Sie ist ein wertvolles Gut, der Schlüssel zum Wahlrecht, zu einem Leben in Sicherheit: Die österreichische Staatsbürgerschaft ist höchst begehrt. 10.258 Menschen wurden im Jahr 2008 in Österreich eingebürgert.
Eusebius Mandyczewski war schuld. Genauer, die Schriften des österreichisch-rumänischen Musikwissenschaftlers und Komponisten, die in Wiener Archiven zu finden sind. Um sie für ihre Diplomarbeit zu studieren, reiste Elena Larina 1997 zum ersten Mal nach Wien. Und merkte bald, dass sie sich in die Stadt verliebt hatte, dass sie am liebsten gleich hier bleiben würde. Es dauerte drei Jahre, ehe sie wiederkam. Ihr Studium in Kiew hatte sie inzwischen erfolgreich abgeschlossen, nun sollte es ein Post-Graduate-Lehrgang in Liedbegleitung an der Wiener Musikuniversität sein – jener Hochschule, die mittlerweile ihr Arbeitgeber ist.
Heute sitzt die 33-Jährige im Café Schwarzenberg, nippt an ihrem Cappuccino – und erzählt vom Tag, als sie ganz offiziell Wienerin wurde, vom Tag, an dem sie die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat. „Es ging nicht ohne Tränen.“ So vieles ging ihr am 24. August 2009 durch den Kopf – die Ankunft am Südbahnhof, nur mit einem Koffer in der Hand. Die ersten Tage in der fremden Stadt, in der sie niemanden kannte. Spaziergänge durch die City, in der sie an jeder Ecke etwas Neues entdeckte. Und der große Sprung, den sie geschafft hatte.
Geboren in der südrussischen Stadt Nowotscherkassk, als Vierjährige mit den Eltern nach Kiew gezogen – und nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 plötzlich Inhaberin eines ukrainischen Passes. Ein Pass, der ihr im Lauf ihrer Karriere als Musikerin immer wieder Sorgen bereitete. „Jedes Jahr gab es Stress, um die Dokumente für die Aufenthaltsbewilligung zu bekommen.“ Immer saß die Angst im Nacken, dass sie Wien verlassen müsse. Immer wieder musste die mittlerweile erfolgreiche Konzertpianistin zittern, ob sie rechtzeitig die Visa für ihre teils kurzfristig angesetzten Konzerte im Ausland bekommen würde.
Im Interesse der Republik. Irgendwann – längst fühlte sie sich in Wien heimisch – beschloss sie, nun auch formell Österreicherin zu werden. Als Musikerin stellte sie einen Antrag auf Staatsbürgerschaft wegen außerordentlicher Leistungen im Interesse der Republik Österreich – ein Verfahren, wie es auch bei Sportlern und Wissenschaftlern immer wieder angewandt wird. Und für das nicht einmal Deutschkenntnisse nachgewiesen werden müssen. Für Larina, die schon am Goethe-Institut in Kiew Deutsch gelernt hat, ein abwegiger Gedanke: „Ich verstehe nicht, wie man die Sprache eines Landes nicht lernen kann. Das gehört doch zur Kultur.“
Nur ein Jahr nach der Antragstellung hielt sie plötzlich einen positiven Bescheid in der Hand. Die österreichischen Behörden hatten schnell gearbeitet. Probleme hatte es nur gegeben, weil ihre sowjetische Geburtsurkunde nicht nostrifiziert werden konnte. Eine neue musste ausgestellt werden – in ihrem Geburtsort. Von dort machte das Dokument eine abenteuerliche Reise per Post nach Moskau, wo es von einer Freundin abgeholt wurde, mit ihr ein Monat lang auf Welttournee ging, ehe es endlich in Wien landete. „Ein lustiges Gefühl – mit 33 Jahren hatte ich eine neue Geburtsurkunde in der Hand. Ausgestellt im Jahr 2009. Ich fühlte mich wie neugeboren.“
Deutsch für Österreicher. Ganz realisiert hat sie es noch immer nicht. „Und es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis ich mich als richtige Österreicherin fühle“, meint sie. Aber jeden Tag geht ein weiterer kleiner Knoten auf. Etwa bei ihrer Arbeit als Korepetitorin am Institut für Gesang, an dem sie Sänger unter anderem in der richtigen Aussprache der Lieder schult: „Ich finde es lustig, dass ich auch bei alteingesessenen Österreichern die deutsche Aussprache kontrollieren muss.“
Elena Larina ist eine Ausnahme. Nur eine Handvoll der jährlichen Einbürgerungen erfolgt wegen außerordentlicher Leistungen im Staatsinteresse. Der Großteil der Neoösterreicher muss sich einem härteren Verfahren stellen. Grundsätzlich kann das nach zehn Jahren rechtmäßigen Aufenthalts im Land beginnen, bei Ehen mit Österreichern beträgt die Frist sechs Jahre. Seit März 2006 müssen außerdem ein Geschichte- und Demokratietest absolviert und die Deutschkenntnisse durch Unterlagen nachgewiesen werden.
