Rottnest Island: Die Insel der Hüpfzwerge

Quokkas
Quokkas(c) STR New / Reuters
  • Drucken

Vor der Küste von Perth, der Hauptstadt von Westaustralien, liegt Rottnest Island. Für die Aborigines war es "der Ort jenseits des Wassers". Später, im Krieg, waren hier Österreicher und Deutsche interniert.

Wadjemup nannten die lokalen Aborigines, die Ureinwohner Australiens, diesen Flecken Erde. Das heißt „Ort jenseits des Wassers“, und es passt: Weil jener felsige Ort eine Insel ist, 18 Kilometer vor der Küste Westaustraliens, praktisch direkt gegenüber von Perth, der Hauptstadt jenes wüstenhaften australischen Bundesstaates. Und der Ort heißt „Rottnest Island“.

Ursprünglich, noch vor 7000 Jahren, war das Inselchen gar kein solches, sondern Teil des Festlands. Hier lebten Menschen, das zeigen Artefakte. Dann stieg der Meeresspiegel, aus dem Land wurde eine Insel, ganz ohne Aborigines. Als holländische Seefahrer 1610 auf sie stießen, war sie wüst und leer – und war es auch noch, als ein gewisser Captain James Stirling im August 1829 am Swan River nahe dessen Mündung in den Indischen Ozean die Vorläufersiedlung von Perth, jener Stadt zwischen zwei Meeren, dem aus Sand und dem aus Wasser, gründete. Jetzt leben 1,8 Millionen Menschen im Großraum Perth.

Es dauerte nach der Ankunft der weißen Siedler jedenfalls nicht lange, bis Wadjemup für Australiens Ureinwohner zum Ort der Bedrohung wurde: Ab 1839 war sie fast 60 Jahre ein Gefängnis für männliche Aborigines. Ein grimmiges Stück Geschichte, das bis heute gegenwärtig auf der Insel ist.

Alles voller Hüpfzwerge. Der Kontrast zwischen dem Gestern und Heute ist eigentümlich – vielleicht v.a. deshalb, weil das Eiland sonst mit schwer zu überbietender Idylle lockt: Türkis glitzernde Buchten mit Bilderbuchsandstränden umranden die grüne Insel, die gleichzeitig ein zaunloses Gehege für „Quokkas“ ist. Diese putzigen Beuteltiere (eine Art kleiner Kängurus, man nennt sie fachlich „Kurzschwanzkänguru“ bzw. Setonix brachyurus) gibt es so zahm und zahlreich nur noch hier: Etwa 10.000 der knapp katzengroßen Nager huschen tagsüber, und vor allem nachts, über die elf Kilometer lange und höchstens halb so breite Insel.

„Quokka-Island“ könnte Wadjemup daher ebenfalls heißen, aber die Holländer nannten es „Rotte-Nest“. Ein Rattennest nämlich glaubte Kapitän Willem de Vlamingh vor sich zu haben, als er 1696 landete. Es wimmle dort vor Viechern, meinte der Kapitän der „Geelvink“ und drehte ab.

Der Name blieb, die Quokkas ebenso. Sie knabbern zwischen den Tischen im Garten des einzigen Pubs an Pommes frites, die ihnen nicht bekommen, nagen im Buschland an den gesünderen gelb blühenden Akazien und hüpfen in bester Beuteltiermanier durch den Vorgarten des einstigen Ureinwohnergefängnisses. Denn das steht bis heute; nur schlafen in den einstigen Zellen heute zahlende Gäste der charmanten „Rottnest Lodge“.

Für oft geringfügige Vergehen wurden die Aborigine-Männer einst aus ganz Westaustralien hergeschafft: Etwa, weil sie nicht zur Farmarbeit erschienen waren oder Essen gestohlen hatten. Insgesamt waren auf Rottnest Island über 3700 Aborigines inhaftiert. 1904, so erinnert eine Tafel vor dem in hellem Ocker gestrichenen Gebäude, wurde das Gefängnis geschlossen.

Jeder Zehnte starb. Jeder Zehnte überlebte die Haft nicht. Krankheiten, Entwurzelung von ihrer Heimat und schwere Arbeit fällten die Männer. Den hübschen Leuchtturm, die Hafenmole und selbst die Wände ihrer Zellen mussten sie selbst mauern: Rund um einen achteckigen Gefängnishof errichteten sie die „Quod“ – heute die spartanischste und billigste Unterkunftvariante der Lodge.

