Von Natur aus zärtlich

Über elf Jahre erstreckte sich der Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und ihrer deutschen Freundin Louise Hartung. Er dokumentiert eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, eine ungewöhnliche Zeit und eine ungewöhnliche Liebe.

Manchmal bin ich richtig traurig darüber, dass so viele Menschen, unendlich viele, aufunserer Erde lebten und starben, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, rein gar nichts, was uns, die wir jetzt leben, verkünden würde: Ich habe auch gelebt.“ (Astrid Lindgren)

Wer glaubt, dass im Briefwechsel zweier Frauen aus den 1950er-Jahren von Strickmustern und Kuchenrezepten oder von Kinderwindeln und Kaffeekränzchen die Rede ist, wird im Fall des auf 592 Seiten ausgebreiteten, über elf Jahre dauernden Briefwechsels zwischen der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren und der Berliner Magistratsbeamtin Louise Hartung eines Besseren belehrt. In den Gedanken, literarischen Betrachtungen, Reise- und Alltagsschilderungen, politischen Überlegungenund immer wieder erstaunlich offenen, schonungslosen, ja manchmal sogar verstörenden Gefühlsäußerungen sucht man vergeblich nach den Doris-Day-, Mariandl- oder Sissi-Filme-Frauenfiguren der 1950er-Jahre. Vielmehr wird klar, dass die Stunde null nach den verheerenden Nazi-Jahren keine Stunde null für die Menschen war.

Das trifft vor allem auf die deutsche Briefpartnerin Astrid Lindgrens zu. 1905 in Berlin geboren, erlebte Louise Hartung als Chansonsängerin die Goldenen 1920er-Jahre im künstlerisch aufregenden Umfeld der Weimarer Boheme-Szene von Bert Brecht, Kurt Weill oder Lotte Lenya. Von den Nazis erhielt sie wie so viele linke Kulturschaffende Berufsverbot, aber den Befehl, an der Front „deutsche“ Soldaten mit „deutschem“ Liedgut zu unterhalten. Nebenbei war sie alsWiderstandskämpferin tätig und versteckte Juden in ihrem kleinen Berliner Schrebergartenhäuschen.

Nach dem Krieg arbeitete Louise Hartung als SPD-Kommunalpolitikerin in Wilmersdorf und als Beamtin im Hauptjugendamt, wo sie eine Reihe progressiver Initiativen verwirklichte. Dazu gehörten auch „Montags-Lesekreise“, bei denen Kindern Jugendbücher vorgelesen wurden. Dabei entdeckte Louise Hartung Astrid Lindgrens Bücher und verliebte sich auf der Stelle in die aufmüpfigen, freiheitsliebenden Figuren der schwedischen Autorin. Sie war es auch, die Astrid Lindgren 1953 nach Berlin brachte, wo die beiden Frauen eine abenteuerliche und zum Teil verstörende Fahrt in den kriegszerstörten Osten der Stadt unternahmen. Eine Erfahrung, die sie lebenslänglich zusammenschweißte. Die sorgfältig editierte, ursprünglich mehr als 600 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Ausnahmefrauen kann man auf vielerlei Weise lesen. Als Zeitdokument über das wieder erstarkende intellektuelle Leben der deutschen 1950er- und 1960er-Jahre, die Effekte des deutschen Wirtschaftswunders oder ein Stück Berliner Zeitgeschichte vor dem und rund um den Mauerbau. Aber vor allem wird man diesen spannenden und facettenreichen Briefwechsel als Geschichte einer ungewöhnlichen Frauenfreundschaft lesen. „Wenn ich es mir recht überlege, habe ich mein ganzes Leben nichts andres getan als Liebeslieder gesungen, was für ein unnützes Dasein.“ (Louise Hartung)

In Astrid Lindgren und Louise Hartung treffen zwei unterschiedliche, geradezu gegensätzliche Charaktere aufeinander. Eine ist ein Familienmensch, der nach außen alle Konventionen erfüllt (Kinder, Enkel, Eltern versorgt), die andere ein Freigeist, spontan, romantisch, leidenschaftlich, überschwänglich, voller Lebenssehnsucht.

