Let's make money: E-Book-Boom

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Kindle(c) Daniel Breuss
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Warum Unternehmensanleihen immer riskanter werden, und wie die Aktie von Amazon.com vom E-Book-Boom profitiert.

Die Berichtssaison für das dritte Quartal läuft ziemlich gut, aber die großen Indizes kommen seit ein paar Wochen nicht mehr so recht vom Fleck. Das heißt noch nicht, dass die Rallye zu Ende ist. Wohl aber, dass die Sache den Anlegern nicht mehr recht geheuer ist. Wer auf den Rallye-Zug rechtzeitig aufgesprungen ist und im letzten halben Jahr höhere zweistellige Renditen eingefahren hat, der macht jetzt offenbar erst einmal Kasse. Dass das nicht zum (von vielen ohnehin erwarteten) Rückschlag geführt hat, liegt wohl daran, dass nun offenbar noch viele Nachzügler in den Markt springen. Mit deutlich höherem Risiko.

Wenn man sich die Investmentströme anschaut, dann sieht es ein wenig danach aus, als würde ein beträchtlicher Teil des Geldes, das per Gewinnmitnahmen aus dem Markt fließt, jetzt in hochverzinste Unternehmensanleihen rinnen. Hier baut sich freilich ein Risiko auf, das für die Anleger wesentlich höher als jenes an den Aktienmärkten ist. Auch deshalb, weil es den wenigsten bewusst ist.

Ramschanleihen. Bei den Unternehmensanleihen geht der Trend nämlich ziemlich rasant in Richtung „Ramschanleihen“. Die Renditen der Schuldscheine erstklassiger Schuldner haben zuletzt ja recht deutlich nachgegeben, während Schuldner mit geringerer Bonität nach wie vor sehr hohe Zinsen zahlen müssen. So manchem Brancheninsider wird leicht schwindlig, wenn er sieht, wie viele – vor allem europäische – Privatanleger jetzt so agieren, als hätte es nie eine Krise gegeben – und ausschließlich auf die Verzinsung schauen. Ausfallsrisiko? Nie gehört!

Das kann ins Auge gehen: Analysten erwarten eine dramatische Zunahme der Anleihenausfälle. Und zwar dort, wo derzeit die größte Nachfrage herrscht: in der B-Liga. Bei jenen Unternehmen also, deren Anleihen beispielsweise von Standard & Poors schlechter als mit „BBB“ bewertet werden. Hier sollten Anleger jetzt extrem vorsichtig sein: Die schönste Verzinsung nutzt nämlich gar nichts, wenn der Schuldner umfällt und ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ansteht. Und dieses Risiko wird in den nächsten Monaten stark steigen. Schon jetzt sind die Ausfälle so hoch wie in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr.

Stockpicking ist ratsam. Wahrscheinlich ist es da wohl besser, in Aktien zu bleiben. Hier muss man jetzt aber immer mehr Zeit für das richtige Stockpicking aufwenden. Denn selbst wenn die Berichtssaison so gut weiterläuft, ist die Rallye dabei, sich totzulaufen. Und im kommenden Jahr wird es wohl sehr gebremst weitergehen. Vor allem in den USA und im krisengeschüttelten Großbritannien, meinen die Aktienstrategen von Credit Suisse. Bessere Chancen sehen die Schweizer in der Eurozone und in Kanada. Hier sollte es „zumindest neutral“ weitergehen.

Derzeit ist aber auch das Potenzial in den USA noch bei Weitem nicht ausgeschöpft, wie in den vergangenen Tagen beispielsweise die Online-Buchhandelskette Amazon.com gezeigt hat: Der weltgrößte Onlinehändler hat mitten in der Krise eine starke Zunahme von Umsatz und Gewinn berichtet. Der Aktienkurs ist daraufhin am vergangenen Freitag ordentlich hochgeschossen. Wer nicht investiert war, hat damit einen ordentlichen Kursschub versäumt, muss aber nicht unbedingt den Kopf hängen lassen. Denn der überraschende Amazon-Erfolg hat einen Namen, der für eine kurssteigernde starke Geschäftsausweitung garantiert: „Kindle“. Das E-Book-Lesegerät von Amazon (ISIN US0231351067) hat (zusammen mit den für dieses Lesegerät verkauften elektronischen Büchern) einen wesentlichen Teil des überraschend starken Umsatz- und Gewinnanstiegs des Online-Buchhändlers ausgemacht.

Amazon-Aktie im Höhenflug. Bücherfreunde mag das überraschen („Wer will schon Handke auf einem Computerbildschirm lesen“, hat man gehört), aber das Geschäft läuft. Und es „kannibalisiert“ den Verkauf normaler Bücher nicht: Der Onlinehändler selbst spürt trotz hoher Zuwachsraten bei E-Books keinen Rückgang bei den Buchverkäufen. Im Gegenteil: Amazon-Chef Bezos hat vor einiger Zeit überrascht konstatiert, dass E-Book-Käufer häufig ihre elektronisch gelesenen Bücher noch einmal in Buchform ordern.

Offensichtlich will man auch was Repräsentatives fürs Bücherregal haben, auch wenn man fürs Lesen unterwegs nicht kiloweise Papier mitschleppen möchte.

Amazon hat zwar Konkurrenz (etwa von Sony), die Amerikaner haben aber ein geniales Instrument zum Ausbau des Marktes entdeckt: „Kindle“-Applikationen für iPhone und Blackberry. Was auch das Hardware-Geschäft beleben könnte. Denn irgendwann macht das Lesen auf dem kleinen Display des Kulttelefons keinen Spaß mehr – und dann ist der nächste Kunde für „Kindle“ akquiriert. Alles in allem dürfte diese Entwicklung Amazon mittelfristig recht schöne Zuwachsraten bescheren, was dem Aktienkurs gut tun müsste. Das Papier sollte also trotz des Kurssprungs in der Vorwoche weiterhin ein klarer Kauf sein.


Local.com für spekulative Anleger. Wer es gern spekulativer hat und bei ergebnisverursachten Kurssprüngen dabei sein möchte: Die US-Suchmaschine Local.com (ISIN US53954R1059) veröffentlicht am kommenden Dienstag nach US-Börsenschluss ihr Q3-Ergebnis. Das dürfte ziemlich gut sein, denn für die vergangenen Monate hat Local.com bereits Rekord-„Traffic“ vermeldet. Allerdings: Um die Analystenerwartungen zu übertreffen, muss es schon sehr gut sein: Die liegen im Schnitt bei mehr als 40 Prozent Gewinnplus. Local.com steht etwas im Schatten der Branchengiganten Google und Yahoo, was aber nicht irritieren sollte. Die Amerikaner haben sich nämlich in einer profitablen und sehr schnell wachsenden Nische breitgemacht, in der sie mit den Giganten durchaus auf Augenhöhe kämpfen: bei der lokalen Suche. Wer in seiner engeren Umgebung schnell einen Arzt oder eine Reparaturwerkstatt sucht, für den ist in Amerika Local.com erste Wahl. Analysten trauen der Aktie, deren Kurs sich heuer schon annähernd vervierfacht hat, mittelfristig 20 bis 30 Prozent Kursplus zu. Aber wie gesagt: Im Vorfeld der Ergebnisveröffentlichung ist die Sache hoch spekulativ. Man sollte also fürs Erste nicht zu tief in die Investitionskasse greifen.

josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)

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