Tilda Swilton: Bringt das Klopapier mit!

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die britische Oscarpreisträgerin ist Viennale-Stargast. Sie erklärt, warum ein Esel ihr Idol ist, wie noch provokative Kunst entsteht – und ruft die Kinokratie aus.

„Die Presse“: Als Begleitfilm zur Schau mit Ihren Arbeiten beim Wiener Filmfest haben Sie Robert Bressons Meisterwerk „Au hasard Balthazar“ über einen Esel ausgewählt.

Tilda Swinton: Der Esel gibt meiner Meinung nach die beste Darstellung, die jemals einem sterblichen Wesen gelungen ist. Genau genommen waren es mehrere Esel, Bresson hat sie zur Essenz eines Esels zusammengefasst. Der Esel hat keinen Begriff davon, was es heißt, gefilmt und beobachtet zu werden – jedenfalls denken wir das –, und nach dieser Ursprünglichkeit strebe ich auch in meiner Arbeit. Mit dem kleinen Kind im Viennale-Eröffnungsfilm La Pivellina war es ähnlich – jedenfalls, bis es dann auf die Bühne kam. Da gibt es Szenen, die vermitteln das Gefühl, dass sich das Innere unverstellt ausdrückt, ohne die Abwehrmechanismen und die Formen sozialen Benehmens, die man später kultiviert.

 

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich eigentlich immer selbst spielen.

Swinton: Ein Schlüsselmoment für mich war, als ich mit zehn Jahren im Zug saß: Ich war todtraurig, weil ich zurück ins Internat musste. Ich sah die anderen Menschen im Abteil an und mir wurde klar, dass sie keine Ahnung hatten, wie es mir ging – und ich wusste nicht, was in ihnen vorging. Vielleicht war der zeitungslesende Mann ein Mörder – gut, mit zehn hatte ich wohl nicht solche drastischen Vorstellungen. Jedenfalls verhielten sich alle so gefasst wie ich, es gab keine Chance, ins Innere zu blicken. Das Begreifen dieser Entfremdung war ein Schlüsselmoment für mich. Der Esel hat nur eine Ebene, da gibt es keine zusätzliche Schicht. Das versuche ich auch in meiner Arbeit: die Schutzschicht abzuschälen, einen aufrichtigen Kern freizulegen.

Ihre Rollen wirken aber sehr unterschiedlich.

Swinton: Bei den meisten Filmen gab es eigentlich noch gar kein Drehbuch, ich habe die Charaktere mit den Filmemachern entwickelt. Dieser Dialog ist das Entscheidende. Aus Hollywood bekam ich zuletzt schon fertige Drehbücher wie bei wie meinem Oscarfilm Michael Clayton und bei Burn After Reading von den Coen-Brüdern. Der passt kaum in meine Filmografie, er wäre auch ohne mich entstanden, und Aufrichtigkeit spielt darin keine Rolle. Es reizte mich einfach, eine Figur zu spielen, die dauernd wütend ist. Aber das ist eine Scharade, wie auch meine Eiskönigin in den Narnia-Filmen. Das ist Konfektion, nicht Couture.

 

Am Anfang Ihrer Kinokarriere stand die innige Zusammenarbeit mit Derek Jarman und anderen auch politisch engagierten Regisseuren. Gibt es heute noch Erben dieser Linie?

Swinton: Ja, denn es wird immer radikale und provokative Künstler geben! Aber es ist eine Frage der Möglichkeiten: Wie können sie ihre Arbeit finanzieren? So gibt es heute einige Kunst in England, die sich direkt auf Derek bezieht. Aber der größte Unterschied war, dass seine Filme oder die von Peter Greenaway in den späten Achtzigern große Wirkung hatten, das wurde nicht als Arthouse-Nischenprodukt wahrgenommen, sondern breit diskutiert. Es gab diese Frau namens Mary Whitehouse, die eine Organisation für Familienwerte gegründet hatte, und versuchte, Dereks Kunst und Ähnliches unterdrücken zu lassen. Die beiden führten dann eine unerhörte Debatte – und waren damit ständig in der Boulevardpresse. Das ist heutzutage unvorstellbar. Aber auch der Produktionskontext hat sich verändert: Die heutigen Erben Dereks in England sind wohl eher jene Künstler, die in den letzten Jahren aus der Galerie ins Kino gegangen sind, wie Steve McQueen mit seinem IRA-Film Hunger oder Sam Taylor-Wood.

