Die SPÖ bejubelt Ferrero. Warum macht sich die ÖVP eigentlich nicht für Gusenbauer stark?
Da kenne sich wer aus: „Frau sein allein ist nicht genug“, bemerkte einst Barbara Prammer kühl über die damalige ÖVP-Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner. In den vergangenen Tagen war Ferreros Frau-Sein plötzlich Grund genug für die SPÖ, um sich für ihren Verbleib in der EU-Kommission einzusetzen. Aber in Wahrheit ging es natürlich nicht um Frauensolidarität, sondern der innerparteilich bedrängte Werner Faymann braucht einen Sieg über Josef Pröll, der ihm zunehmend die Schau stiehlt. Außerdem wollte der Kanzler offenbar von der Peinlichkeit seiner Abwesenheit bei der Eröffnung des (von der „Krone“ kritisierten) Hauses der Europäischen Union in Wien am 16. Oktober ablenken, wo von EU-Kommissionspräsident Barroso über Bundespräsident Heinz Fischer abwärts alles anwesend war, was Rang und Namen hat. Eigentlich hatten die Koalitionsspitzen ja schon im Jänner vereinbart, dass die SPÖ das Nominierungsrecht für den Richterposten am Europäischen Gerichtshof bekommen würde (seit Oktober sitzt dort Maria Berger) und die ÖVP Wilhelm Molterer als EU-Kommissar stellt – nicht besonders elegant, aber auch in anderen Ländern Usus. Wirklich ungewöhnlich wurde es erst, als Faymann plötzlich auf Ferrero setzte, nachdem er in Brüssel Molterer (und Johannes Hahn) vorgeschlagen hatte. Eine Spitze gegen die ÖVP, die leider einen kleinen Kollateralschaden verursacht hat: Österreich mutiert nun endgültig zum Schrulliverein in der EU.
Ein Wunder, dass Josef Pröll nicht mit einem taktischen Vorschlag konterte, der wiederum Faymann die Fußnägel hätte aufrollen lassen: Wäre nicht Alfred Gusenbauer ein großartiger EU-Kommissar? International bestens vernetzt, fast so vielsprachig wie Ferrero, immerhin ein ehemaliger Kanzler! (Außerdem würde er von Tag eins an seinen Nachfolger nerven, dem er sich mit Sicherheit intellektuell himmelhoch überlegen fühlt, und die „Krone“ mit EUphorie auf die Palme bringen.)
Dieses Spiel lässt sich natürlich locker weiterspinnen: Die ÖVP könnte der SPÖ Franz Vranitzky als Bundespräsidentschaftskandidaten ans Herz legen, für den sie im Gegensatz zu Heinz Fischer auch eine Wahlempfehlung aussprechen würde. Oder könnte gar Hannes Androsch der verzweifelt gesuchte „bürgerliche Kandidat“ sein? Was sind wir doch für ein lustiges Völkchen, nicht?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)