Kaltes Wien. Tests, die auch Usama Ekladios machen musste. Bei ihm war ein Brieffreund daran schuld, dass es ihn nach Wien verschlagen hat. Warum Usama denn seine Doktorarbeit in Anglistik und Amerikanistik nicht hier machen wolle, hatte der gefragt. Keine schlechte Idee, fand der gebürtige Ägypter und verließ Kairo. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. „Die ersten Monate in Wien waren schrecklich“, erinnert er sich. „So kalt.“ Auch an die Sprache musste er sich erst herantasten – nicht in Kursen, von österreichischen Freunden lernte er Deutsch.
Irgendwann kam allerdings die traurige Erkenntnis, dass die Jobchancen mit seinem Studium nur begrenzt waren. So musste er umdenken, sich in einem anderen Bereich umschauen. Schließlich landete er bei einem Wifi-Kurs als Fitnesstrainer. Ein Beruf, der ihn enorm weiterbringen sollte: „Man hat Kontakt mit Österreichern, kommt viel zum Reden und lernt so die Sprache viel schneller.“ 2004 fing er als Trainer im Club Danube an und arbeitete sich innerhalb kurzer Zeit bis zum Fitnessleiter hoch, der nicht nur für andere Trainer verantwortlich ist, sondern auch für den Einkauf und die Organisation der Fitnessgeräte zuständig ist. Auch privat lief es für ihn hervorragend: Er lernte eine Österreicherin kennen, die er bald heiratete.
Familie gründen. Die österreichische Staatsbürgerschaft war für ihn lange kein Thema – „das war einfach nicht nötig, ich habe auch so alles gehabt“, meint er. Erst als er und seine Frau sich vergangenes Jahr entschlossen, Kinder zu bekommen, eine Familie zu gründen, da fasste er den Entschluss, um die Staatsbürgerschaft anzusuchen. Und nur rund 13 Monate später hatte er einen österreichischen Pass. „Es waren gemischte Gefühle“, meint er. Und doch überwog die Freude – daheim angekommen trank er mit seiner Frau Sekt und sang dazu „I am from Austria“. Österreichische Popmusik, Rainhard Fendrich oder Peter Cornelius, die hatte er schon vorher gern gehört.
