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„The Other Side of Hope“: Melancholiker werden zuerst abgeschoben

Khaled Ali (Sherwan Haji) und Wikström (Sakari Kuosmanen) haben sich ordentlich geprügelt – jetzt sitzen sie im Gasthaus beisammen, die Versöhnung lässt nicht mehr lange auf sich warten.
Khaled Ali (Sherwan Haji) und Wikström (Sakari Kuosmanen) haben sich ordentlich geprügelt – jetzt sitzen sie im Gasthaus beisammen, die Versöhnung lässt nicht mehr lange auf sich warten.(c) Sputnik Oy/Malla Hukkanen
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KritikAki Kaurismäkis „The Other Side of Hope“, mit dem Regiepreis der Berlinale ausgezeichnet, macht einen Flüchtling zum Helden und verleiht ihm eine stille Würde. Dass es manchmal etwas zu nett zugeht in Akiland, mag man nachsehen.

Sitzen drei Finnen auf einer Bank, fährt ein Auto vorbei. Nach einer halben Stunde sagt einer: „Das war ein BMW.“ Eine halbe Stunde später meint der zweite: „Nein, ein Mercedes.“ Nach wieder einer halben Stunde steht der dritte auf: „Ich hau ab – eure Streiterei ist ja nicht zum Aushalten.“

Der Witz bringt das Kino von Aki Kaurismäki gut auf den Punkt. Es kondensiert Klischees über die wortkarge Nationalseele seines Heimatlandes zu lakonisch-melancholischen Erzählungen, in denen das Dramatische stets ein wenig lächerlich wirkt und das Lächerliche stets ein wenig dramatisch. „Akiland“ sieht aus wie eine Mischung aus abgewracktem Bahnhofsviertel und Film-Noir-Set, voll anachronistischer Artefakte der US-Popkultur der 50er und 60er, gepresst in sorgfältig komponierte und kunstvoll ausgeleuchtete Tableaus, die gerade stilisiert genug sind, um sich einzuprägen.

 

Wasabi mit der Schöpfkelle

Kaurismäkis Trademark ist sein trockener Humor. Wenn im Film „Ariel“ (1988) jemand aufs Klo geht, um sich zu erschießen, ringt einem die emotionslose Selbstverständlichkeit, mit der die Verzweiflungstat angekündigt, ausgeführt und akzeptiert wird, bei aller Bitterkeit doch ein Lachen ab. Ein Kaurismäki-Kniff liegt darin, die existenzielle Malaise und stoische Leidensdarstellung des europäischen Arthauskinos soweit zuzuspitzen, dass man sie nicht mehr ernst nehmen kann. Von Chantal Akermans meisterhaftem Anomie-Panorama „Toute Une Nuit“ (1982), in dem einsame Herzen durch nächtliche Straßen streunen, ist sein Schaffen nur einen kleinen – entscheidenden – Schritt entfernt. Der zweite Kunstgriff? Die Polsterung der Abgründe mit Humanismus: Kaurismäki schenkt seinen verlorenen Figuren gern sentimentale Happy Ends. Und weil für sie meist alles andere schief läuft, freut man sich dran.

In den 90ern hatte Kaurismäki einen Programmkino-Höhenflug, nach dem Großen Cannes-Jurypreis für „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) wurde es ruhiger um ihn – die Formel seiner Filme schien verbraucht. Mit dem französischsprachigen „Le Havre“ (2011) verpasste er ihr eine Frischzellenkur, indem er sie für eine Solidaritätsbekundung mit Flüchtlingen nutzte. „The Other Side of Hope“ führt diese Linie weiter, und vergangenen Samstag wurde es mit dem Regiepreis der Berlinale ausgezeichnet.

Die Handlung parallelisiert ungleiche Schicksale: Khaled Ali (Sherwan Haji), Flüchtling aus Aleppo, will in Helsinki um Asyl ansuchen. Obwohl er vom Kriegstrauma schwer geschädigt ist, rät ihm ein Freund, sich fröhlich zu geben: „Die Melancholischen werden immer zuerst abgeschoben.“ Es nützt nichts – bald ist Khaled auf der Flucht vor den Behörden und landet in einer Kaschemme. Die hat der unwirsche Kleinunternehmer Wikström (Sakari Kuosmanen) mit einem Poker-Gewinn gepachtet. Der Fremde kommt ihm ungelegen – anfangs tauschen beide lapidare Faustschläge aus. In Kaurismäkis Welt ist das nur ein Vorspiel für den freundschaftlichen Händedruck. Bald wird Khaled in die Belegschaft integriert und macht sich mit Wikströms Hilfe auf die Suche nach seiner verschollenen Schwester.

Zwischendurch findet Kaurismäki immer Zeit für Albernheiten: Zur Umsatzsteigerung verwandelt Wikström sein Gasthaus in eine „hippe“ Sushi-Bar, wo Wasabi mit der Schöpfkelle portioniert wird und Dosenhering als Lachsersatz herhalten muss. Und natürlich darf Musik nicht fehlen, denn Musik bringt die Menschen zusammen: Wie gewohnt wechseln sich Schlager aus der Konserve mit famosen Blues- und Rockabilly-Konzertszenen ab, intoniert von Tuomari Nurmio – nur mischt sich diesmal auch arabische Folklore ins Soundtrack-Medley.

Man sollte Kaurismäkis Idee, seine Loser-Geschichten für die Flüchtlingserfahrung zu öffnen, nicht als Marketing-Kalkül abtun – sein zum Teil fast märchenhafter Stil befreit Figuren wie Khaled aus den stereotypen Mustern thematisch vergleichbarer Filme, macht sie zu Kinohelden und verleiht ihnen stille Würde. Dass es manchmal etwas zu nett zugeht in Akiland, mag man darob nachsehen. Zumal die ökonomische Inszenierung immer noch betört: Wie Kaurismäki hier etwa das Ende einer Beziehung in knappen, wortlosen Bilderfolgen schildert, weckt Erinnerungen an sein großes Vorbild Bresson.

„The Other Side of Hope“ war als Teil zwei einer Trilogie über Hafenstädte gedacht, doch auf der Berlinale kündigte der 59-jährige seinen Ruhestand an. Auch der Abspann-Widmung an seinen Freund, den 2014 verstorbenen Cinephilen Peter von Bagh, haftet etwas Finales an. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Kaurismäki mit dem Kino-Abschied flirtet – bisher ist immer etwas nachgekommen. Man hofft, dass es so bleibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2017)