Bernhard, Bundesheer, Bälle, Balkon 1938? Was verbindet man mit dem Heldenplatz? "Die Presse am Sonntag" sammelte Ansichten zu einer Institution.
Festreden, Kranzniederlegungen, Panzer, TV-Kameras und über tausend Mal „Ich gelobe“: Montag ist es so weit – der Heldenplatz spielt seine große Rolle. Eine von vielen, möchte man sagen. Schließlich hat er ein fixes Repertoire. In der Literatur: Thomas Bernhard forever. In der Geschichte: Hitler, Anschluss, eh klar. Im Jänner, Februar: Bälle, Bälle, Bälle. Und dazwischen, das heißt, wenn gerade kein Erntedank, kein Marathon oder keine Heim-EM ansteht?
Gibt er im Alltag sehr überzeugend die für Wien seltsam weitläufige, seltsam leere Fläche, die den Touristen gehört und die man selbst nur auf dem Weg vom MQ in die Innenstadt quert, eilig meist und ohne große Gedanken. Denn wo so viel offizielles Ideenmobiliar herumsteht, scheinen eigene Überlegungen irgendwie überflüssig. Trotzdem gibt es sie, die persönlicheren Seiten einer Institution. „Die Presse am Sonntag“ hat gesucht und ein paar andere Heldenplätze gefunden.
Helden, nein, danke. Zum Beispiel den von Martin Schenk: den verdächtigen. Der Sozialexperte der Diakonie hat 1993 – ohne Twitter, Facebook, Handy – die, wie es in den Schulbüchern heißt, „größte Kundgebung der 2. Republik“ mitorganisiert: das gegen Fremdenhass gerichtete Lichtermeer auf dem Heldenplatz. Heute sagt er: „Ein Umzug wäre mir lieber gewesen.“ Allein des Namens wegen. Denn Helden sind dem Psychologen aus Prinzip suspekt – „weil man sich von ihnen Erlösung erwartet und sie davon ablenken, dass man selbst etwas tun kann“. Im Nachhinein, sagt er, stünden solche Aktionen einheitlich da, tatsächlich habe es damals aber verschiedene Ziele gegeben: „Die Gruppe, in der ich dabei war, wollte vor allem Mut für Integration machen. Die anderen wollten eher den Heldenplatz symbolisch reinigen.“ Letztere hätten sich durch- und als Helden des Guten in Szene gesetzt. Für Schenk ist das mit ein Grund, warum nach dem großen Akt „trotz der gar nicht üblen Stimmung“ das Handeln selbst auf der Strecke blieb: „Was folgte, war ein verlorenes Jahrzehnt für die Integration.“
Kundgebungen, ja, bitte. Was aber ist ein Jahrzehnt, wenn man in historischen Dimensionen misst? Wie Brigitte Bailer-Galanda, Historikerin und Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, die beim Betreten des Heldenplatzes – Überraschung – nicht sofort an 1938 denkt. „Meiner Erfahrung nach ist der Ort für die damals Verfolgten nicht so relevant. Da gibt es andere Plätze, wo es ihnen eher kalt den Buckel runter rinnt: Praterstern, Morzinplatz.“ Natürlich sei der Heldenplatz und die hysterische Begeisterung, mit der Hitler hier begrüßt worden ist, nach wie vor das Bild, das „weltweit Österreichs Opferrolle am wirksamsten infrage gestellt hat“. Inzwischen sei aber eine Umdeutung des Platzes gelungen – etwa durch die Erika-Weinzierl-Rede 1988 oder eben das Lichtermeer: „Ich denke, unsere Demokratie hat es – trotz aller politischen Tendenzen in der Gegenwart, die man kritisieren kann – geschafft, den Platz auch zu einem Ort des demokratischen Bewusstseins zu machen.“ An dieser Umdeutung müsse man freilich bewusst weiterarbeiten. Weniger gelungen fand Bailer-Galanda daher 2005 die „25 pieces“-Aktionen zu 50 Jahren Staatsvertrag. „Dort Kühe grasen zu lassen, ohne zu sagen, warum es den Hunger nach 1945 gab, hat wieder die Opferdiskussion gestärkt.“
Einfach Wiese. Apropos Gras, apropos Tiere, apropos more simple things: Das Grün auf dem Heldenplatz ist einer der Gründe, warum Eric Agstner seit fast 20 Jahren auf dem Weg zur Arbeit im Ersten gern hierherkommt. Das heißt: nicht er allein, sondern gemeinsam mit Una und Pokaha, seinen Hunden. Der Heldenplatz, schwärmt der Rechtsanwalt, sei nicht nur einer der schönsten, sondern auch einer der entspanntesten Orte der Stadt. Weil keiner schimpft, wenn die Hunde frei laufen („Das mit dem Leinenzwang ist relativ“) oder wenn sie Haufen machen. Dass nachher weggeräumt werden müsse, verstehe sich ja ohnehin von selbst, sagt Agstner, und „seit vier, fünf Jahren ist die Disziplin auch wirklich besser“. Perfekt ist sein Heldenplatz trotzdem nicht. „Was stört, ist, dass das Essen und Trinken auf der Wiese zunimmt“. Von menschlicher Seite. Das mache viel Mist und die Hunde, nun ja, nervös.
Einfach Arbeit. Vom Arbeitsweg zum Arbeitsplatz: zu Stefan Kirchebner. Als Kommandant der Garde, also des Repräsentationsverbands des Bundesheeres, ist für ihn der Heldenplatz Ausgangspunkt für viele seiner protokollarische Aufgaben für Präsident, Kanzler, Minister. An das erste Mal, als er hier war, kann sich der Soldat „ehrlich gesagt nimmer erinnern“. Bei der Wienwoche mit der Klosterschule in Stams gab es einfach „zu viele Eindrücke“. Sein zweites Mal, 1991 als junger Leutnant, hingegen hat er noch gut im Kopf: Sehr groß fand er den Platz damals und „was Besonderes“. Inzwischen ist beides Alltag und beim Arbeiten nicht viel Zeit zum Über-den-Heldenplatz-Grübeln. Und wenn doch? Dann er sieht sich um und denkt noch immer dasselbe wie damals: „Schon was Besonderes.“
Bald Baustelle? Aber auch Besonderes kann verändert werden. Der dringende Wunsch von Johanna Rachinger, Direktorin der Heldenplatz-Institution Nationalbibliothek, nach einem Tiefspeicher ist bekannt. Und auch ein zweites Projekt: ein Haus der Geschichte, ein Museum für österreichische Zeitgeschichte – konkret auf jenem Parkplatzstreifen, der zwischen Volksgarten und Heldenplatzgrünfläche liegt und den ein privates Unternehmen gepachtet hat. Der Vorschlag stammt von Manfred Matzka, einflussreicher Sektionschef im Bundeskanzleramt. Die Idee kam ihm auf dem Weg zur Arbeit. Da der Platz einst als „Kaiserforum“ geplant war, von dem heute noch die Hofburgseite mit der Nationalbibliothek zeugt, „könnte doch auf der Vis-à-vis-Seite eine republikanische Umsetzung“ des alten Plans durchgeführt werden“, meint Matzka. „Wenn ein kreativer Architekt dort etwas Neues realisiert“, sagt er, „wäre das doch eine schöne Klammer für den Platz.“ Seine Idee hat der Spitzenbeamte auch schon Heinz Fischer vorgetragen. Die Reaktion des Bundespräsidenten? Nennen wir es höfliches Interesse. Nicht bekannt ist hingegen, was Fischer von Schenks Vorschlag für den Platz der Helden hält: „Wenn schon, dann ein Kinderspielplatz.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)