 

International könnte man an den experimentellen thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul denken, den Sie ja enthusiastisch gefeiert haben. Sie haben sogar Texte über ihn verfasst. Er ist auch ein gutes Beispiel für die veränderten Strukturen, vor allem bei der Distribution: Seine Filme laufen fast nur auf Festivals und Retrospektiven.

Swinton: Apichatpong ist definitiv ein Erbe dieser Filmkultur – und arbeitet auch im Kunstkontext. Das erinnert mich daran, wie Derek für unseren ersten gemeinsamen Film Caravaggio 1986 sogar für einen Turner-Preis nominiert wurde. Apichatpong und er sind Regisseure, die aus einem künstlerischen Umfeld kommen. Leider hat Apichatpong auf der globalen Bühne zwei gewichtige Nachteile: Seine Filme sind nicht englischsprachig, und er selbst ist auch noch Thailänder. Aber er ist ein Visionär mit einem außergewöhnlichen Talent: Wie Derek hat er eine internationale, ja eine intergalaktische Stimme. Und wie viele vergleichbare Künstler wird Apichatpong im Ausland gefeiert, während man ihn im Inland gering schätzt – tatsächlich wird er in Thailand sogar unterdrückt! Sein Kino ist das Gegenteil von nationalem Kino.

 

Sie organisieren selbst ein kleines Filmfestival namens „Ballerina Ballroom Cinema of Dreams“ in Nairn in den schottischen Highlands, woher Ihre Familie stammt. Sieht man dort das Kino, das Sie persönlich lieben?

Swinton: Erst heute Morgen habe ich mich dazu entschlossen, es nicht mehr stattfinden zu lassen! Denn jetzt erwartet jeder, dass es wieder passiert. Das Festival war ein Experiment, das ich mit dem Filmkritiker Mark Cousins startete: Wir mieteten einen alten Ballsaal und zeigten eine Auswahl unserer Lieblings-DVDs. Ganz unspektakulär. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, war die internationale Reaktion darauf: Leute aus der ganzen Welt sind zu uns gekommen und haben über das Festival berichtet! Andererseits war es überraschend und wegweisend, dass 87% unserer Zuseher aus dem Ort, aus Nairn, waren. Alte Damen saßen da und sahen Filme von Fellini und Fassbinder – und sie lieben es! Obskure Meisterwerke wie die autobiografische Filmtrilogie des Schotten Bill Douglas aus den frühen Siebzigerjahren sorgten für Begeisterung. Oder Bresson, darum lasse ich ihn zeigen. Heuer bekamen wir aus Gründen der Engstirnigkeit den Ballsaal nicht: Also zogen wir mit unseren Filmen durchs Land. Da fruchtete die Gemeinschaftsidee erst so richtig: Wir ermuntern die Zuschauer, aktiv zu sein, Kekse oder Stühle mitzubringen oder sich zu verkleiden. Sie liebten es und machten den Raum zu „ihrem“ Kino. Bei meinem nächsten Festival wird Geld überhaupt keine Rolle mehr spielen: Die Leute sollen sogar ihr Klopapier mitbringen.

 

Das klingt wie eine kommunistische Utopie.

Swinton: Es wird die beste Demokratie, die man sich vorstellen kann. Was für einen Namen könnte man ihr geben? Ich wäre für Kinokratie – Cineocracy!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2009)