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Biathlon-WM: Erlösender Jubel der Gastgeber

Mesotitsch, Eberhard, Eder und Landertinger (v. l. n. r.) strahlten als Dritte mit der Sonne in Hochfilzen um die Wette. Das so ersehnte Edelmetall, es ist geschafft.
Mesotitsch, Eberhard, Eder und Landertinger (v. l. n. r.) strahlten als Dritte mit der Sonne in Hochfilzen um die Wette. Das so ersehnte Edelmetall, es ist geschafft.(c) APA/AFP/FRANCK FIFE
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Am vorletzten Tag der Biathlon-WM hat Österreich angeschrieben. Die Staffel lief zu Bronze, die Bilanz der Heim-WM war plötzlich makellos, Nebengeräusche schienen vergessen.

Jahrzehntelang hatten die Biathleten um die Aufnahme in den internationalen Skiverband gekämpft, inzwischen würde man den Skijägern dort den roten Teppich ausrollen. Der Biathlon-Boom geht ungebremst weiter, gemessen an den europäischen TV-Quoten ist er längst der Wintersport Nummer eins. Auch die Arenen sind voll, Dynamik, Schnellkraft, vor allem auch die mentale Stärke der Athleten faszinieren. Die Leistungsdichte ist so hoch wie kaum in einer anderen Sportart, zwei Dutzend Biathleten könnten in jedem Rennen aufs Podest laufen.

Die WM in Hochfilzen hat all das eindrucksvoll bestätigt. Ein Rennen war spannender als das andere, bis zu 22.300 Zuschauer pro Wettkampftag bescherten den Titelkämpfen im Pillerseetal eine Traumkulisse. Auf den Rängen gaben die deutschen Fans den Ton an, während der Schießeinlagen aber hätte man sogar die sprichwörtliche Stecknadel fallen gehört. Alles bei fast zwei Wochen Kaiserwetter.

Mit den beiden Massenstarts hat die WM heute noch zwei Highlights zu bieten. Für die Österreicher ein abschließendes Schaulaufen, das Ziel, eine Medaille zu gewinnen, ist bereits vollbracht. Die Männerstaffel (4 x 7,5 km) mit Daniel Mesotitsch, Julian Eberhard, Simon Eder und Dominik Landertinger kämpfte sich bei Sonnenschein im frisch verschneiten Hochfilzener Stadion zu Bronze, 20,1 Sekunden hinter den Weltmeistern aus Russland, 14,3 hinter Frankreich. Chefcoach Reinhard Gösweiner atmete tief durch, Schlussläufer Landertinger, der auf Platz zwei ins Rennen gegangen war und mit einer sehenswerten Attacke noch Bronze gegenüber Deutschland absichern musste, zog es die „Ganslhaut“ auf, der Druck sei unmenschlich gewesen.

Denn die Gastgeber hatten die Bilanz der Heim-WM lange getrübt. Tiefpunkt war das Debakel der Damen-Staffel mit der Disqualifikation von Julia Schwaiger. Die Salzburgerin hatte einmal zu oft nachgeladen, war wie auch die restliche junge ÖSV-Damenmannschaft dem schlagartig gestiegenen Medieninteresse noch nicht gewachsen. Dazu kamen die Querelen zwischen ÖSV und der privaten Biathlonschmiede. Zwei unterschiedliche Trainingsphilosophien trafen aufeinander, ein Machtkampf, mitunter ausgetragen auf den Rücken der jungen Athletinnen. Nach der umstrittenen ÖSV-Aufstellungspolitik hängt der Teamfrieden am seidenen Faden.

Für einen Lichtblick sorgte Dunja Zdouc im Einzel mit vier fehlerlosen Schießeinlagen und Platz elf. Sollte Aushängeschild Lisa Theresa Hauser heute aber nicht noch der große Coup gelingen – eine Medaille wäre auch ihr erster Weltcup-Podestplatz – war es eine verpatze WM für die ÖSV-Damen.

Eberhard, Landertinger und Eder müssen heute keiner Medaille mehr nachlaufen und können entspannt ans Werk gehen. Mesotitsch hat die Qualifikation für den abschließenden Massenstart knapp verpasst.

Provokationen, Sensationen. Die Superstars wurden in Hochfilzen ihrem Ruf gerecht. Martin Fourcade prägte einmal mehr ein Großereignis. Ehe sein Medaillenregen (Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze) einsetzte, auch als Solospitze im Anti-Doping-Kampf. Im Stich gelassen vom Biathlon-Weltverband lieferte er sich einen Schlagabtausch mit den Russen, der erst dank des „Handshakes von Hochfilzen“ mit Anton Schipulin ein Ende fand. Dennoch: Die Aufstellung von Dopingsünder Alexander Loginow beim Auftakt war eine Provokation des russischen Verbandes, über den Kopf von Chefcoach Ricco Groß hinwegentschieden.

Auch das Kriminalstück um die Kasachen samt Doping-Razzia im Teamquartier warf mehr Fragen auf als es Antworten lieferte. Auch wenn Österreichs Anti-Doping-Agentur inzwischen erklärte, dass alle Kasachen sauber seien.

Dann aber dominierten sportliche Schlagzeilen. Johannes Thingnes Bø, 23, Martin Fourcade, 28, und Ole Einar Bjørndalen, 43, bildeten ein bemerkenswertes Generationen-Podest. Bjørndalen und Ehefrau Darja Domratschawa räumten innerhalb weniger Stunden Bronze und Silber ab – während die gemeinsame viereinhalb Monate alte Tochter bei den Großeltern schlummerte. Auch nach seiner 45. WM-Medaille will der Altmeister noch weitermachen, zumindest bis Olympia 2018. „Jeder fragt mich, wann und ob ich Oles Rekorde brechen werde“, erklärte Fourcade. „Ich antworte immer: Wenn ich wirklich einen seiner Rekorde brechen möchte, muss er aufhören, immer neue aufzustellen.“

Die Rekorde purzelten auch bei Laura Dahlmeier. Viermal Gold (und einmal Silber) hat die 23-jährige Bayerin in Hochfilzen schon gesammelt, Nummer fünf wäre heute keine Überraschung. Dahlmeier ist der Superstar dieser WM, ihre Rennen bescherten deutschen TV-Anstalten Marktanteile von über 30 Prozent. Nur Gabriela Koukalová konnte ihr eine Goldmedaille streitig machen, mit der tschechischen Nationalheldin wehte ein Hauch Glamour über den Tiroler Truppenübungsplatz. Auch die Geschichte von Einzel-Weltmeister Lowell Bailey verzückte, der Sensationsmann lebte den amerikanischen Traum in Hochfilzen.

Trotz mancher Nebengeräusche war diese WM ein voller Erfolg. Am Sonntag folgt mit den Massenstartrennen noch der letzte Showdown. Nur die Allerbesten sind am Start, auf der Loipe und am Schießstand kommt es zum Kampf Mann gegen Mann. Noch mehr Adrenalin, noch mehr Spannung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2017)