Kyp Malone: König von Brooklyn

Kyp Malone
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Als Mitglied der Band TV on the Radio zählt Kyp Malone zur Speerspitze der Pop-Avantgarde. Das "Schaufenster" war dabei, als er in Brooklyn jetzt sein Soloprojekt Rain Machine vorstellte.

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Kyp Malone steht mit dem Rücken zur Wand. Er hebt die rechte Hand und lächelt sanft in die Kamera. Klack, klack, klack. Der Fotograf drückt mehrmals ab. Nach dem zehnten Mal verrät Malones Miene, dass es ihm unangenehm ist. Nach dem 20. Mal bricht er ab. „Danke. Es ist genug“, sagt er leise, aber bestimmt. Und verschwindet durch eine Hintertür in den Backstagebereich. Der Mann mit dem voluminösen Bart, der als Gitarrist und Sänger der Band TV On The Radio (TVOTR) zur Speerspitze der aktuellen Pop-Avantgarde zählt, muss sich erst daran gewöhnen, allein im Rampenlicht zu stehen. Naheliegend, dass er sein Soloprojekt „Rain Machine“ in einem Club in seiner aktuellen Heimat Brooklyn, im Bell House, live vorstellt. Es wirkt regelrecht familiär, wie Malone an diesem Septemberabend im Flur Freunde mit Handschlag begrüßt, sich nach der Familie erkundigt und über das Artwork seines Debütalbums plaudert.

Förderband der Emotionen.
Als TVOTR Anfang September eine einjährige Auszeit verkündeten, war „Rain Machine“ längst fertig. Aufgenommen wurden das Album im Sommer 2008 in Berkeley und Los Angeles, einige Songs datieren bis ins Jahr 2004 zurück. Die meisten Stücke schrieb der 36-Jährige aber direkt im Studio. Er wollte seinen persönlichen Zustand unmittelbar einfangen. Denn, wie sagt er so schön in einem Interview mit dem US-Magazin Paste: „Musik ist ein Förderband der Emotionen.“ So klingen die Songs auch: euphorisch, bedrückt, wütend. Sie rühren, lassen einen lachen, weinen – und niemals kalt. Und sie zählen zum Aufregendsten und Unerwartetsten, das Malone je
(mit)kreiert hat. Keine Selbstverständlichkeit bei einem Musiker, der als Teil der Band Iran Indiepop und Lärmattacken vereint und mit seiner Stammformation auf permanentem Innovationskurs segelt.

Die mächtige Wall of Sound, die TVOTR so meisterlich errichten, reißt Malone mit Rain Machine ein, lässt nur mehr Skelette stehen. Und stöbert in den Trümmern. Dort findet er archaischen Blues und Garagenrock genauso wie Folk, Bluegrass, Jazz und Afropop. Viele Songs kommen mit etwas Gitarre und Percussions aus. Und schaffen Raum für Malones größtes Ass: seine Stimme, die klarer und verletzlicher denn je erstrahlt. Bald klingt sie nach Blues, bald hebt sie im Falsett ab. Stets ist sie eindringlich.

Der Konzertsaal im Bell House ist prall gefüllt. Auf der Bühne wird umgebaut, aus den Boxen tönen Songs der Pixies. Der Club ist in einem umgebauten Lagerhaus im Brooklyner Teil Gowanus, einer alten Industriezone, untergebracht. Dunkler Holzboden, Holzdecke, eine lange Bar. Über dem Publikum hängt ein großer Kristallluster, hinter der Bühne ein schwerer, roter Vorhang. „Das ist unser erster Gig. Wir kommen direkt aus dem Proberaum“, nuschelt Malone ins Mikro. Und entfesselt mit seiner neuen Liveband eine einstündige Berg- und Talfahrt. Wenn es laut wird, dann ganz laut. Dann braust der Mann mit der enormen Bühnenpräsenz auf, schreit, lässt seine Musik zum Orkan anschwellen. Wenn es ruhig wird, dann ganz ruhig. Dann steht er ganz allein auf der Bühne, nur mit Gitarre und seiner live noch fesselnderen Stimme. Er nennt dies seine „keeping it real section“. Und lächelt. Bei „Hold You Holy“, einem der Höhepunkte, schreit er mantramäßig immer wieder „Holy, Holy, Holy“, mit geschlossenen Augen. Das Heimspiel beschließt er mit „Free Ride“, einem gospelgetränkten Stück. Das Publikum feiert ihn. Ihn allein. Malone strahlt, wirkt zufrieden. Für einige Momente ist er der König von Brooklyn.

Neue Freiheit. Tags darauf wird er der „New York Times“ erzählen, dass es herausfordernd und aufregend zugleich ist, am Beginn neuer musikalischer Beziehungen zu stehen. Und er wird über die Arbeit als Solokünstler sinnieren: „In einer Band gibt es Momente, in denen du dein Ego zurücknehmen musst und in denen deine ästhetischen Empfindsamkeiten beleidigt werden.“ Beim Alleinarbeiten müsse man hingegen herausfinden, „wann das Maß voll ist“. Nur einmal, beim über zehnminütigen „Winter Song“, ist ihm das nicht gelungen. Was aber letztlich nur eines unter-streicht: Malone genießt – und nützt – die neue Freiheit, die ihm Rain Machine bietet. Musikalisch genauso wie bei seinen Texten, die persönlich und politisch wie nie zuvor ausfallen. Malone hat das Album so gut wie im Alleingang eingespielt. Selbst das psychedelisch anmutende Albumcover mit den Regenbögen und den auf Löwen reitenden nackten Frauen stammt von ihm.

Nach dem Auftritt sitzt Malone hinter dem Merchandising-tisch, schüttelt Dutzende Hände. Vor ihm liegen Rain-Machine-T-Shirts und CDs. Diesen Namen, Rain Machine, wählte er nicht zuletzt deshalb, weil ihm sein eigener auf Konzertkarten und T-Shirts nicht gefiel. Bereitwillig signiert er CDs. Nein, nicht mit seinem Namen. Indem er kleine Miniaturen auf die Innenseite zeichnet, macht er sie zum Unikat. Ganz – und das beweist er mit Rain Machine nachhaltig – wie er selbst eines ist. Nicht nur wegen seines Barts.

CD: "Rain Machine" (Anti). www.myspace.com/rainmachinemusic


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