„Ich bin gut integriert, kann die Sprache und fühle mich als Österreicher“, erzählt er. Nur mit Wien, da hat er seine Probleme: „In der Steiermark oder Kärnten, da sind die Menschen so lebenslustig und herzlich, hier in Wien wirken alle so ang'fressen, würden am liebsten zwei Meter um sich niemanden haben.“ Dabei hätten es die Wiener doch so schön, die Stadt sei sicher, und man werde auch in Notsituationen nie im Stich gelassen. „Die Wiener hätten jeden Grund, glücklich zu sein.“
Besonders aufgefallen ist ihm das, als er Anfang Oktober zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder in seine alte Heimatstadt Kairo gefahren ist, um seine Eltern zu besuchen. Der Verkehr, die Luftverschmutzung, das Chaos – all das ließ ihn immer wieder daran denken, wie gut er es in Wien erwischt hat. Und noch ein Punkt ist ihm wieder aufgefallen, den er an Österreich, an Wien, so schätzt: „Die Bürokratie funktioniert“, meint Ekladios. „Auch wenn hier viele darüber schimpfen.“
Einbürgerung kostet. Bürokratie, die muss anscheinend sein. Penibel zählt Manfred Klampfer, Leiter des Competence-Centers Recht und Personal in der für Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuständigen Wiener Magistratsabteilung 35, die Voraussetzungen auf, die zur Erlangung der Staatsbürgerschaft notwendig sind. Genau fasst er die Gebühren zusammen, die dafür anfallen – 1050 Euro für eine Person, 1826 Euro für eine Person mit Ehepartner, 1326 für eine Person mit Kind. Und auch die Zahl der bisher in Wien eingebürgerten Menschen kann er präzise abrufen: 2231 Einbürgerungen gab es heuer allein in Wien.
Wenn alle Anfragen geklärt sind, die zuständigen Juristen den Akt geprüft haben und er unterschrieben ist, dann, so erzählt Klampfer, „geht ein Schreiben an die Kundschaft raus“. Und der zuständige Referent, der die „Kunden“ durch das Verfahren geführt hat, ist auch bei der Verleihung dabei „und bringt sie zu einem feierlichen Abschluss“. In einem Gelöbniszimmer mit der österreichischen und der EU-Fahne – oder etwas schlichter im Zimmer des jeweiligen Referenten. Das mag nüchtern klingen, und doch kommt es dabei immer wieder zu emotionalen Momenten: „Manchmal bringen Leute extra eine österreichische Fahne mit“, erzählt der Beamte, manche würden weinen, „und andere fragen, ob sie jetzt die Bundeshymne singen sollen“.
Bürokratische Hürden. Ob Laurene-Rose Agbogbe am 29.Oktober auch singen wird? An diesem Tag wird der Dreijährigen die Staatsbürgerschaft feierlich verliehen. Quirlig springt sie in der Küche der Wohnung im zweiten Bezirk herum, während ihre Eltern vom Hürdenlauf erzählen, der notwendig war, um so weit zu kommen. Vater Serge Taffou, geboren in Kamerun, lebt seit 1999 in Wien, arbeitet bei einer Autovermietung, hat eine eigene Sendung auf Okto-TV und ist seit 2004 Staatsbürger. Diane Agbogbe kam vor neun Jahren aus Togo nach Österreich, beendete vor zwei Wochen erfolgreich ihr Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, ist aber noch nicht österreichische Staatsbürgerin. „Und weil wir nicht verheiratet sind“, sagt Taffou, „zählt die Nationalität der Mutter.“ Endlose bürokratische Wege waren notwendig, Anträge, Einreichen von Lohnzetteln – endlich, ein Jahr nach Antragstellung kam vor zwei Wochen schließlich der positive Bescheid.
Laurene-Rose, die in Frankreich zur Welt kam, geht mittlerweile in Wien in den Kindergarten. „Am Anfang hat sie nur Französisch gesprochen“, sagt ihr Vater, „aber mittlerweile hat sie uns schon ein paar Wörter auf Deutsch beigebracht.“ Nicht, dass das notwendig wäre – beide Elternteile beherrschen Deutsch, nur ein französischer Akzent schlägt manchmal leicht durch.
Aber eines ist für beide klar: Sie möchten ihr weiteres Leben in Österreich verbringen. Bei allen Problemen, die es auch geben mag – wenn sich etwa Menschen in der U-Bahn wegsetzen. „Für mich“, meint Taffou, „ist Österreich das beste Land der Welt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)