Von A nach B

Istanbul
Istanbul(c) imago
  • Drucken

Mich in Istanbul befindend, muss ich für einen Termin um acht Uhr früh auf der anderen Seite der Stadt schon um fünf Uhr los, das heißt Frühstück um vier, das heißt, ich brauche gar nicht erst schlafen gehen.

Mich in Istanbul befindend, muss ich für einen Termin um acht Uhr früh auf der anderen Seite der Stadt schon um fünf Uhr los, das heißt Frühstück um vier, das heißt, ich brauche gar nicht erst schlafen gehen. Für einen Termin auf der anderen Seite benutzt man in aller Regel mindestens vier der in Istanbul zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel, die da wären: Metrobus, U-Bahn, Straßenbahn, Katamaran, Unterwassermetro, Wassertaxi, Bus, Minibus, Sammeltaxi, normales Taxi, seit Neuestem auch Uber (für die Feinschmecker gibt es noch eine Seilbahn und die Nostalgie-Straßenbahn im historischen Stadtteil). Allen Verkehrsmitteln ist gemein, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit überfüllt sind, sodass eine einstündige Fahrt am Bosporus effektiver ist als jede Diät der Welt, weil man die Waggons zerdepscht und dünn wie ein Blatt Papier verlässt.

Ein Teil des Istanbuler Lebens spielt sich also in Bus und Fähre ab. Das ist oft mühsam, oft aber sehr amüsant. Im Sammeltaxi zahlt man erst, wenn man schon sitzt, das heißt, die hintere Reihe reicht das Geld dem Passagier vor ihm, der wiederum gibt das Geld auch nach vorn, so geht das weiter bis zum Fahrer, der anschließend das Rückgeld nach hinten reicht, etc. Sitzt du eher vorn, verteilst du die ersten Fahrtminuten Kleingeld herum und kommst dir vor wie ein Börsenmensch an der Wall Street, nur halt mit weniger Finanzrisiko.

Im Sammeltaxi hat sich neulich Folgendes zugetragen: „Ich weiß nicht, wo ich bin“, hat eine ältliche Dame mit Stock und Hörgerät lange Zeit in ihr Telefon gerufen, ehe sie ihr Handy nach vorn reichte, damit einer der kundigen Fahrgäste ihrem Gesprächspartner die Koordinaten durchgeben konnte. So machte das Telefon die Runde, bis hin zum Fahrer selbst, und keine zwei Minuten später instruierte der ganze Bus die liebe Omi, wie sie an ihr Ziel kommt, das ist in Istanbul ja nicht so einfach. Aber während noch zwei, drei andere Mitfahrer parallel mit Omi und ihrem Gesprächspartner telekonferierten, machte der Fahrer einen Umweg, und wir alle fuhren die zerbrechliche Dame bis vor die Haustür. Beschwert hat sich niemand.

E-Mails an:duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2017)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.