 

„Wie die Wärme einer Katze“

Die eine ist eine berühmte Schriftstellerin, die andere ein Mensch mit begrenzter Strahlkraft. Aber in den Briefen drehen sich die Rollen der beiden Frauen um: Der Fan wird zur Schriftstellerin, die wortgewandt, bilderreich, originell geschliffene und berührende Texte verfasst, die Schriftstellerin zur bewundernden Freundin: „Louisechen, mein Satellitchen, Sputnikchen, warum schreibst du keine Bücher? So wie Du Deine Ausdrucksmittel beherrschst.“

Briefe einer Freundschaft? Ja, wenn man sie von Astrid Lindgren aus liest. Dann sind es Briefe voller inniger Zuneigung und Dankbarkeit, aber in allem doch oft auch oberflächlicher, konventioneller und sicher mit weniger Muße verfasst. Wenn man die Briefe von Louise Hartung aus liest, sind es Briefe einer alles verzehrenden, leidenschaftlichen und im tiefsten Sinn romantischen Liebe. Vom ersten Moment an scheint Louise Hartung ihrer um ein paar Jahre jüngeren Freundin Astrid Lindgren nahezu verfallen zu sein. Ein Umstand, der beiden Frauen bewusst war, und von ihnen in geradezu bewundernswerter Offenheit diskutiert wurde: „Du glaubst, dass ich eine tiefgehende Abneigung gegen Dich empfinde, weil ich Dich nicht ein einziges Mal auch nur gestreichelt habe. Nein, Louisechen, da täuschst Du Dich. Ich bin von Natur aus eigentlich zärtlich, und wenn Du mich nicht auf diese Weise lieben würdest, wie Du es tust, würde ich es wagen, es Dir zu zeigen.“ (Astrid Lindgren)

Darauf antwortet wiederum Louise Hartung: „Denk, ich kann Folgendes verstehen: große Liebe, Dynamik, Forderung meinerseits, von Dir entgegengenommen, nicht erwidert, aber auch nicht gerade abgelehnt. (Liebe wärmt immer, und sei es auch nur, dass man sie als angenehm empfindet, so wie die Wärme einer Katze, die einem um die Füße streicht).“ Louise Hartung jedoch scheint ohne Bitterkeit. „Glaubst Du wirklich, ich sei unglücklich, weil Du Deinen schönen Körper für Dich allein schlafen lässt? Immer habe ich betont, dass mir jede, aber auch jede Form der Verbindung mit Dir wünschenswert erscheint.“

Wir erfahren in diesem berührenden Briefwechsel viel über die unbekannte Louise Hartung, aber auch viel über die gefeierte Kinderbuchautorin. Über ihre Melancholie „Ich bin vermutlich nie besonders lebensfroh gewesen. Vollkommen glücklich bin ich wohl nur, wenn ich schreibe.“ Über ihren Wunsch nach Einsamkeit und ihre streckenweise emotionale Überforderung: „Manchmal fühle ich mich wie eine Vogelmama mit zehn hungrigen Jungen, die gefüttert werdenwollen, alle sitzen da und reißen den Schnabel auf und warten auf ihren Anteil, und ich gebe, so viel ich kann und vermag.“

Es gibt zwei gute Gründe, diesen berührenden Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Luise Hartung zu lesen. Der eine heißt Astrid Lindgren. Und der andere heißt Louise Hartung. Die Frau im Schatten, die auf den ersten Blick das schlechtere Lebenslos gezogen zu haben scheint: unglücklich liebend, von Schmerzen geplagt, Krankheit und früher Tod. „Ich habe auch gelebt!“ dokumentiert den Briefwechsel zweier Schriftstellerinnen, von denen die eine niemals ein Buch verfasst hat. Gut, dass sich das jetzt geändert hat. ■

Astrid Lindgren und Louise Hartung

Ich habe auch gelebt!

Briefe einer Freundschaft. Hrsg. von Jens Anderssen und Jette Glargaard. Aus dem Englischen, Dänischen, Schwedischen von Angelika Kutsch, Ursel Allenstein und Brigitte Jakobeit. 592 S., geb., € 26,80 (Ullstein Verlag, Berlin)