die neue Regelung ab 2018 in Kraft treten wird. Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands der Film- und Musikwirtschaft in Österreich, spricht von einem „Kompromiss mit einigen Fragezeichen“. Zu klären sei noch, wie lange die Nutzer im Ausland auf die Dienste zugreifen können.

 

Noch einige Fragen offen

„Ein Erasmus-Studienprogramm kann auch über ein Jahr dauern. Für solche Zeiträume ist eine grenzüberschreitende Nutzung aber nicht gedacht“, so Müller im „Presse“-Gespräch. Er ist dafür, dass Kunden die Angebote für einen definierten Zeitraum wie beispielsweise für einen Monat, im Ausland nutzen können. „Dabei muss aber die Einhaltung aller Sicherheitsstandards gewährleistet werden, um illegales Streaming im Ausland zu verhindern.“

Müller ist froh, dass sich die EU mit ihrem ursprünglichen Plan, Geoblocking komplett abzuschaffen, nicht durchsetzen konnte. „Denn gerade bei Filmen sind nationale Verwertungsrechte notwendig.“ Filme werden in verschiedenen Ländern unterschiedlich beworben und sogar in unterschiedlichen Schnittversionen gezeigt. Hier spielen eben auch kulturelle Unterschiede eine Rolle.

In manchen Ländern werden beispielsweise Szenen aus Filmen des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl als pornografisch empfunden. „Die internationale Verwertung von Filmen funktioniert eben anders als der Verkauf von Autos“ sagt Müller.

Die Macht großer Online-Plattformen wie Netflix und Spotify sorgt allerdings auch immer wieder für Kritik. So werfen Musiker dem Anbieter Spotify vor, dass sie nicht ausreichend bezahlt werden. Das schwedische Unternehmen ist mit 40 Millionen zahlenden Nutzern weltweit Marktführer auf dem Musik-Streamingmarkt. Im Filmbereich sind in Österreich neben Netflix noch Amazon, die ProSiebenSat1-Tochter Maxdome, Sky und Flimmit vertreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2017)