Nicht dass die Lederhosenarchitektur über der Baumgrenze ausstirbt. Aber sie bekommt ernsthafte Konkurrenz. Durch innovative Köpfe, stylige Ansinnen und mehr Wirtschaftlichkeit durch Ökokonzepte.
Die neue Monte Rosa ist alles, nur keine Hütte. Ein eckiges Ufo, bei einiger Fantasie. Oder ein Megabergkristall, das kommt dem Objekt schon näher: Weit oberhalb von Zermatt hat die ETH Zürich gemeinsam mit dem Schweizer Alpin-Club ein spektakuläres und intelligentes Gebäude errichtet. Die neue Monte-Rosa-Hütte funktioniert bis zu 90 Prozent energieautark, wurde nach allen Regeln der Nachhaltigkeit gebaut und sehr ansehnlich verpackt. Sieht also ganz nach einer internationalen Vorzeigearchitektur in lichten Höhen aus.
Silbrig schillert der unregelmäßige Bau zwischen helvetischem Schnee, Fels und Eis; diesen Effekt erzeugt die Aluminiumhülle, die diesen komplexen Holzbau überzieht. Nach Süden saugt eine Fotovoltaikanlage jeden Sonnenstrahl ein und nutzt ihn für wohltemperierte Raumluft und fürs Warmwasser. Nichts wird vergeudet, vieles wird mehrfach verwertet. Durch manche Hähne rauscht Grauwasser, alles wird durch eine Mikrofilteranlage gereinigt. Und wenn's draußen schmilzt, sammelt sich das Wasser in einer Kaverne, für Zeiten, in denen man am Fuß der Dufourspitze auf dem Trockenen sitzt. Ein gutes Gewissen für Alpinisten.
Ferngesteuert aus der Stadt
Zwölf Semester lang arbeiteten Studenten und Professoren an der neuen Monte-Rosa-Hütte. Ihr innovatives Herzstück ist eine Software, die Daten – etwa Auslastung, Wetter, Energiebedarf – vom Berg an die ETH Zürich liefert und automatisch dafür sorgt, dass vor Ort die richtigen Dinge passieren: zum Beispiel eine Heizung zugeschaltet wird, wenn die Sonne auslässt.
Wie sieht's drinnen aus? Fünf Geschoße, das bedeutet viel Platz für die Gäste. Funktionell, ansprechend. Davon können sich Bergsteiger ab März überzeugen – über den Winter ist das alpine Refugium geschlossen. Es liegt nur knapp unter der Dreitausendermarke.
Stichwort Dreitausender: So wie die Monte-Rosa-Hütte einem Giganten ins Gesicht blickt, dem Matterhorn, sieht sich die neue Adlerlounge von 63 austriakischen Dreitausendern umzingelt. In einer Suite in dieser großen, lichten Box auf dem Cimaross schaut einem der Großglockner sogar direkt auf den Kopfpolster.
Leicht hätte man an dieser exponierten Stelle zwischen Matrei und Kals eine traditionellere Hütte hinstellen können. Eine urige mit mehr oder weniger Altholz (derzeit schwer in Mode). Und vielleicht schön exklusiv noch dazu, wie das die Bauunternehmer und Bergbahner Heinz und Martha Schultz mit der Kristallhütte – und aktuell mit der Wedelhütte – im Zillertal gemacht haben.
Mehrfach genutzt
Aber kleine Tiroler Almhüttenfenster werden dem allerprächtigsten Panorama von Österreich halt nicht gerecht. Und so umfasst bei der Adlerlounge eine Rundumglasfassade den luftig großen Raum, in denen Skifahrer nicht schnell einschneiden, sondern gemütlich abhängen sollen.
Zusätzlich beherbergt der Bau mehrere Zimmer und eine Seilbahnstation. Im Winter wird die Adlerlounge nicht nur zur Mittagseinkehr und zum Quartier, sondern auch zum Veranstaltungsort mit Modeschau, DJ-Set oder Weinverkostung; keine Kulisse für die deftige Skihüttenpartyfraktion.
Anderer Berg, kühner Bau: Ziemlich puristisch ist der Eindruck des neuen Bergrestaurants „Weissenelf“ (w11) am steirischen Stuhleck. Die Innsbrucker Architektin Silvia Fracaro setzte außen auf die Wirkung von Stahlbeton und Lärchenholzverkleidung an einem schlichten Baukörper. Das Prägende des w11 aber ist die große Glasfassade nach Süden. Damit Licht bis in den hintersten Winkel des modern designten Bergrestaurants fällt. Optisch ist man hier schon sehr weit weg von all dem alpinen Formenkanon, wie immer dieser auch interpretiert wird. Das w11 ist auch ökologisch: Niedrigenergiebauweise, effiziente Wärmerückgewinnung und zwei verschiedene Wassersysteme.
Stark nachgewittert
Schon vor einigen Jahren entstand in einer sensiblen Zone der Hochsteiermark ein Pionierbau mit ökologischem Gewissen. Mitten auf dem Hochschwab planten pos architekten ein Schutzhaus, das dank erneuerbarer Energie, maximaler Ausnutzung des Sonnenlichts, Wasseraufbereitung und einer intelligenten Raumaufteilung unabhängig ist.
Vielleicht kümmern derlei ökologische Bestnoten den Alpinisten wenig. Vielen geht es hauptsächlich um die Optik, um den Komfort nach einem langen Tag am Berg oder im Schnee.
So viel zur Gemütlichkeit: Neue Architektur im höchsten Alpenraum dockt gern an uralte alpine Traditionen an, arbeitet mit unbehandeltem heimischen Holz, das nachwittert und grau wie die Felsen wird. Sie setzt die Steine ein, die sie umgeben und greift frühere Gebäudeformen auf, die besser funktionierten als so mancher Stilimport. Das hat zur Folge, dass man an manchen Stellen zweimal schauen muss, um das beeindruckend Neue zu erkennen.
Die Olpererhütte in den Zillertaler Alpen ist so ein Fall, Hermann Kaufmann setzte ein, was an Formen schon da war: Natursteinmauern, Satteldach, Schindeln. Aber ein weit hinausragender Bauteil und das schmale Panoramafenster sind ein Indiz, dass an der schlicht-schönen Hütte ein ganz heutiger Geist gewerkt hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2009)