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Das Ende der Euphemismen: Ein Präsident spricht Klartext

Mit der Betonung der Wirksamkeit von Folter betritt US-Präsident Donald Trump keineswegs Neuland. Überraschend ist lediglich, dass es jemand offen ausspricht.

Eines muss man ihm lassen: Heuchler ist Donald Trump keiner. Er besitzt die Fähigkeit, Tatsachen auf den wunden Punkt zu bringen. Bei ihm herrscht Klarheit, wo Schönredner lang die Wirklichkeit verschleierten. Etwa bei den Kriterien seiner Personalentscheidungen. Bisher hoben die Präsidenten die philanthropischen Leistungen ihrer Auserwählten hervor. Nun blickt man hinter die Kulissen.

Bei ihrer Anhörung wurde die Erziehungsministerin, Betsy DeVos, gefragt, ob sie der Republikanischen Partei tatsächlich 200 Millionen Dollar gespendet habe? Sie antwortete: „Collectively, over my entire family, that is possible“, was zur sarkastischen Nachfrage führte: „Glauben Sie, dass Sie auch ohne diese Spenden hier säßen?“

Hier Geld, da Job. Trump hat dieses System nicht erfunden. Damit ist die Charaktermaske ab. Ebenso unmissverständlich beschrieb der neue Präsident, was er von den Menschenrechten hält. Dem Fernsehsender ABC erzählte er von seiner Unterredung mit führenden Geheimdienstleuten. Er habe gefragt: „Does torture work? And the answer was yes, absolutely.“ Trump-Allergiker fanden das ekelhaft. Dabei hatte er nur eine scheußliche Wahrheit auf den Punkt gebracht.

Tatsächlich wirkt Folter, sosehr wir uns gegen diese Vorstellung sträuben. Gerade deshalb wurde und wird sie ja angewendet. Hans Castorp im „Zauberberg“: „Die Folter war abgeschafft, obgleich die Untersuchungsrichter immer noch Möglichkeiten hatten, den Angeklagten müde zu machen.“ In Orwells „1984“ wird ein Gefesselter mit Ratten gefoltert und verrät seine Geliebte.

Leider hat die Realität die Literatur beträchtlich übertroffen. Die Gestapo spürte durch systematische Anwendung der Schaukelfolter Hunderte Widerstandskämpfer auf und brachte sie unter das Schafott. Dass Gefolterte nur nutzlose Angaben machen, ist leider falsch.

Auch unsere Sehnsucht nach heldenhafter Verweigerung von Geständnissen ist eine Illusion. Hinausgeschmuggelte Kassiber von Verhörten beweisen das Gegenteil. „Bei der Gestapo hat noch jeder gestanden“, schrieb 1942 ein Häftling. „Ich markierte Zusammenbruch und spie falsche Sachen aus. Aber sie bringen dich so weit, dass du ihnen alles sagst. Ich hoffe, dass solche Stunden in meinem Leben nie mehr wiederkehren.“

Schwerste physische Misshandlungen wurden im Zweiten Weltkrieg auch bei den Fallschirmagenten der Alliierten oder später als Wasserfolter in der DDR mit Erfolg angewendet. Auch wenn der Nutzen von „enhanced interrogations“ in den USA diskutiert wird, muss allein ihre begriffliche Verwandtschaft mit den „verschärften Vernehmungsmethoden“, wie sie Reinhard Heydrich 1936 befahl, abstoßend wirken.

Skrupellose Folter ist effizient. Trumps Geheimdienstfachleute können sich auf grässliche Vorbilder berufen. Dass diese aus einer Epoche stammen, in der die USA moralisch auf der Gegenseite standen, stimmt nachdenklich. Die Kritik an der rhetorischen Folter-Kraftmeierei eines US-Präsidenten muss allerdings tiefer ansetzen.

Seit mehr als 300 Jahren weisen Staatsrechtslehrer darauf hin, wie problematisch es ist, aus Tatsachenbeobachtungen ein ethisches System zu konstruieren. Aus dem Sein, so lesen wir bei David Hume, lässt sich kein Sollen ableiten. Selbst wenn uns eine zynische Vernunft beweist, dass Folter effizient sein kann, sagt uns das Gefühl sehr klar, dass es sich dabei um Unrecht handelt – vielleicht auch nur aus der Angst, einmal selbst ihr Opfer zu werden.

Es gibt keine Geschichte der Folter, sondern nur eine Unrechtsgeschichte. Donald Trump musste ihre Wirksamkeit nicht erfinden. Er hat sie nur brutal ausgedrückt. Und wahrscheinlich kann er mit viel Gleichgültigkeit und der Ermüdung des Mitgefühls rechnen.

Wie schrieb schon Nietzsche: „Wir wissen es. Die Welt, in der wir leben, ist unmoralisch, ungöttlich, unmenschlich. Wir haben sie allzu lange im Sinne unserer Verehrung interpretiert.“

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2017)