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Der Name „Heldenplatz“ ist heute auch positiv aufgeladen

(c) APA/HERBERT NEUBAUER
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Der Versuch, Dämonen der Geschichte durch Umbenennungen von Orten zu bannen, ist stets heikel. Und manchmal ist es gar nicht mehr nötig.

Wer kann sich noch an Waluliso erinnern? So nannte sich in den 1970er-und 1980er-Jahren ein sympathischer Wiener Kauz, der Toga, Kranz, Hirtenstab und Apfel trug und Wasser, Luft, Licht und Sonne predigte. Und Frieden. Einer seiner Sprüche ist als Tondokument auf dem Album der Wiener Band Blümchen Blau (1982) überliefert. „Es ist Zeit, dass man aus Heldenplätzen Friedensplätze macht“, sagte er mit großem Pathos: „Für die Jugend brauchen wir Friedensplätze – und keine Heldenplätze.“

Hatte Waluliso recht? Hatte Minister Thomas Drozda recht, wenn er im Interview mit der „Presse am Sonntag“ anregte, über eine Umbenennung des Heldenplatzes nachzudenken?

Tatsächlich: Die Helden, deren Denkmäler diesem Platz 1878 seinen Namen gaben, waren vor allem Kriegshelden; die Statuen zeigen Reiter in der Schlacht. Und es ist ein großer kultureller Fortschritt, dass wir den Krieg verachten und den Frieden lieben, das war nicht immer so. „Wie lange müssen wir nun warten, bis auch die anderen Pazifisten werden?“, fragte Sigmund Freud 1933 in „Warum Krieg?“ – wir könnten ihm melden: Zumindest offiziell, zumindest in Europa bekennen sich heute alle zum Frieden; wir haben längst keine Kriegsministerien mehr, und Schlachtgesänge singen wir nur im Fußballstadion.

Eben deshalb denken wir, wenn wir an Helden denken, nicht mehr an Kriegshelden, eher an Helfer, Retter, Selbstlose. Das Grübeln, was denn heldenhaft sei, haben wir internalisiert, wie die Anführungszeichen, zwischen die David Bowie seinen Songtitel „Heroes“ setzte. Der Krieg jedenfalls hat, Gott sei Dank, für uns das Heldenhafte verloren; dass die Denkmäler, die an Gefallene der Kriege erinnern, Heldendenkmäler heißen, kommt uns altväterlich, ja: anstößig vor. Das ist gut so, und dennoch kratzen wir nicht die Worte aus ihnen, überschreiben wir sie nicht.

Auch Denkmäler sind Geschichte, und Geschichte kann man nicht einfach überschreiben. Man kann sie neu interpretieren und erklären, etwa auf Zusatztafeln, wie das derzeit – unter dem unschönen Begriff „Kontextualisierung“ – bei Straßennamen geschieht. Umbenennungen sind heikel, hinter ihnen verbirgt sich im Grunde ein Glaube an die Allmacht von Worten, daran, dass Böses aus der Welt sei, wenn man es nicht mehr ausspricht. Und wer kann immer zuverlässig Gutes von Bösem trennen? Augenmaß tut not.

Ein Kommentator in der „Zeit“ plädierte unlängst etwa dafür, nach Ernst Moritz Arndt benannte Schulen und Universitäten umzubenennen. Das scheint vernünftig: Der Dichter und Historiker Arndt saß 1848 im ersten deutschen Parlament, aber er war wilder Deutschtümler und Antisemit; Stätten des Geistes, der Bildung sollten nicht seinen Namen tragen. Mit Straßen ist es anders: Wer alle Arndtstraßen umbenennen wollte – es gibt auch eine in Wien –, müsste konsequenterweise alle nach Martin Luther und Richard Wagner benannten Plätze ebenfalls umbenennen; beide waren arge Antisemiten.


Zurück zum Heldenplatz. Nicht nur sein Name ist historisch belastet, er selbst ist es viel schlimmer, durch Hitlers Auftritt 1938. Es wäre verständlich gewesen, hätte man ihn bald nach 1945 umbenannt, als Geste, dass man diesen bösen Geist bannen will. Heute ist er gebannt, der Platz ist längst auch anders aufgeladen, durch Friedensdemonstrationen, durch Lichtermeere, durch das alljährliche Fest der Freude. All das verbindet man inzwischen mit dem Ortsnamen Heldenplatz. Und ja, auch Thomas Bernhards einst skandalträchtiges Theaterstück und vor allem Ernst Jandls wunderbares Gedicht, das so beginnt: „der glanze heldenplatz zirka / versaggerte in maschenhaftem männchenmeere / drunter auch frauen die ans maskelknie / zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick / und brüllzten wesentlich.“ So bannt man Dämonen der Geschichte, nicht durch Umbenennung.

Und noch bevor jemand einen weiteren heiteren Vorschlag für einen neuen Namen für den Heldenplatz macht: Waluliso hat zwar keinen Platz, aber eine Brücke, zur Donauinsel.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2017)