Die anderen kommen immer früher dran und haben hartnäckigen Husten.
Zu den Top drei der unangenehmen Situationen, in denen man fremden Menschen unfreiwillig zu nahe kommt, gehört der Aufenthalt in einem Wartezimmer beim Arzt. Wie verhält man sich beim Eintreten, wenn einem die brütende Stille der bereits (zu lang) Wartenden entgegenschlägt? Man grüßt möglichst freundlich (es folgt leises Gemurmel von vereinzelten Höflichen) und versucht rasch, einen geeigneten Platz anzusteuern. Diese Entscheidung muss in einer Hundertstelsekunde fallen. Ähnlich wie bei der Liegenauswahl in einer Therme hängt viel davon ab. Unter anderem, wie qualvoll die nun folgenden Stunden werden.
Angenehm ist ein Nachbar, der still die zwei Jahre alte Zeitschrift liest, nicht die Nase aufzieht und seine Beine möglichst ruhig hält. Besonders unangenehm ist ein wackelnder, stark hustender oder niesender Mitmensch, der seine Finger befeuchtet, um die Zeitschrift besser umblättern zu können. Gespenstisch sind jene, die zwar weiter weg sitzen, einen aber regungslos anschauen. Nicht einmal das jahrelange frühjugendliche Training mit der Garfield-Methode (so lang zurückstarren, bis sie den Blick abwenden) hilft beim gemeinen Wartezimmer-Starrer. Man will gar nicht wissen, was in ihm vorgeht. Nach ein paar Stunden Warten weiß man ohnehin viel zu viel über die anderen. Wie sie heißen, was sie haben und den Rest hat man sich auch schon ausgemalt.
Die Reihenfolge des Drankommens ist nur dann nicht unfair, wenn man selbst vorgenommen wird. Das hat immer triftige Gründe (kleine Kinder, stark blutende Wunde, Auto parkt auf den Straßenbahngleisen). Wer früher drankommt, wird danach von den weiterhin Wartenden mit Blicken getötet. Auf das fröhliche „Auf Wiedersehen“ beim Verlassen des Wartezimmers antwortet niemand mehr.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2017)