Die Stimmung im Innenhof ist friedlich, wie fast überall auf der Insel, nur rosagraue Galah-Papageien schwatzen vor den umlaufenden Veranden. Der Karzer fand später, nachdem keine Aborigines mehr da waren, noch mehrfach eine passende Verwendung: Im Ersten Weltkrieg waren hier Österreicher und Deutsche interniert. Im Zweiten Weltkrieg Italiener.

In den Kriegen stand Australien als Teil des Britischen Empires auf der Seite der Alliierten. Und so kamen Kriegsgefangene nach Rottnest Island, meist Matrosen deutscher Kriegs- und Handelsschiffe, die bei Kriegsausbruch 1914 in australischen Gewässern waren. Vor allem aber waren es Zivilisten, die in Australien und britischen Territorien im asiatisch-ozeanischen Raum lebten. Speziell im Ersten Weltkrieg herrschte in Australien Angst, dass Einwanderer aus Deutschland und Österreich eine „fünfte Kolonne“ bilden und Schaden anrichten könnten.

1100 internierte Österreicher. Und so waren 1914–18 in mehreren Camps in Australien rund 5800 Deutsche und 1100 Österreicher interniert. Im Mai 1915 waren allein auf Rottnest Island etwa 630, auf Listen im Australischen Nationalarchiv findet man ihre (teils anglisierten) Namen, etwa „Carl Schmidt“, „John Zilko“, „Frederick Kalinowsky“.

Das Gros der Österreicher, etwa 700, waren übrigens slawische Untertanen des Kaisers, vor allem Kroaten, Serben und Dalmatier. Sie waren fast ausschließlich als Arbeiter in den Minen Westaustraliens tätig gewesen.

Einen weiteren militärischen Nutzen hatte das Inselchen im Zweiten Weltkrieg: Zum Schutze der Gewässer vor Perth vor den Japanern wurde eine kleine Festung mit zwei 23-Zentimeter-Geschützen und kleineren Kanonen installiert. Feinde kamen nie in Sicht. Man kann Teile des Forts, darunter die großen Geschütze, heute besichtigen.

Heute ist der geschichtsträchtige Quod-Bereich des Hotels denkmalgeschützt, aber ich bin froh über mein Zimmer im neuen Flügel: Der „Premium Lakeside Suite“ haftet zwar kein Flair der laut Tourismusbroschüre „faszinierenden Inselvergangenheit“ an, doch mir ist im Moment mein Ausblick lieber als schwere Historie.

Durch raumhohe Schiebetüren sehe ich auf den Garden Lake, einen der zwölf Seen der Insel, wo Salzfarmen einst Westaustraliens Salzbedarf deckten. Die Seen sind sechsmal so salzig wie der Ozean rundum, der zum Schwimmen daher deutlich attraktiver ist. Schwierig ist nur die Wahl: Rottnest hat 63 Strände in 20 Buchten. Zwar ist die Insel nur elf Kilometer lang, doch die kleinen Straßen führen nicht gerade in Luftlinie über das hügelige Naturparadies.


Rad fahren durch Rosmarin. Für mich treffen Uhrzeit, Wind und Muskelkraft die Entscheidung. Die Insel ist autofrei, nur Polizei, Müllabfuhr und ein Besucherbus sind motorisiert, folglich fährt fast jeder mit dem Rad, übrigens eine Rarität in Australien. Hügelauf und -ab strample ich durch das nach Rosmarin und Minze duftende Buschland und schaffe es nur bis Little Salmon Bay. Nicht weit, doch die Bucht ist wunderbar per Schnorchel und Taucherbrille zu erkunden: Lehrtafeln unter Wasser erklären die maritime Landschaft, warme Strömungen lassen bunte Tropenfische vorbeiziehen, von denen es hier um die 300 Arten geben soll, ein paar Korallen und Seesterne blitzen im fast unwirklich klaren Wasser.

Am nächsten Morgen umrunde ich die Insel in 90Minuten in einem Schnellboot, das eigenwilligerweise „Eco Cruise“ heißt. Wenig ökologisch rast es los, wird aber an den richtigen Stellen wunderbar langsam: In der „Fish Hook Bay“ verfolgen wir atemlos, wie ein riesiger Fischadler vor seinem Nest landet. Sturmtaucher jagen nach Beute, vor den schroffen Felsen der „Cathedral Rocks“ erholt sich eine Robbenfamilie vom nächtlichen Fischfang. Lässig dümpeln die Säuger rücklings in der Bucht, nur Schnauze, Barthaare und Flossen ragen aus dem glitzernden Wasser. Grandios.

