Ist der Mensch aggressiv bis in die Fußsohlen hinein?

Boxing
(c) REUTERS (TORU HANAI)

Unsere besondere Weise des Stehens und Gehens auf der ganzen Sohle könnte zum kräftigeren Zuschlagen entwickelt worden sein.

Waren die Menschen untereinander einst friedlich, oder sind sie von Anfang an mit Zähnen und Klauen aufeinander los gegangen? Das ist eine alte Frage: In den Augen von Rousseau waren die Menschen freundliche Gesellen, bis sie die Ursünde begingen, die der Einführung des Privateigentums; ganz anders sah es Hobbes, für ihn waren die Menschen ab ovo so aggressiv, dass sie nur unter der starken Hand einer zentralen Autorität – der des Leviathan – halbwegs miteinander auskamen. Die beiden Bilder lösen einander immer wieder ab, einmal werden die ursprünglichen Menschen als edle Wilde imaginiert, dann als Wölfe, die Kulturwissenschaften unterliegen Moden.

Gibt es zuverlässigere Zeugen? „Wenn die Aggression in unserer Vergangenheit wichtig war, sollten wir Evidenz dafür in unserer Anatomie finden.“ Das erklärt David Carrier, Biologe an der University of Utah, der sich auch als „Friedensforscher“ versteht und die Menschen für „aggressive Affen“ hält bzw. für die „gewalttätigsten Wirbeltiere auf unserem Planeten.“ Diese Idee kam Carrier 2007, als ihm auffiel, dass der er erste, der aufrecht gehen konnte – Australopithecus –, relativ lange Arme hatte und kurze Beine. Gut gehen konnte er mit diesem Körper nicht, aber dessen Schwerpunkt lag tief: Man konnte kräftig zuschlagen und eingesteckte Schläge gut auspendeln. „Man“ meint für Carrier Mann: Die Männer hätten um Frauen und Reviere gekämpft.

Und sich um des härteren Zuschlagens willen schließlich – mit Homo erectus – auf Dauer zum aufrechten Gang erhoben: Viele Tiere stehen zum Kämpfen auf zwei Beine auf – Katzen, Hunde Bären –, nur der Mensch blieb in dieser Haltung, weil Schläge von oben nach unten härter ausfallen als in Gegenrichtung, Carrier hat es experimentell erhoben, die Testpersonen waren Boxer.

 

Nur wir schlagen mit Fäusten zu

Die schlagen mit den Fäusten zu – und Hände zu ihnen ballen können nur Menschen, das fiel Carrier als nächstes auf. Dann wandte er sich dem zu, auf das die Schläge am häufigsten einprasseln, das Gesicht, vor allem Unterkiefer, Nase, Augenhöhle. Dort waren die Männer seit Australopithecus mit besondern starken Knochen und Muskeln gewappnet, bei den Frauen war das nicht so.

Nun kommt Carriers nächster Schlag: Wer kräftig zuhauen will, braucht einen sicheren Stand. Bei dem haben die Menschen und die Menschenaffen wieder eine Besonderheit: Fast alle anderen Primaten legen beim Stehen und Gehen das Gewicht „digitigrad“ auf die Zehen, wir sind „plantigrad“, Sohlengänger, setzen den gesamten Fuß auf. Warum wir das tun, ist nicht recht klar, es gibt viele Hypothesen, Carrier hat eine neue, er hat sie neuerlich experimentell getestet (Open Biology 15. 2.): Diesmal ließ er Boxer auf ein von der Decke hängendes Pendel – voll mit Messgeräten – eindreschen und dabei entweder eine digitigrade oder eine plantigrade Haltung einnehmen.

Letztere brachte wesentlich mehr Wucht in die Schläge, sie verschwand, als die Probanden mit rutschigen Socken auf einen rutschigen Boden mussten. „Das ist wieder ein Stück in dem breiteren Bild, laut dem wir in gewissem Grad auf aggressives Verhalten spezialisiert sind“, schließ Carrier.

Nicht alles allerdings, was die Ahnen sich physiognomisch erwarben, ist geblieben. Vor allem die Knochenwülste im Gesicht sind geschwunden, Homo sapiens ist grazil geworden, auch deshalb heißt er bei Anthropologen „moderner Mensch“. Wie passt das zu Carriers Hypothese? Nicht schlecht, H. sapiens hat Waffen ersonnen, gegen die kräftigste Knochen nichts helfen.