Von den 13 Schiffswracks, die die Insel umgeben, sehen wir nichts – durchaus aber die bei Sonne im klaren Ozean gut sichtbaren Riffe, die ihnen zum Verhängnis wurden.

Am östlichen Horizont jenseits des Wassers tauchen immer wieder die Hochhäuser der Innenstadt von Perth, Australiens isoliertester Metropole, auf; zugleich scheinen Welten zwischen der Großstadt und der beschaulichen Insel zu liegen. Alle Gebäude auf Rottnest sind niedrig und beige oder ockergelb gestrichen. Abgesehen davon gibt es nur drei Farben: das Blau des Himmels, das Türkis des Wassers, das Grün der nach Kräutern und Zitrone duftenden Eukalyptusbäume und Büsche.

Vielleicht ist das ein Grund, warum Rottnest so entspannend wirkt: Alles ist einheitlich und unaufgeregt, Bausünden, die anderswo die australische Küste verschandeln, fehlen. Die malerischste Gasse am Ufer ist Vincent Way, eine der ältesten Straßen der Siedlung, die schlicht „Settlement“ heißt und von Aborigines mitgebaut wurde. Doch selbst die Shoppingzeile ist auf „Rotto“, wie die Perther „ihre“ Insel nennen, nicht hässlich. Vielleicht auch, weil es statt Parkplätze Fahrradständer gibt?

Endlich nicht mehr Jungfrau. Für die Bürger von Perth und viele der zwei Millionen Westaustralier ist „Rotto“ übrigens nicht nur ein beliebter Ort für Ausflüge, Kongresse, Hochzeiten und ähnliche Festlichkeiten: Hierher zieht es alljährlich im November auch viele Schulabgänger, quasi Maturanten, um Vollgas zu geben. Der australische Autor Robert Drewe (*1943) bezeichnete Rottnest Island in seinem 2000 erschienenen Buch „The Shark Net“ (Das Hainetz) jedenfalls als den Ort, „wo Westaustralier ihre Jungfräulichkeit verlieren“.

Hat die letzte Fähre die Tagesgäste abends wieder zum Festland gebracht, gehört das Eiland den Quokkas, dem Personal und jenen, die einen Schlafplatz ergattert haben. Was zur Hochsaison ein Glücksspiel ist, denn auf Rottnest gibt's keinen Privatbesitz: Alle alten Gebäude und die Ferienhäuser verwaltet die „Rottnest Island Authority“. Zur Hauptsaison entscheidet eine Lotterie, wer eine – und welche – Unterkunft bekommt. Ausgenommen davon sind nur Lodge und Hotel, die im Voraus gebucht werden müssen.

Hier gibt's kein Eigentum. Das „Kein-Eigentum“-Prinzip ist auch Grund dafür, dass Rottnests „dienstältester“ Einwohner der Priester ist: Monsignore Sean O'Shea lebt hier seit mehr als 30 Jahren und betreut die Kapelle und die katholische Kirche. Das macht ihn zur Ausnahme, denn selbst Parkranger, Kellner, die Krankenschwester und andere, die alles in Schuss halten, bleiben selten lange. Die meisten quartieren sich nur einige Monate oder ein Jahr in Hütten zwischen dickbauchigen Feigenbäumen ein und ziehen dann weiter.

Die einzigen alteingesessenen Insulaner sind und bleiben daher die Quokkas, die sich mangels natürlicher Feinde hier prächtig ausbreiten, aber angesichts der Trockenheit der Insel zugleich nicht zur Plage werden. Beschaulich und träge hoppeln sie vor meiner Terrasse über den Rasen zwischen Lodge und Seeufer, knabbern an Piniennadeln und Büschen, strecken ihre spitzen Nasen in die Abendbrise.

Die untergehende Sonne färbt den Garden Lake erst pastellrosa, dann dunkelrot. Im Westen blinkt der Leuchtturm auf – und sorgt dafür, dass der „Ort jenseits des Wassers“ bis auf Weiteres für vorbeisegelnde Entdecker nicht zum Verhängnis wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.